Montag, 14. August 2017

Ashland- Crater Lake 13.8.17/ TM 1818

Es war ganz still am frühen Morgen. Am Abend zuvor hatte sich ein Gewitter entladen, das sich den ganzen Nachmittag aufgebaut hatte. Es schien den Wald und seine Bewohner in einen Tiefschlaf versetzt zu haben. Der Regen fühlte sich "heimelig" an, das letzte Mal hatte es in der Sierra, im Juni, geregnet. Ich war froh, dass ich nur am Rande davon betroffen war. Am nächsten Tag sollte ich über mehrere Kilometer ungeschmolzenen Hagelfeldern begegnen.

Wie es wohl Vicky ergangen ist? Sie sass wenige Kilometer vom Highway entfernt am Wegrand. Sie habe ihre Wasserflasche im Auto verloren und nichts zu trinken. Sie sei neu auf dem Trail und habe sich Oregon vorgenommen. Ich gebe ihr, was ich erübrigen kann, damit sie es zur nächsten Wasserquelle schafft. Dann erschwert sie sich ihren ersten Tag noch damit, dass sie mir zu folgen versucht. Das wird nicht gut gehen. Das ist ein Phänomen, das ich mehrfach beobachtet habe: Hiker, die auf dem Trail Besuch erhalten und eine Weile gemeinsam wandern. Man erkennt diese Wandergschpännli am leicht verzweifelten Gesichtsausdruck: die Langdistanzwanderer versuchen zu bremsen, der Besuch versucht, so schnell wie möglich zu laufen. Der Frust ist vorprogrammiert. Ich schätze unser Tempo, auf 4-5,5 km/Std. Bei Fifty Shades und seiner Begleitung dürfte die Anspannung andere Gründe haben. Er war bisher mit einer Trailfreundin unterwegs. Seit heute begleitet ihn seine "off trail"- Partnerin aus seinem normalen Leben. Es bleiben noch genug Wandertage bis Kanada, um die Sache zu klären. Vicky war heilfroh, auf eine Anfängerin zu stossen und ich hatte den Eindruck, Fifty Shades ging es ebenso. 

Das soziale Leben auf dem Trail bleibt Stückwerk. Man weiss nie, wem man wann und ob überhaupt wieder begegnet. Verstärkt wurde diese Dynamik wegen den Bedingungen in der Sierra Nevada, neu kommen die Waldbrände dazu. Dort, wo Teile des PCT gesperrt sind, umfahren einige die Sperrzone, andere umlaufen diese, auch wenn das " roadwalk" zur Folge hat, laufen auf der Strasse. Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten treffe ich immer wieder auf neue Leute. Immerhin, es gibt Neuigkeiten von einer alten Bekannten: Morello, mit Teddybär im Schlepptau, hält sich im Norden Oregons auf. Sie hatte gesundheitliche Probleme und musste pausieren. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen, das wäre schön.

Wie oft wurde mir empfohlen, den Süden Oregons auszulassen; da gäbe es nichts zu sehen. Ich bin anderer Meinung. Ich bin erstaunt, wie mich diese vulkanische Landschaft anspricht. Der Waldanteil hat zweifellos zugenommen, von einem grünen Tunnel zu sprechen, ist übertrieben. Der Wald ist licht, öffnet sich immer wieder und wird unterbrochen durch riesige Lavasteinfelder. Der PCT wurde aufwändig in den schwarzen Gesteinsmassen angelegt. Roter, zermalmter Lavastein wurde dazu hergebracht. Faszinierend. Mir scheint, es geht eine ungeheure Kraft von diesen Geröllhalden aus. Der Weg ist grösstenteils flach, der Rhythmus wird nur durch die vielen gefallenen Bäume und durch die Beeren unterbrochen. Letzteres hat vor Seiad Valley begonnen: dort hatte es Unmengen von Brombeeren und etwas, was "google" mit Zimthimbeere übersetzt (thimbleberry). Die Beere ähnelt optisch der Himbeere, geschmacklich erinnert sie an die nordische Moltebeere. Rote Heidelbeeren und vereinzelt blaue Himbeeren.

Ein Höhepunkt in vulkanischen Landschaften, der Craterlake, musste allerdings hart erlaufen werden. Der PCT war teilweise gesperrt und ich habe mich dazu entschlossen, den Umweg zu laufen. Das war anfänglich reizvoll:  der Weg nach Klamath Falls war topfeben, die Sonne ging auf, links und rechts riesige Rinderweiden.

Die Idylle wurde im Dorf kurzfristig getrübt, weil mich ein Ladenbesitzer rüde wegwies. Der Laden öffne erst in einer Stunde und ich würde andere zum Anhalten verleiten, was wiederum die Hotelgäste wecken würde und überhaupt sei das Privatbesitz. Dieses Verhalten ist eine Ausnahmeerscheinung und hinterliess mich perplex. Die Amerikaner sind uns ansonsten außerordentlich gut gesinnt.

