Mittwoch, 10. Mai 2017

Big Bear Lake- Deep Creek TM 314, 13.5.17

Seltsame Angelegenheit, ein wanderfreier Tag. Ich fühle mich wie zwischen Stuhl und Bank. Big Bear Lake ist grösser, als erwartet und hat mich zur normalen, anonymen Tourist in verwandelt. Eindeutig ein Statusverlust.
Ich befinde mich in einem Hotelzimmer mit allen Bequemlichkeiten, in einer amerikanischen Kleinstadt, mit entsprechendem  Angebot. Ein seltsamer Gegensatz zu den einfachen Umständen, in denen ich derzeit lebe. Ich habe diesen oft beschriebenen Hunger und Gier nach allem möglichen Dingen (noch?) nicht. Im Gegenteil, die paar Wandertage scheinen meine Konsumhaltung bereits verändert zu haben. Bin etwas überfordert und abgestossen. Das Phänomen ist bis jetzt bei Weitwanderungen stets aufgetreten. Es führt dazu, dass ich an Gewicht verliere. Auf einer Wanderung von 5 Monaten kann das zum Problem werden. Gleichwohl hoffe ich, dass dieser sogenannte “Hiker Hunger“, mich nicht treffen wird. Es fühlt sich um Vieles freier an,

Habe den Zoo besucht und mir diejenigen Tiere angeschaut, die mir in natura noch nicht begegnet sind. Der Grizzlybär etwa, der dem Ort den Namen gab, seit anfangs 20. Jrh. in den San Bernardino Mountains ausgerottet sind. Unterwegs sind mir einige Schlangen, Vögel, Hasen, Eichhörnchen, Echsen und ein wilder Truthahn begegnet. Corey (100 Meilen- Kaffee) hatte mir erzählt, dass der Truthahn für Amerika von grosser Bedeutung sei. Einer der früheren  Präsidenten hätte erwogen, diesen zum Nationalvogel zu erklären. Beide haben wir gekichert, bei der Vorstellung, wie der aktuelle Präsident wohl sofort nach Amtsantritt mittels Dekret einen repräsentableren Vogel in diesen Status erhoben hätte.

Kurz vor BBL eine gewisse Ernüchterung: der Trailhead befindet sich bei Tailmeile 266. Das heisst etwa ein Zehntel des gesamten Weges. Es ist unfassbar weit.

Zurück auf dem Trail verschwinden solche. Überlegungen. Ich laufe einfach, wie hat doch gestern ein Ausflügler gemeint: “ ...und täglich trägst du ein Stücken ab von dem Berg“

Es schöns Wocheändi. Mir jucken die Füsse...muss weiter.

