Samstag, 10. Juni 2017

Sierra Nevada: Mt. Whitney- Independence TM 788/9.6.17

Die ersten Tage in der Sierra
Die Landschaft beginnt sich ab Kennedy Meadows langsam zu verändern. Das Grün sticht ins Auge und Wasser ist in Hülle und Fülle vorhanden. Endlich in der als nicht begehbar angekündigten Sierra! Es wirkt alles halb so wild, sogar Empfang hatte es an zwei Stellen.  Auf einem Baumstamm sitzend habe ich das erste Mal mit der Schweiz, bzw. mit Lisa und Milo telefoniert. Vor lauter Aufregung habe ich keinen Satz fertig gesprochen. Das war ein Bild: es sind in dieser Zeit bestimmt 10 Leute an mir vorbei gewandert. Kaum sahen sie mich am Telefon, haben sie sich zu mir auf die “Telefonlounge“ gesetzt.

Es waren milde erste Tage in der Sierra. Die ersten Schneefelder begeisterten uns, endlich im Schnee. Es sollte anspruchsvoller und wir demütiger werden. In der hohen Sierra überwiegt der Schnee die trockenen Weggeschnitte. Das erschwert die Orientierung erheblich. Nachdem ich ein paar Mal vertrauenselig ein paar Spuren gefolgt bin, die ins Nirgendwo führten, wird jetzt fleissig navigiert. Der vermeintliche Unfall, den ich letztes Mal erwähnt hatte, war keiner. Der hatte sich verlaufen und wie am Spiess geschrien, damit man auf ihn aufmerksam wurde. Was ihm gelungen ist.

Neu im Wanderprogramm sind die Bachüberquerungen. Auch da hat es netterweise spielerisch angefangen. Jeder noch so wild schäumende Bergbach hatte ein paar umgefallene Bäume als Brücke parat. Das ist vorbei, jetzt wird gefurtet. “ It s a hard travelling“

Verändert hat sich auch die Anzahl Hiker, wir sind weniger geworden. Beim Anblick des ersten Schnees, von dem die vorangegangenen 1000 Kilometer immer wieder die Rede gewesen war, drehten nicht wenige um und gaben Forfait. Es ist schwer zu belegen, weil es keine offiziellen Zahlen gibt, aber der Eindruck verdichtet sich, dass dieses Jahr deutlich weniger losgezogen sind (4000 Permits wurden vergeben) und deutlich mehr abgebrochen haben wegen der besonderen Schneelage in den Bergen.

Der Begeisterung über mein zweites Wandergschpännli ist Ernüchterung gewichen. Nachdem sich ihr Handy nachts entladen hatte, startete Madame letzthin fuchsteufelswild in den Tag. Meine Lösungsansätze waren auch nicht eben hilfreich, frei nach dem Motto: das Gegenteil von gutes Tun ist, es gut meinen. Auf jeden Fall habe ich meinen Teil abgekriegt. Ich bin dann mal losgezogen, um abzukühlen und habe beschlossen, sie darauf anzusprechen. In den zwei Stunden, die ich auf sie wartete, habe ich so ziemlich alles geputzt und gewaschen, was mir in die Hände fiel. Sogar ein Vollbad im Bergbach genommen. Mit einem wachsamen Auge auf herannahende Hiker. Vergeblich, ein Ami tauchte unversehens auf, verfiel in einen Schreikrampf, der von einem Fluchtteflex abgelöst wurde.

Madame geht langsam, sehr langsam. Beeindruckend, wie sie im Schneckentempo unbeeirrt vor sich hin geht. Das war für die ersten Tage Akklimatisation nicht weiter tragisch, aber danach wurde es für mich zur Geduldsprobe, ich warte ungern, habe mich notgedrungen fleissig darin geübt.
Wir vermochten unsere Differenzen nicht zu klären. Ich teilte ihr schließlich mit, dass die Vertrauensbasis für das gemeinsame Vorhaben nicht gegeben ist (was sie genau so sieht) und ich deshalb die Zweckgemeinschaft so bald wie möglich beenden möchte. Konkret heisst das, sobald sie jemand anders gefunden hat, um die als schwierig bekannten Stellen zu begehen.

