Freitag, 18. August 2017

Sisters- Cascade Locks- Sisters, 20.8.17

Ich stand an einer unmöglichen Strassenkreuzung in Redmond und hoffte, dass jemand auf mein Kartonschild "PCT Hiker to Cascade Locks" reagieren würde. Die Sonne ging im Rauch unter, ein durchaus schöner Anblick. Ich begann, die Ausfallstrasse hinunterzulaufen und mir zu überlegen, ob ich ein Hotel suchen soll. Die Chancen wären gering, Hotels und Campingplätze seien wegen der Sonnenfinsternis seit Monaten ausgebucht. Tatsächlich sollten wir am nächsten Tag um Madras/ Warm Springs herum Feldern begegnen, welche kurzum zu Campingplätzen umfunktioniert worden sind. 300 Dollar für 5 Tage würde dafür verlangt. Ein wichtiger Termin für die Amerikaner, den man sich schon lange vorgemerkt hat. Um Mount Jefferson herum wird die Finsternis total sein. Und während ich Euch erzähle, was Ihr eh schon wisst, hält unerwarteterweise ein Auto. Dustin, ein PCT Begeisterter nimmt mich mit zum nächsten Ort, lädt mich auf ein Bier ein und fährt mich zum Smith Rock State Park, zu dem ein Campingplatz gehört. Die Felsen glühen rot, als wir dort eintreffen. Hier seien viele Szenen von "Wild" gedreht worden. Rees Witherspoon hätte jeweils im Restaurant, wo seine Frau arbeite, gegessen. Er löchert mich über Fragen über den Trail. Ich bin ganz gerührt über seine Begeisterung und darüber, wie sich alles gefügt hat.

Am Samstag geht es häppchenweise Richtung Norden. Alle Fahrer haben etwas mit dem PCT zu tun, das Schild hilft. Schliesslich nimmt mich Andri mit, ein leidenschaftlicher Mensch, der den PCT auf seiner Bucket Liste hat und zu den PCT Tagen fährt. Er ist mit seiner Familie vor 4 Jahren aus beruflichen Gründen von St. Petersburg in die USA gekommen. Er referiert über die Unterschiede zwischen den Ländern und sieht diese in der Geschichte begründet. Über die aktuelle Politik will er sich nicht unterhalten, das sei unsäglich. Vielleicht ist das besser so, wann immer er bei einem Thema Feuer fängt, gestikuliert er wild und vergisst zu steuern.

An den PCT Tagen waren weniger Hiker und Aussteller als erwartet. Immerhin traf ich Ki und Tommii. Beide zog es noch am selben Tag weiter. Robert war nicht da. Schade. Die beiden ungeduschten Brüder waren ebenso da wie Patchwork. Ihr Thru- Hike ist mittlerweilen auch ein Flickwerk.  Ich ass mit Tim, der mir mit seinem Wanderrock aufgefallen war, zu Mittag. Ihm seinerseits sind meine muskulösen Waden aufgefallen, was er oft genug erwähnt.
Er hat Rika gekannt, die Japanerin, die bei einer Flussüberquerung in der Sierra umgekommen ist. Sie sei nicht alleine gewesen, sie sei vorausgegangen und hätte sich die Furt wohl zugetraut. Für ihre beiden nachfolgenden Kollegen sei sie einfach verschwunden gewesen.
Ich wusste lange nicht, dass ich die zweite Person, die tödlich verunfallte, kannte. Tree, die quirlige Chinesin, die ich mal kurz im Blog erwähnte, wurde aus dem Kings River tot geborgen. Es tut mir für beide furchtbar leid.

Ich spreche mit Bekannten und Unbekannten und reise am Sonntagvormittag leicht melancholisch zurück. Ich hätte mich mit Einzelnen gerne länger unterhalten. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Ich weiss aus eigener Erfahrung bestens, wie sich "itchy feet" anfühlen und das Phänomen scheint unter Wanderer äusserst ausgeprägt.

Ich hatte mich eingehend über den Umgang mit feuerbedingten Sperrzonen unterhalten und habe mir eine Meinung gebildet. Kaum in Sisters, begegnete ich Rotschopf Splash, der jeden Meter des Umweges laufen will. Jetzt bin ich wieder unsicher. Ich laufe einfach mal los Richtung Santiam Pass (ich müsste zum McKenzie Pass, aber der ist gesperrt) und hoffe, dass sich mein Zwiespalt unterwegs auflöst. Praktisch wäre, wenn sich dieser aufheben würde, bevor ich mir auf dem Asphalt die Füsse wund gelaufen habe. Ich habe es nicht immer einfach mit mir, könnte es mir einfacher machen. Wer bin ich, wenn ja wieviele?