Also keine Stärkung aus dem Bioladen vor dem Strassenabschnitt bis Mazama Village, Crater Lake. Ich habe bis jetzt keine Lücken auf dem Weg von der mexikanischen Grenze und hoffe, es bleibt dabei. Allerdings ist so ein "roadwalk" nichts Vergnügliches. Es ist Autopilot rein und ab durch die Mitte. Ich hatte an diesem Tag meine kleine, aber feine Trailmagic. Ein junger Mann hielt an und drückte mir Mirabellen in die Hand. Später gab mir ein Autofahrer eine Flasche Wasser. Ein weiterer munterte mich auf, du hast es beinahe geschafft.

Der Crater Lake hält, was er verspricht, er hat eine ungeheure Ausstrahlung. Er hiess früher Lake Majesty, absolut nachvollziehbar. Was für magischer Anblick, ich konnte mich nicht sattsehen. Wir hatten das Glück, dass der nahe am See geführte, westliche Klippenweg gestern wieder frei gegeben wurde. Dadurch liess sich das richtig auskosten.

Ich bin blogerisch zeitlich im Hintertreffen. Bin bereits Richtung Shelter Cove unterwegs und hoffe, Euch dort wieder auf den aktuellen Stand bringen zu können.

Sonntag, 6. August 2017

Eine Aufforderung am Wegrand, F

An der Grenze CA/OR/ F

Im Rauch/F

Wildfeuer, F

Weitsicht- Aussicht, Foto

Bill, the cowboy/F

Pancake challenge, Foto

Seiad Valley- Ashland, 6.8.17/ TM 1727

Seiad Valley in Jefferson State. Die schmucklose Fahne hängt unübersehbar vor dem General Store. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten verschiedene Gemeinden von Nordkalifornien und Südoregon versucht, einen eigenen, unabhängigen Staat zu gründen. Die Idee lebt weiter, es werde regelmässig darüber abgestimmt und ebenso regelmässig haushoch verworfen. Derzeit ist ein anderes Thema aktuell. Überall hängen Plakate:" No monument" Man wolle Seiad Valley und das Tal des Klamath Rivers unter Naturschutz stellen, was einige Einschränkungen für die 300 Bewohner von Seiad Valley hätte, was man energisch ablehnt.

Ich habe ein paar Stunden im dortigen Cafe verbracht. Kaum ein Hiker geht daran vorbei. Der Ort ist bekannt für seine Pancake Challenge. Man kriegt fünf pfundige Pancakes und hat zwei Stunden Zeit, diese zu essen. Wer das schafft, muss nicht bezahlen. Tatsächlich findet sich jemand, welcher sich dem stellt: the Englishman. Scheu, wie er ist, hatte er sich ein kleines Tischchen am Fenster ausgesucht und war mächtig gefordert, als zahlreiche Leute sich die Sache anschauten und ein Foto machten. Er gab schon beim dritten Pancake auf und war von sich enttäuscht. Sollte er nicht, kaum jemand schafft das. Und wofür das gut sein sollte, ist mir eh nicht klar.

Der Aufstieg aus dem Tal war eine schweisstreibende Angelegenheit, es ging gegen Mittag und der Hang bot wenig Schatten, grosse Flächen hatten sich noch nicht von den Wildfeuern erholt. Die Fernsicht war durch Rauch beeinträchtigt. Das hat man uns zumindest so gesagt. Kaum zu glauben, dass der Rauch eines weit entferntes Wildfeuers sich auf eine solch' riesige Fläche verteilen kann. Am nächsten Tag ist der Rauch riechbar, da zerstreuen sich meine Zweifel.

Nach einer Kurve ein abrupter Wechsel zu ganz normaler Vegetation, Bäume spenden Schatten, sogar ein kleiner See taucht auf, ein idyllisches Plätzchen, um die Nacht zu verbringen.

Nach beinahe 1700 Meilen (2700 km) eine Grenze: ich bin in Oregon. Er hätte dort einen richtigen Energieschub verspürt, hat mir ein Thru Hiker gesagt. Mal sehen. Tatsächlich bin ich schnell unterwegs. Die Sicht bleibt begrenzt, es bleibt nur das Laufen und- die Stadt ruft.

Mittlerweilen bin ich in Ashland angekommen, wo ich drei ( in Zahlen: 3) Nächte verbringen werde. Rekord. Ich gehe am Dienstag zurück auf den Trail und hoffe, dass es bis dahin besser abschätzbar sein wird, wie es weitergehen soll. In Oregon sind sich verschiedene Brände am ausbreiten, die auch den PCT betreffen. Teile des Weges um Crater Lake und Mount Jefferson sind bereits gesperrt. In der Region um Mt. Jefferson werden zur Sonnenfinsternis Tausende von Leuten erwartet, weil dort die beste Sicht sein soll. Das ist jetzt alles durch Feuer und Rauch gefährdet. Was uns PCT ler betrifft: da hoffe ich, dass sich irgend welche Alternativen herauskristallisieren werden. Ich habe mir schon mal eine Karte besorgt, um mir selber ein Bild über das Ausmass der Sperrgebiete machen zu können. Es wäre frustrierend, wenn sich diese nur umfahren liessen und damit ein Thru Hike verunmöglicht würde. Ich warte mal ab und bespreche mich mit den anderen Hiker, was die sich überlegt haben.