8.6.17
Am 2:00 morgens sind wir zu Dritt los Richtung Mt. Whitney. Es war eine helle Mondnacht und faszinierend, in dieser Stimmung zu wandern. Madame hatte von Beginn weg Mühe mit der Höhe und rang darum, abzubrechen. Ein steiles Schneefeld brachte schliesslich die Entscheidung, sie kehrte um. Vielleicht steht mir ein ähnlicher Prozess weiter nördlich bevor. Es ist schwierig, umzukehren. Roland und ich schafften es bis nach oben. Ein Panorama auf die Sierra tat sich auf und im Westen der Wüstenboden mit Lone Pine.

Am späteren Nachmittag wollte ich noch los, näher an den höchsten Pass heran, den Forester. Madame, von der ich eigentlich annehmen würde, dass sie mich zum Teufel wünscht, kam mit. Es wurde ein langsames Vorwärtskommen. Es war enorm schwierig, den Weg zu finden. Die Schneeoberfläche ist unregelmässig und erschwert damit das Gehen und die Spurensuche. Schliesslich landeten wir nach wenigen Meilen erschöpft an einem wildgewordenen Bergbach. Wir übernachteten an dessen Ufer, hofften auf den Rückgang des Wassers, um den Bach am morgen zu durchqueren.

9.6.17
Zwei Paare hatten diesselbe Idee und übernachteten ebenfalls am Ufer. Der Plan ging auf. Die nächsten Meilen hatten wir weitere Bäche zu queren. Die Situation wechselt schnell. Bei dem einen Bach wussten wir, dass eine Schneebrücke vorhanden sein soll. Die haben wir gefunden, nur war ein Stück weggeschmolzen. Man muss sich Zeit nehmen, eine geeignete Stelle zu suchen und es war gut, dass wir zu sechst waren.

Das Laufen auf dem Schnee verlangsamt enorm. Die Sierra ist dafür bekannt, dass die Schneeoberfläche zu “suncups“ schmilzt. Das sind rundliche Schmelzlöcher, die 20-30 cm tief sind. Das ist der Grund, weshalb Schneeschuhe als wenig wirksam betrachtet werden. Ich habe Mikrospikes dabei, die haben 12 dreieckige, 1 cm lange Zacken und haben sich bewährt. Im aufgeweichten Schnee sind sie allerdings nutzlos, da hilft nur eiserner Wille.
Wir gelangtenn erst um Mittag an den Fuss des Foresters, den man frühmorgens überqueren sollte. Es war so unwirtlich, windig und kalt, dass wir uns alle einig waren, einen Versuch zu wagen und notfalls abzubrechen. Hipbelt führte uns souverän über den Pass, der anstrengend und bei dieser kompakten Schneemasse sicher zu begehen war.

Ich habe die letzten Tage einiges über die Handhabung des Eispickels gelernt. Der kommt auch beim sogenannten “glissading“ zum Einsatz. Man zieht die Regentrainerhose über, setzt sich auf den Hintern und saust zu Tale. Mit Eispickel steuert oder bremst man. Ich war erst etwas ängstlich, dann habe ich es doch gewagt. Eine äusserst vergnügliche Angelegenheit. Ich werde noch zur Wintersportlerin.

10.6.17
Was waren wir alle froh, den Forester mit seinem “gförchigen“ Ruf hinter uns zu haben. Madame, das muss man ihr lassen, hat alles mitgemacht, furchtlos durch Bäche gewatet, über Schneefelder gelaufen und. Schneehänge hinunter gesaust. Wir haben das gemeinsame Vorhaben schliesslich doch durchgezogen, trotzdem unser Verhältnis sich zum höflich- distanzierten entwickelt hatte. Es hat geholfen, dass wir  nicht alleine unterwegs gewesen sind. Das gab uns beiden genügend Sicherheit, um weiter zu gehen. Sonst hätten wir vielleicht aus Vernunftgründen am Fusse des Foresters eine kalte, windumtoste Nacht verbracht, das hätte unserem fragilen Gleichgewicht wohl den Rest gegeben.
Heute sind wir Richtung Kearsage Pass gestartet, um in die Zivilisation zu gelangen. Ich wartete auf meine Wanderkollegin, um ihr die Stelle zum queren eines Baches zu zeigen. Ich teilte ihr mit, dass ich vorgehen und nur bei Notwendigkeit (gefährliche Stellen) auf sie warten werde und verabschiedete mich. Nach ein paar Höhenmetern tönte es von unten: “ Du brauchst nicht zu warten“.
Ich war wieder Solo Hikerin.