Crater Lake- Sisters 18.8.17/ TM 1981

Ich schrecke hoch, es ist bereits hell draussen, ich habe mich verschlafen. Die letzten Monate bin ich zuverlässig um 4: 30 erwacht, die Zeit, wo die Sterne langsam verblassen. Es ist kurz vor 6:00. Ich beeile mich, aus dem Schlafsack zu kommen, Kaffee zu kochen und zusammen zu räumen. Alles gleichzeitig. Bis ich zur Besinnung komme und merke, wie absurd die ganze Situation ist und überhaupt hatte ich mir doch vorgenommen mir das "Jufle" abzugewöhnen. Und nun dieser Rückfall bei Trailmeile 1859.3, in einer Situation, die so gar nicht zur Eile mahnt.
Mal abgesehen von meinem Innenleben war die Welt draussen in Ordnung. Ich hatte mein Zelt auf einem Hochplateau aufgestellt, die Sonne ging auf. Es kündigte sich ein klarer, prächtiger Tag an.

Am Vortag hatte ich Crater Lake bei ungewohnt bewölktem Himmel und kühler Temperatur, verlassen. Nachts hatte es vielerorts den ersten Frost gegeben.
Der PCT verlief grösstenteils durch Wald. Moosbehangene Märchenbäume wechselten mit einem Waldabschnitt, wo sämtliche Bäume krebskrank schienen. Sie hatten eine Unmenge Knoten. Tatsächlich scheint es eine Viruserkrankung zu sein. Die Knoten seien beliebt, um daraus Kunstwerke zu erstellen. Weiter nördlich ging es durch ein seen- und seelireiches Gebiet. In normalen Jahren dürfte hier eine Mückenplage herrschen. Nicht so heuer: der Waldboden hat vor Trockenheit Sprünge, der Trail ist furztrocken und staubig.

Für einmal hatte ich mir einen Plan zurecht gelegt. Ich würde bis FR 18.8. Abend bis zum McKenziepass laufen, um von dort via Sisters zu den PCT Tagen nach Cascade Locks an der Grenze zu Washington zu reisen. Ich hoffe, dort alte Bekannte zu sehen, ein Klassentreffen sozusagen. Und am Sonntag soll es wieder zurück nach Sisters/McKenziepass zum Trail gehen. Als Erstes bedrohten die Brände um Crater Lake meinen schönen Plan und während sich dort alles zum Guten wendete, brachen in der Sisters Wilderness weiter nördlich zwei weitere Feuer aus. Es herrscht hohe Waldbrandgefahr. Derzeit sind jegliche Feuer untersagt und nur noch regulierbare Campingkocher erlaubt, mein Holzkocherli ist zu unterst im Rucksack eingelagert. Ursache der vielen Brände sind meistens Gewitter mit einhergehenden Blitzen.

Ich habe mit zwei Deutschen, No Step und White Spot den zweiten Umweg in Angriff genommen. Der führt östlich an den Sisters Vulkanen vorbei.
Und- der Umweg ist überraschend schön; verschiedene Klimazonen treffen auf kurzer Distanz aufeinander. Da hat es Bergseen und - bäche, spärlich bewachsene Wüstenflächen, Kieferwälder und saftige Wiesen. Über allem ragt South Sister, später sollten noch Middle und North Sister auftauchen. Je weiter nördlich wir wanderten, desto näher kamen wir dem einen Feuer. Eine riesige Rauchsäule trieb meilenweit ostwärts. Wir nahmen eine Abkürzung und schafften es überraschenderweise noch am FR in die Ortschaft Sisters. Dort hörten wir, dass das Feuer sich ausgeweitet und der Highway 242 gesperrt worden ist. Der Nachteil des beständig schönem Wetters.

Von wegen Plänen: gestern hatte Sparkles auf einer Naturstrasse Trailmagic angeboten: Hot Dog, Hamburger, Süsses und Flüssiges. Sie habe es letztes Jahr bis Mount Shasta geschafft und dann wegen einer Stressfraktur aufgeben müssen. Die wichtigste Erkenntnis für sie sei gewesen, keine Erwartungen zu entwickeln. Man könne weniger kontrollieren, als man gemeinhin meine. Sie habe sich gut mit dem unplanmässigen Abbruch arrangieren können und habe keine Post- Trail- Depression gehabt. Ein aktuelles, wichtiges Thema.
Mal schauen, wie es mit den steten Änderungen weitergeht und ob mir Sparkles Gelassenheit gegeben ist, damit umzugehen. Aber vorerst geht s mal ab ins Wochenende.

Montag, 14. August 2017

Ashland- Crater Lake 13.8.17/ TM 1818

Es war ganz still am frühen Morgen. Am Abend zuvor hatte sich ein Gewitter entladen, das sich den ganzen Nachmittag aufgebaut hatte. Es schien den Wald und seine Bewohner in einen Tiefschlaf versetzt zu haben. Der Regen fühlte sich "heimelig" an, das letzte Mal hatte es in der Sierra, im Juni, geregnet. Ich war froh, dass ich nur am Rande davon betroffen war. Am nächsten Tag sollte ich über mehrere Kilometer ungeschmolzenen Hagelfeldern begegnen.