Mission Valley, Big Bear Valley, Fotos

Montag, 8. Mai 2017

Snow Creek- San Gorgonio Wilderness 7.5.17

Am Samstagmorgen hatte ich mein Zelt bei Minustemperaturen abgebaut, nun stellte ich mein Zelt in der Wüste auf. Dazwischen lag ein langer Abstieg, der mir zusetzte. Von oben schien der San Gorgonio Pass nahe. Ich hatte die Neigung der Amis unterschätzt, ihre Wanderwege weit ausholend anzulegen. Der Abstieg zog sich über 15 Meilen hin. Geschätzt eine Meile für einen Höhenmeter. Wie immer, wenn ich etwas Unerfreuliches vor mir habe, wollte ich es möglichst schnell hinter mich bringen. Diese Strategie ging auf diese Länge nicht auf: die Fusssohlen brannten, die Stimmung war im Keller. Schliesslich fiel mir ein, dass ich noch Schockolade zur Krisenintervention bei mir hatte. Und ein paar Gedanken von Thich Nhat Than zum Thema laufen. Schweizer Schockolade und Thich Nhat Than- eine potente Mischung. Es ging mir danach erheblich besser, ich lief einfach, ankommen verlor an Bedeutung.
Unten im Tal stellte ich mein Zelt an der Wasserstelle auf, wie einige andere auch. Kurz nach Sonnenuntergang brach ein Sturm los, der bis um 4:00 dauern sollte. Das Zelt verbog sich in alle Richtungen. Ich erschrak dermassen, dass ich meine verstorbene Mutter um Hilfe anrief und sie bat, die Lüfte zu besänftigen. Das schien nicht in ihren Zuständigkeitsbereich zu gehören, das Treiben ging unvermindert weiter.  Gleichwohl wusste ich danach, dass es schon gut kommen wird. Und tatsächlich, das Zelt und ich überstanden die Nacht unbeschadet, aber leicht sandgestrahlt.
Nichts geschlafen, wegen des Windes keinen Kaffee am Morgen, Sandststapfen in endlosen Schlaufen Richtung Unterführung der Interstate 10 und der Bahn; es wollte keine Sonntagslaune aufkommen.
Nun, meine Welt ist eine einfache: gegen alle Übel gibt es nur ein Rezept: laufen.
Schlechte Laune?
LAUFEN!
Das hat seine Wirkung getan. Ein paar Stunden später sitze ich frohgemut* am Whitewater Creek, habe mich gewaschen und meine ganze Küche ausgebreitet. Auch wenn es gegen jegliche Ultra- Leicht- Regel verstösst: ich wollte unbedingt mal Bannock- Brot backen. Just in der klebrigsten Phase der Teigherstellung, tauchten zwei Hiker auf, sahen mich verwundert an, bewahrten Haltung und fragten nach der besten Stelle, um den Fluss zu überqueren.
Zur Sauberkeit unterwegs. Der Geruch und der Schmutz der Langdistanzwanderer anhaftet, wird in jedem Erlebnisbericht erwähnt. Die Mischung von Sand, Staub, Schweiss und Sonnencreme hinterlassen tatsächlich schnell ihre Spuren auf Haut und Kleidung. Ich halte es wie immer auf meinen Wanderungen: wann immer möglich wasche ich mich täglich, wo kein Wasser vorhanden ist, wird mit Feuchttüchern abgestaubt. Ich möchte verhindern, dass mein Gegenüber diskret die Fenster öffnet oder die Nase rümpft. Das würde ich sehr persönlich nehmen.
PS Hatte die letzten Tage kaum Internetverbindung und einige Probleme mit dem Tablet, deshalb kriegt Ihr einen veralteten Bericht. Hätte Euch zu gerne “ e scheene Sonntig“ gewünscht.
* Ein veralteter Ausdruck, der für mich zum Schulaufsatzrepertoire gehört, den ich ab und zu genüsslich verwende. So wie “ frisch gestärkt machten wir uns auf“ ....Je länger ich mich im fremdsprachigen Raum befinde, desto häufiger und genüsslicher verwende ich Dialektausdrücke. Pech für die, welche des Hinterländerdialektes nicht mächtig sind. Aber die werden sich ja wohl zu helfen wissen.

Freitag, 5. Mai 2017

Idyllwild, 5.5.17

Gestern (5.5.) stand die erste Bergetappe an; von Idyllwild (1650m) auf den Mount San Jacinto (3301m. Ich verfiel in meinen Geländegang, ein langsames, stetes, vertrautes Aufwärtsgehen, ein Spiel zwischen Armen, Beinen und Atem. Ab 2000m tauchten die ersten Altschneefelder auf. Es waren viele Tagesausflügler unterwegs, es war gut vorgespurt. Oben der fantastische Blick in die Wüste im Osten (Palm Springs), die Windfarm im Norden und den San Gorgonio Pass, der von hier oben allerdings mehr wie einen Einschnitt in die Bergkette ausschaut, wo die Interstate 10 durchführt. Was für Kontraste. Beim Abstieg traf ich auf einige Zelte, wo ich äusserst freundlich begrüsst wurde. “ Hello little Roumänä“. Tatsächlich, Morello, hatte mit ihrem derzeitigen Wanderpartner ihr Zelt hier aufgeschlagen. Wir begrüsssen uns immer mit grosser Begeisterung, gesprochen haben wir seit seit Warner Springs keine drei Sätze. Egal, Freude herrscht.