Montag, 5. Juni 2017

Eindrücke, Fotos

Unterwegs Richtung Sierra Nevada, Fotos

KENNEDY MEADOWS DAY 39, TM 702, 1120 KM- TM 733,8

Ich weiss, ich verliere jede Glaubwürdigkeit, wenn ich mich jetzt schon wieder melde. Kaum abgemeldet, schon wieder zurück im www. Überraschenderweise habe ich Empfang in dieser abgelegenen Gegend, also nutze ich die Gelegenheit.

Ich bin vorgestern gestern Samstag mit Martin losgelaufen Richtung Berge. Der Dritte im Bunde war den ganzen Tag unauffindbar, hat wohl seine Pläne geändert.
Martin und ich könnten unterschiedlicher nicht sein. Er ist ein Flachländer aus Norddeutschland und baumlang. Er ist deutlich schneller ebenaus und bei Steigungen wendet er die Morello Technik an, allerdings ohne deren Weinkrämpfe.
Unterwegs erzählt er mir, dass er eine Tendenz habe, sich zu viele Sorgen zu machen. Für den PCT habe er sich vorgenommen, diesem Übel abzuschwören. Er lebe spontan vor sich hin und lasse die Dinge auf sich zukommen. Einige Folgen dieser Haltung erscheinen mir etwas gar sorglos. Er habe eben seine Wanderschuhe nach Hause geschickt, nachdem er sie den ganzen Weg durch die Wüste getragen und geschwollene Füsse davon bekommen habe. Er will die Sierra in Turnschuhen begehen. An weitere Ausrüstungsgegenstände hätte er zu spät gedacht, deshalb will er morgen raus nach Lone Pine um dies nachzuholen. Mutig oder leichtsinnig? Ob das wohl gut kommt mit uns beiden?

Was mich für ihn einnimmt, ist seine Radikalität. Er ist 57, hat für diese Wanderung alles aufgegeben; Wohnung, Auto und Job. Er erhoffe sich neue Impulse, möchte sein Leben anders, erfüllter weiterführen als bisher. Allerliebst fand ich ausserdem, dass er mir gestern an meinem Herdfeuerchen erzählte, dass er manchmal von seiner Rückkehr tagträume. Es spucke ihm ein Lied im Kopf herum: da fahre ein Mann nach langer Gefangenschaft mit dem Bus zu seiner Liebsten. Vorgängig hatte er sie gebeten, falls er nach all' den Jahren bei ihr immer noch willkommen sei, soll sie doch bitte ein gelbes Band um die Eiche binden. Als der Bus sich dem Haus näherte, wagte er nicht, hinzusehen und bat den Buschauffeur dies für ihn zu tun. Auf einmal brach der ganze Bus in Jubel aus; an jedem Baum hing ein gelbes Band. Martin' s Stimme brach, er räusperte sich.

4.6.17/ ab  TM 709
Der Rucksack wiegt schwer. Ich habe einiges an zusätzlicher Ausrüstung dabei und essen für etwa 10 Tage. Langsam gewinnen wir an Höhe. Ein grünes Tal öffnet sich und erst da merke ich, wie sehr mir dieser Anblick gefehlt hat. Wir erreichen 3200 m, danach geht es durch einige Altschneefelder, die keine Probleme bieten, ausser, dass der Weg schwer zu finden ist. GPS sei Dank gibt es auch da ein Mittel dagegen.
Unterwegs treffen wir auf Madame, eine Welschschweizerin in den Fünfziger, die einfach mal los gegangen ist und für die höheren Regionen Anschluss sucht. Sie hat dasselbe vor wie ich und wir waren uns schnell einig, dass sie sich uns anschliessen soll.