Einmal mehr: e schöne Sonntig

Donnerstag, 3. August 2017

Seiad Valley, 3.8.17/ TM 1653

Das ging alles viel zu schnell. Nach geschäftigen 24 Stunden in Mount Shasta stehe ich auf einer verlassenen Nebenstraße vor dem PCT Wegzeichen. Es bleibt nichts mehr zu tun, als der Wegmarkierung zu folgen. Dem und meinen guten Vorsätzen für den restlichen Weg nach Kanada.

Mount Shasta zehrt vom geheimnisumwitterten Ruf des gleichnamigen Berges. Eine der Legenden besagt, dass dieser mit der verborgenen Welt von Atlantis und Lemurien in Verbindung stehen soll. Das zieht Menschen mit entsprechenden Interessen an. Es hat überdurchschnittlich viele esoterische Angebote und im Strassenbild fallen die vielen Alt- und Junghippies auf. Die Leute sind ausgesprochen freundlich und mir scheint, dass man häufiger mit Kosewörtern angesprochen wird als anderswo. "Do you need anything else, Sweetheart?"

Fertig mit Sweetie- Honey- Dear: der Trail ruft. Immerhin habe ich noch einige feine Sachen aus dem grossartigen Bioladen von Mount Shasta mit dabei: Energieriegel von den health warriors, Granola von Lotus und Müesli von Good Vibrations.

Es herrscht eine seltsame Dynamik unter den Hikern in Nordkalifornien: einige befassen sich mit Aufhören und andere versuchen, so schnell wie möglich den Trail abzuschliessen. Letztere laufen 30 (48km) und mehr Meilen täglich.
Ich liege mit meinem Durchhänger also voll im Trend. Entgegen meinem PlanungsunwilIen habe ich mir die verbleibende Strecke und den Zeitrahmen angeschaut. Ich bin zeitlich gut dran. Es besteht kein Grund zur Eile. Wenn ich täglich 20 Meilen (32 km) laufe, bin ich Ende September in Kanada. (Das hat nicht nur mit meinem Rückflugdatum zu tun, damit lässt sich hoffentlich einem Wintereinbruch in den Northern Cascades vorbeugen.)
Diese Distanz ist bei diesem Streckenverlauf und meinem körperlichen Fitnessstand leicht zu bewältigen.
Dadurch bleibt genügend (Spiel-) Raum für anderes, was zu kurz gekommen ist. Ich werde an idyllischen Orten früher das Zelt aufschlagen, werde auch wiedermal in ein Visitorcenter gehen, um mehr über die Gegend zu erfahren, in der ich mich gerade befinde. Das beugt dem Tunnelblick vor, zu dem wir
Hiker neigen und hilft gegen Ansteckung vor dem Meilenwahnsinn.

Die äusseren Bedingungen helfen mit, um  mein Trailleben wieder ins Lot zu kriegen. Der PCT wird seit Old Station, also seit etwa 300 Meilen, immer wieder zum Höhenweg. Die abwechslungsreiche Landschaft öffnet sich zu spektakulären Weitsichten. Ich kann mich nicht sattsehen am grossen Himmel und der Weite. Da sitze ich den vor meinem Wigwam und schaue den Verfärbungen des Himmels zu. Oder gehe in einen der unzähligen Seen entlang des Weges schwimmen. Das Wetter vergesse ich stets zu erwähnen: beständige Hitzewelle zwischen 35- 40°.

Das soziale Leben auf dem Trail hat sich erneut verändert. Die Leute, welche die Sierra Nevada von Norden angehen, sind jetzt in den Bergen. Ich treffe täglich nur noch 2-3 PCT Hiker und auf Ausflügler. Das ist ganz "zfrede", die Schnellen sind schon längst in Oregon. Und wir, die Langsamen, haben Zeit. Es geschieht jetzt ab und zu ganz zwangslos, dass ich mit jemandem für ein paar Stunden oder ein paar Tage gemeinsam laufe. Ideal.  Gestern war ich mit Thomas, 34, Franzose unterwegs. Er hat eine einfache, klare Haltung: ein Thru-  Hike bedeute, sich mit den Bedingungen auseinanderzusetzen, die herrschen; seien es Flussüberquerungen oder Krisen. Deshalb hat er die Sierra regulär von Süden nach Norden durchwandert. Am Montag bin ich auf Snickers, 63 getroffen. Er gehe den Teilabschnitt das 5. Mal. Er ist ein wandelndes PCT Lexikon und spricht nur in Meilen: TM 1576 ist das und 1584 jenes. Leider muss er 30 Meilen pro Tag laufen, um rechtzeitig zum Shakespeare Festival in Ashland zu sein. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihm verbracht. Und- ich bin auf einen waschechten Cowboy gestossen, mit Waffe und alles. Einzig die moderne Sonnenbrille war ein Stilbruch. Bill war auf der Suche nach seinen Rindern.

Es hat sich alles wieder eingerenkt bei mir. So sehr, dass ich erschrocken bin, als ich kurz vor Seiad Valley realisierte, dass es nur noch 1000 Meilen sind nach Kanada.