Mit den Namen ist es so eine Sache. Ich hatte die letzten Tage verschiedenste Vorschläge für einen Trailnamen gehört; stets war von meiner Kondition die Rede und- von meinen muskulösen Waden. Wie oft habe ich seit Beginn gehört, dass ich “wonderful calves“ hätte. Mir ahnte Schlimmes, was meine Namensgebung betrifft.
“Pocket Rocket“ sei mein Trailname, haben mir gestern Red Back und Drop Bear eröffnet. Ich hatte die beiden australischen Frauen, wegen der Heidi- Geschichte bis jetzt aus meinem Blog verbannt. Das weise sowohl auf die Körpergrösse und auf auf gewisse Zähigkeit hin, die ich zweifelsfrei hätte.
“Pocket Rocket“ also.
Und zwischendurch “Little Roumänä“

Mittwoch, 3. Mai 2017

Idyllwild, 4.5. 17

Vor Idyllwild ist der PCT wegen eines Waldbrandes 2013 für 10 Meilen gesperrt. Das fragile Ökosystem braucht Jahre, bis es sich wieder erholt hat. Es gibt verschiedene Varianten, damit umzugehen. Man geht oder fährt vom Paradise Valley Cafe die 14 Meilen nach Idyllwild. Man geht bis zum Sperrgebiet, geht dann zur nächstgelegenen Strasse geht oder fährt die verbleibenden 10 Meilen der Strasse. Oder als 3. Variante man geht man bis zum Sperrgebiet und von dort eine Alternativroute von 24 Meilen ins Dorf. Ich habe mich für diese entschieden. Ich bin keine Puristin, so nennt man jene, die keinen Zentimeter des Trails auslassen dürfen. Ich möchte einfach den ganzen Weg nach Kanada laufen, auch wenn ich manchmal auf Alternativrouten ausweiche.

Die letzten Tage hatte sich das Feld “the bubble“ aus gedehnt und gelichtet. 20% würden schon in der ersten Woche aufgeben. Ich bin die letzten zwei Tagen nur wenigen und unbekannten Leuten begegnet. Ob ich zwischen zwei Gruppen geraten bin?

Ich wandere über den felsigen und bergan gehenden Weg -und wenn treffe ich unverhofft am Wegrand sitzend? Cotton Candy. Sie hatte die Nacht bei Freunden verbracht und sitzt frisch wie eh und je unter ihrem Sonnenschirm.
ÖlVor mir geht ein junger Franzose, ein lieber Kerl. Er hat die Angewohnheit, dass er über Nacht vergisst, dass er sich im englischen Sprachraum befindet und am Vormittag- zur Verblüffung der Amerikaner- jeweils französisch spricht. Er ist schnell unterwegs und wir drei, die wir die Einzigen auf der Bergroute zu sein scheinen, verlieren uns schnell aus den Augen. Der Weg in die San Jacinto Berge ist anstrengender als die vorhergehenden Meilen, aber auch sehr abwechslungsreich. Ab einer gewissen Höhe wachsen die Bäume wieder, sie scheinen mehr Wasser zu haben. Unglaublich die Formenvielfalt und Zähigkeit der Manzanitas. Und die Blumen!
Im Osten, unten im Tal wird Palm Springs sichtbar. 41°hatten die gestern.

Heute morgen stelle ich fest, dass die Alternativroute zwei Meilen innerhalb des Sperrgebietes abzweigt. Das unterlasse ich und gehe runter zur Strasse. Dort stecke ich mir erstmals die Kopfhörer an. Mit June Carter und Johnny Cash lege ich einen Powerwalk auf der Strasse hin, an dem ich zwischendurch zweifle. Ob es eine Rolle gespielt hätte, wenn ich den Daumen hochgehalten hätte? Ich habe diesen Eindruck, ich werde noch oft in diese Situation geraten und möchte mein Vorhaben nicht durch Ausnahmen gefährden.
Aufmunterung gab es zweimal; einmal als ein Truckfahrer mit der einen Hand sein Horn blies und mit der anderen den Daumen in die Höhe reckte. Später hielt Ricardo mit seiner Harley, um mir vom lokalen Jerky zu geben.