5.6.17/ Campsite TM 730
Es kam nicht gut, mit uns beiden, Martin und mir. Am Vorabend wollten wit besprechen, wie wir die gemeinsame Unternehmung gestalten wollen. Madame war spät angekommen und hatte von einem Unfall auf den Schneefeldern berichtet. Einzelheiten konnte sie nicht mitteilen, es seien genug Leute da gewesen, die den um Hilfe rufenden gesucht hätten. Für sie sei klar: auf den kommenden Schneefeldern wandert man zusammen, in Sichtkontakt. Ganz meine Meinung. Weiter kamen wir nicht, die Moskitos zwangen uns ins Zelt.

Am nächsten Morgen zeigte sich Martin verschlossen, setzte sich nicht zu uns zum Kaffee. An der Lagebesprechung, wo es um mögliche Treffpunkte nach seinem Ausflug nach Long Pine ging, zeigte er sich demonstrativ desinteressiert und marschierte los. Die Botschaft war unausgesprochen, aber klar.

Nun bin ich also mit Madame unterwegs, die deutlich selbstbewusster ist und weiss was sie will: eine Zweckgemeinschaft.

Ich habe mittlerweilen über diesen Abgang ein paar Meilen nachgedacht. Martin hat unausgesprochene emotionale Bedürfnisse, ich habe uns als Zweckgemeinschaft verstanden. Die Erkenntnisse sind, wie so oft, banal. Ich hätte es besser wissen müssen und zwingend vor dem Aufbruch einige grundsätzliche Sachen mit ihm besprechen müssen.

Wir sind noch nicht im grossen Schnee angelangt, sind auf 3000 Meter Höhe. Wahrscheinlich ist, dass ich nach Independence raus muss. Also noch nichts Neues auf dem Trail.

Ein Bild für die Götter: mitten im Niemandsland sitzen drei Leute und bearbeiten ihre Handy's. Und Hund Bell will spielen und wird laufend abgewiesen.

Freitag, 2. Juni 2017

Walker Pass- Kennedy Meadows TM 702, 1.6.17

Da hat er sich aber mächtig getäuscht, der Patrick, seines Zeichens zur Kategorie Sportler gehörend. Er hätte sich die Strecke Walker- Kennedy Meadows angeschaut, die verlaufe grösstenteils flach, weshalb er die 50 Meilen an einem Tag zu laufen gedenke. Tatsächlich sind es Bergetappen mit drei mächtigen Steigungen, bevor es die letzten Meilen abwärts bzw. flach verläuft.

Ich wage gar nicht an Morello zu denken, die das mitgehört hat und wohl wieder ihre Weinkrämpfe haben wird. Sie und Teddybär sind nach Lake Isabella gefahren, sie will ihren Geburtstag in der Stadt feiern. Vor ein paar Tagen hatte sie mich beim Lichterlöschen mit der Frage überrascht, ob ich ein Zweierzelt hätte, was ich entsetzt verneinte. Morello spart sich seither die Arbeit, ihr Zelt aufzustellen und schläft in Teddybär' s Zelt. Da lagen sie dann, wie in einer Konservenbüchse, “Köpfli a Köpfli“, mit entschieden unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie sie ihre Beziehung gestalten wollen. Arbeit gespart und sich Anderes eingehandelt.

Auf dem Walkerpass treffe ich beim Campingplatz auf eine Gruppe, die Dalton zu den Partygängern zählen würde. Strange Bird und Detour (wg. freiwilliger u. unfreiwilliger Umwegen) haben Bier und biologisch-organisches Marihuana aus der Stadt mitgebracht. Joints sieht man selten, das Kraut wird meist in kunstvollen Pfeifen geraucht. Namensgebend für Strange Bird sind die  Stofffetzen die er an seine Hemdärmel genäht hat. Er müsse jeweils- sehr zum Erstaunen seiner Umgebung- sein Hemd ausziehen, wenn er mal müsse. Strange Bird ist sehr ausführlich, wir einigen uns darauf, dass man sich seine Flügel weder stutzen noch beschmutzen sollte.
Er geht über zu einem weitaus interessanteren Thema; er sei überzeugt, dass der Trail ihm das gebe, was er brauche. “The trail provides“ Ich teile seine Meinung, obwohl diese schwierig in Worte zu fassen ist. Ich meine, dass man unterwegs durchlässiger wird und sich Zufälle ergeben, die vermutlich keine sind.

Strange Bird und Detour haben ihren eigenen Rhythmus, sie laufen oft nachts, um weniger Wasser tragen zu müssen. Ich treffe sie am folgenden Tag (MI), sie haben Feuer gemacht und Detour offeriert einer seiner tollen Filterkaffees, die man in die Tasse hängen kann. Die Kafffeerunde löst sich auf, als es zu regnen beginnt. Strange Bird steckt seine Kleider, die einzigen, die er dabei hat, in den Rucksack und läuft nur in Unterhosen bekleidet, los. Mal ein Trailname, der passt.

Hoch geht's, über den Berg. Wüstenpflanzen und Kiefernwald lösen sich ab. Viele davon sind krank, “pine beetle“, ich vermute damit ist der Borkenkäfer gemeint.

Kurz vor KM wird die Landschaft flach, weiter Himmel, Felsformationen, vertrocknete Baumskulpturen und endlich wieder mal ein Fluss, der den Namen verdient.  Das Stadtfieber hat mich erfasst, ich will heute in diesen kleinen, aber bedeutungsvollen Ort einlaufen. KM ist selten auf Karten vermerkt, liegt etwa auf der Höhe von Indian Wells, wo unser aller Rodscher jeweils spielt. Wanderer, die am Aufbrechen sind, kommen mir entgegen, gratulieren. Mega Man, der für 30 Meilen trainierte, dies aber fallen ließ, weil er viel zu gesellig ist, um sich nur auf seinen Plan zu konzentrieren. Sein Kollege Jimmy ist auch da, kaum wieder zuerkennen frisch geduscht und mit sauberen Kleidern. Detour macht eine Riesenshow mitten auf der Strasse und drückt mir ein Bier in die Hand. Ich war aufgewühlt und gerührt, als ich die Veranda des General Store erreichte.

PS Der General Store u Grumpy Bear haben Wifi, wenn auch eine schlechte Verbindung. Bin nicht sicher, ob ich Fotos durchkriege. Sendepause also hinaus gezögert werde frühstens morgen Abend aufbrechen.

Samstag, 27. Mai 2017

Tehachipi Pass- Walkerpass TM 662, 30.5.17

Die Windfarmen verschwinden langsam aus dem Blickfeld, das Tuten der Güterzüge und der Verkehrslärm der Interstate begleiten mich noch eine Weile.
Dalton, Trailangel aus Tehachipi, hat uns zum PCT zurückgefahren. Er weist darauf hin, dass Cheryl Strayed (“Wild“) ihre PCT- Wanderung hier begonnen hat. Sie habe von den Drogen los kommen wollen, was auf den ersten 500 Meilen schwierig sei. Es seien viele “Partygänger“ unterwegs, die sich von Party zu Party, sprich von Ort zu Ort schleppen würden. Auf diesem Teil des PCT's seien Drogen leicht zugänglich. Die “Partygänger“ würden von nun an weniger, da die Distanzen zur nächsten Ortschaft länger und der Weg beschwerlicher würde. Dalton definiert zwei weitere Kategorien Hiker: die Sportler, welche einem genauen Plan folgen und den Trail als sportliche Herausforderung sehen. Als dritte Gruppe nennt er die gewöhnlichen Wanderer, die ihm am liebsten sind, weil sie entspannter unterwegs seien.