Mit “Class 17“ fasst man alle diesjährigen PCT Hiker zusammen. Und wie ein Klassentreffen fühlte es sich an, als ich in Idyllwild eintraf. Die erste, die mir um den Hals fiel, war Morello. Ich traf sie mehrfach wieder, diesselbe begeisterte Reaktion; ob sie mich wohl verwechselte? Kevin war da, Alex und all' die vertrauten Gesichter. Ich hatte irgendwie gehofft, dass wir in der Zivilisation mehr Zeit füreinander hätten. Eine Täuschung: es gibt viel zu tun. Zimmer finden, einkaufen für die nächste Etappe, Wäsche waschen, zur Post gehen, Ausrüstung anpassen etc.
Die Gespräche werden folgen, lassen sich aber genauso wenig planen wie die Begegnungen.

Kaum habe ich meine Sachen erledigt, bin ich nur noch erschöpft. Mag nicht mal mehr auswärts essen gehen, Picknick im Zimmer, was durchaus seinen Reiz hat. Das Wetter soll Samstagnacht umschlagen. Ich gehe deshalb morgen Mittag schon wieder los, um die höchste Stelle der Jacinto Mountains vor dem Wetterumschwung zu bewältigen.

Dienstag, 2. Mai 2017

Walden

Unterwegs nach Idyllwild

Siebzig Zelte standen am Sonntagabend unter der grossen Eiche in Warner Springs. Am Agua Caliente Creek, wo ich übernachtete, ging es ruhiger zu und her. Nach und nach traf die Ü- 55  Fraktion ein. Vier Zelte standen bei Sonnenuntergang am Bach.
Der Massenauflauf in W.S hatte mit der Post zu tun. Die meisten warteten darauf, am Montag ihr Versorgungspaket abholen zu können. Andere wiederum pausieren, weil sie ihre Füsse pflegen müssen. Es ist unglaublich, was man da sieht. Grosse, blutige Blasen an den Füssen und sogar Blasen an den Schultern soll es geben. Es scheint, als ob einige noch nie einen Rucksack getragen, noch nie gewandert sind. Der PCT ist bis jetzt nicht anspruchsvoll zu gehen: ein sanftes Auf und Runter durch Trockenland. Er ist von daher für AnfängerInnen zu bewältigen, man wünschte ihnen, dass sie weniger schmerzhaftes Lehrgeld zahlen müssten. Ich selber habe eine empfindliche Stelle am rechten Fuss, und,- Überraschung-: eine Druckstelle am rechten Ohr. Schuld daran ist die korrigierte Sonnenbrille, die ich nicht gewohnt bin, ständig zu tragen.
Die trug ich auch, als ich endlich mal eine richtige Begegnung mit einer Klapperschlange hatte, nicht nur das flüchtende Hinterteil. Sie musterte mich, ich sie und dann gab sie den Weg frei, ohne mich anzuklappern. Das hatte Stil und mildert meine leichte Hysterie den Schlangen gegenüber.

Beim Wasserfiltern am Tule Canyon Creek,  136 Meilen, hat mir jemand gesagt, dass das Paradise Cafe, 153 m, entgegen anders lautender Informationen heute bis 15.00 geöffnet hätte. Es war 9.30, wenn ich mächtig aushole, würde ich es gerade noch schaffen. Gegen 13.00, ich war im Plan, begann ich schon bei leichten Steigungen zu keuchen wie Morello, als ich ihr das erste Mal begegnete. Man geht anders, wenn man ein bestimmtes Ziel hat, “ Greng abe o loufe“ und nimmt nicht mehr viel von der Umgebung und die eigenen Warnzeichen wahr. Ich würde dort völlig ausgepumpt ankommen, der Wirt würde sein Cafe schliessen und ich würde “fox devil 's wild“ deswegen. Auf ihn selbstverständlich.
Gerade rechtzeitig tauchte eine kleine Picknickstelle namens “Walden“ auf. Da ging ich erst vorbei und nach intensivem Selbstgespräch ging ich zurück. Nun sitze ich - Thoreaus 200. Geburtsjahr sei Dank- auf einem Stuhl im Schatten eines Manzanita Strauches und wundere mich über meine Gedankensprünge.

PS Bitte keine Päckli schicken. Es gibt die ersten 1000km genügend Einkaufsmöglichkeiten. Und zudem sind die Hikerboxen übervoll. Einige scheinen sich völlig überschätzt zu haben und was man nicht mit tragen will, landet in der HB.