Nach wenigen Meilen treffe ich auf Scott und Zahar. Scott hat eben seine PCT Wanderung angefangen und schleppt wie Cheryl, ein Monster von einem Rucksack, um die 35 Kilo bergwärts. Scott, in tadellosem Wüsten-Safari-Look eingekleidet, ist ein kräftiger Kerl, es ist ihm gleichwohl schon klar geworden, dass es so nicht geht. Zahar hat seinen Rucksack ausgepackt, um ihm zu zeigen, was er dabei hat. Das letzte, was ich von Scott gehört habe, ist, dass er einen Freund angerufen hat. Ob dieser das überflüssige Gepäck abholt oder ob er aufgegeben hat, ist mir nicht bekannt.

Ich habe nun den letzten Abschnitt Richtung Kennedy Meadows unter die Füsse genommen. Das ist irgendwie aufregend, die Sierra, mit all' den offenen Fragen, liegt nur noch wenige Tage entfernt. Noch ist davon nichts zu spüren; die Wüste zeigt nochmals ihre ganze Palette: mal ist der Bepflanzung ganz spärlich: Blumen und Blümchen, die sich irgendwie erhalten und alles geben, was an Farbe und Blütenblätter in ihnen steckt. Dann wiederum dichter Chaparrall und Joshua Bäume. Die sollen ihren Namen von den Mormonen erhalten haben, weil sie ihnen den Weg nach Westen gewiesen haben sollen. Die Bäume, die ich gesehen habe, zeigen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Scheinen eher dafür zu stehen, dass alle Wege nach Rom führen, früher oder später.

Zwischendurch verläuft der Weg durch lose Kiefernwälder,  es riecht wunderbar nach sonnenbeschienen Tannennadeln.
Der Abschluss der Wüstenetappe ist sogleich die trockenste Strecke des PCT. Es drohen 42 Meilen (67km) ohne Wasserquelle direkt am Weg. Umwege machen, vermeidet man, wann immer möglich. Ich tanke etwas mehr Wasser als üblich und hoffe auf die Wasserdepots, welche Freiwillige unterhalten. Ich habe Glück, die Strategie, von der abgeraten wird, geht auf. Es wird schliesslich halb so wild: beide Wasserdepots sind aufgefüllt, eine grosse Erleichterung für uns und für mich. Die letzten Meilen vor dem erhofften Depot wurde mir etwas mulmig. Ich hätte mich in eine schwierige Situation gebracht. Damit hat sich die längste wasserlose Strecke auf 16 Meilen (25 km) reduziert, das hatten wir schon mehrfach. Es war allerdings eine anstrengende, heisse Strecke, z. T. auf weichem, sandigen Boden, der mir zusetzte, bei Temperaturen um die 35°. Am zweiten Wasserdepot wurde ich sogar mit eisgekühltem Bier empfangen. Jim, 74, hat seine Tochter auf den PCT zurückgefahren und bei dieser Gelegenheit seine riesige Kühlbox auf seinen Pick Up Truck geladen, und mit Mineral, Bier und Eis gefüllt.

Morello war auch da. Sie und Teddybär laufen meist vor mir. Sie hat früher Marathon- und 100km- Läufe absolviert und ist stark auf ebenen und abfallenden Strecken. Für Steigungen hat sie noch kein Mittel gefunden, da spielen sich weiterhin Dramen ab. Morello, wohl aus einer Mischung aus sportlichem Ehrgeiz, Temperament und Unbeirrbarkeit geht Vollgas in die Steigungen und bricht regelmässig ein. Teddybär ist in der Zwischenzeit krisenerprobt.

KENNEDY MEADOWS
Soweit ich weiss, ist dort kein Empfang (je nach Variante, die ich wählen werde, könnte es zu einem 2-3 wöchigen Unterbruch des Blog kommen) deshalb ein paar  Vorabgedanken. Über' s Buschtelefon laufen alle möglichen Informationen : unmöglich, die Sierra vor Mitte Juli zu durchqueren, besser jetzt gleich los gehen, wo die volle Schneeschmelze noch nicht eingesetzt hat. Es seien schon Hiker durchgekommen und das Gegenteil wird auch portiert. Ich gehe davon aus, dass man Forester - und Kearsage Pass überqueren kann. Die Quelle hat sich verlässlich angehört. Das heisst, dass man dann einen Eindruck davon bekommt, wie es dort oben ausschaut  und wie anstrengend das Vorwärtskommen sein wird. Ich neige derzeit zu dieser Variante. In KM werde sich Gruppen bilden, man wird gemeinsam aufbrechen.
Ich habe mir einige Ausrüstungsgegenstände (Eispickel, Leichtsteigeisen) voraus geschickt, dazu ist in der Sierra Bärenkanisterpflicht, der in KM noch dazu kommt....ich hoffe auf eine tragende Schneedecke, der Rucksack wird schwer werden.

Tehachapi TM 566, 27.5.17

Noch kurz ein paar Infos, bevor ich Tehachapi verlasse. Der PCT soll nun anspruchsvoller werden, lange, wasserlose Strecken, weg von der Zivilisation. Der Empfang wird seltener und folglich auch der Blog.

Hat es mit der Routenführung der letzten Tage zu tun, dass langsam die Vorfreude auf die Sierra auftaucht? Der PCT wurde grösstenteils aus bestehenden Wanderwegen zusammengefügt. Einzelne verbindende Streckenabschnitte wurden neu erstellt. Das wird  um die  Mojavewüste besonders sichtbar. Dort waren die Verhandlungen mit privaten Landbesitzern besonders langwierig und manchmal erfolglos. Der PCT verläuft aus diesem Grunde schlangenförmig und oft in westlicher Richtung. Neue Verhandlungen seien am laufen, der PCT ist eine Baustelle.

Ich war gestern mit Morello und Teddybär essen und lerne die beiden besser kennen. Morello ist sehr unterhaltsam, spricht die ganze Zeit, um “sich und andere zu unterhalten“, wie sie sagt. Teddybär ist zurückhaltend und aufmerksam, ein sympathischer Kerl. Die beiden sind mein fester Wert, von den anderen habe ich nichts mehr gehört. Vielleicht gibt s ein Klassentreffen in Kennedy Meadows in einer Woche? Der erste grosse Meilenstein auf dem Weg nach Norden. Ob die Sierra passierbar ist, bleibt unklar. Es kursieren viele Gerüchte. Es lässt sich erst vor Ort beurteilen, wie es weitergeht, ich halte Euch auf dem Laufenden.

Freitag, 26. Mai 2017

Trail Magic, Tehachapi Pass Fotos

Tehachapi: Trailmagic der besonderen Art

Die meisten Hiker stellten sich schon bei TM 558 an die Strasse, um per Anhalter nach Tehachapi zu fahren. Ich hatte andere Pläne: ich wollte noch weitere 8 Meilen zur Interstate laufen, um dort meine ganz persönliche Trailmagic auszugraben.
Rita Blättler und Rene Witschi haben im Frühjahr den PCT mit ihrem Wohnmobil bei Trailmeile 566,1 gekreuzt. In einer spontanen Aktion haben sie die Ausfahrt angepeilt, um mir einen Gruss zu hinterlassen. Was die Beiden unternehmen, wird akribisch erfasst und dokumentiert. Rita hat mir sowohl Fotos wie eine Google Earth Übersicht von dem Ort der Aktion zugestellt. Unverfehlbar.
Das war eine Freude, mit dem vielseitig verwendbaren und schon mal zitierten Ultraleichtschäufelchen zu graben. Gute Arbeit, Rene, sogar mit Steinen beschwert, ich kam beinahe ins Zweifeln. Ein Flachmann mit persönlichem Gruss kam schliesslich zum Vorschein. Ich vermute mal mit Southern Comfort gefüllt. Ich habe sofort auf Euch angestossen und hoffte, dass das Selfie (keine Hiker da) dadurch etwas lockerer ausfallen würde. Na ja.
Auf Euch beide, Rita und Rene!
Und auf Janis Joplin, die Southern Comfort (zu sehr) liebte.
“ Freedom s just another word of nothing left to loose..“
Mir scheint, da muss ich noch einen dritten Schluck nehmen.