Wie es wohl Vicky ergangen ist? Sie sass wenige Kilometer vom Highway entfernt am Wegrand. Sie habe ihre Wasserflasche im Auto verloren und nichts zu trinken. Sie sei neu auf dem Trail und habe sich Oregon vorgenommen. Ich gebe ihr, was ich erübrigen kann, damit sie es zur nächsten Wasserquelle schafft. Dann erschwert sie sich ihren ersten Tag noch damit, dass sie mir zu folgen versucht. Das wird nicht gut gehen. Das ist ein Phänomen, das ich mehrfach beobachtet habe: Hiker, die auf dem Trail Besuch erhalten und eine Weile gemeinsam wandern. Man erkennt diese Wandergschpännli am leicht verzweifelten Gesichtsausdruck: die Langdistanzwanderer versuchen zu bremsen, der Besuch versucht, so schnell wie möglich zu laufen. Der Frust ist vorprogrammiert. Ich schätze unser Tempo, auf 4-5,5 km/Std. Bei Fifty Shades und seiner Begleitung dürfte die Anspannung andere Gründe haben. Er war bisher mit einer Trailfreundin unterwegs. Seit heute begleitet ihn seine "off trail"- Partnerin aus seinem normalen Leben. Es bleiben noch genug Wandertage bis Kanada, um die Sache zu klären. Vicky war heilfroh, auf eine Anfängerin zu stossen und ich hatte den Eindruck, Fifty Shades ging es ebenso. 

Das soziale Leben auf dem Trail bleibt Stückwerk. Man weiss nie, wem man wann und ob überhaupt wieder begegnet. Verstärkt wurde diese Dynamik wegen den Bedingungen in der Sierra Nevada, neu kommen die Waldbrände dazu. Dort, wo Teile des PCT gesperrt sind, umfahren einige die Sperrzone, andere umlaufen diese, auch wenn das " roadwalk" zur Folge hat, laufen auf der Strasse. Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten treffe ich immer wieder auf neue Leute. Immerhin, es gibt Neuigkeiten von einer alten Bekannten: Morello, mit Teddybär im Schlepptau, hält sich im Norden Oregons auf. Sie hatte gesundheitliche Probleme und musste pausieren. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen, das wäre schön.

Wie oft wurde mir empfohlen, den Süden Oregons auszulassen; da gäbe es nichts zu sehen. Ich bin anderer Meinung. Ich bin erstaunt, wie mich diese vulkanische Landschaft anspricht. Der Waldanteil hat zweifellos zugenommen, von einem grünen Tunnel zu sprechen, ist übertrieben. Der Wald ist licht, öffnet sich immer wieder und wird unterbrochen durch riesige Lavasteinfelder. Der PCT wurde aufwändig in den schwarzen Gesteinsmassen angelegt. Roter, zermalmter Lavastein wurde dazu hergebracht. Faszinierend. Mir scheint, es geht eine ungeheure Kraft von diesen Geröllhalden aus. Der Weg ist grösstenteils flach, der Rhythmus wird nur durch die vielen gefallenen Bäume und durch die Beeren unterbrochen. Letzteres hat vor Seiad Valley begonnen: dort hatte es Unmengen von Brombeeren und etwas, was "google" mit Zimthimbeere übersetzt (thimbleberry). Die Beere ähnelt optisch der Himbeere, geschmacklich erinnert sie an die nordische Moltebeere. Rote Heidelbeeren und vereinzelt blaue Himbeeren.

Ein Höhepunkt in vulkanischen Landschaften, der Craterlake, musste allerdings hart erlaufen werden. Der PCT war teilweise gesperrt und ich habe mich dazu entschlossen, den Umweg zu laufen. Das war anfänglich reizvoll:  der Weg nach Klamath Falls war topfeben, die Sonne ging auf, links und rechts riesige Rinderweiden.

Die Idylle wurde im Dorf kurzfristig getrübt, weil mich ein Ladenbesitzer rüde wegwies. Der Laden öffne erst in einer Stunde und ich würde andere zum Anhalten verleiten, was wiederum die Hotelgäste wecken würde und überhaupt sei das Privatbesitz. Dieses Verhalten ist eine Ausnahmeerscheinung und hinterliess mich perplex. Die Amerikaner sind uns ansonsten außerordentlich gut gesinnt.

Also keine Stärkung aus dem Bioladen vor dem Strassenabschnitt bis Mazama Village, Crater Lake. Ich habe bis jetzt keine Lücken auf dem Weg von der mexikanischen Grenze und hoffe, es bleibt dabei. Allerdings ist so ein "roadwalk" nichts Vergnügliches. Es ist Autopilot rein und ab durch die Mitte. Ich hatte an diesem Tag meine kleine, aber feine Trailmagic. Ein junger Mann hielt an und drückte mir Mirabellen in die Hand. Später gab mir ein Autofahrer eine Flasche Wasser. Ein weiterer munterte mich auf, du hast es beinahe geschafft.

Der Crater Lake hält, was er verspricht, er hat eine ungeheure Ausstrahlung. Er hiess früher Lake Majesty, absolut nachvollziehbar. Was für magischer Anblick, ich konnte mich nicht sattsehen. Wir hatten das Glück, dass der nahe am See geführte, westliche Klippenweg gestern wieder frei gegeben wurde. Dadurch liess sich das richtig auskosten.

Ich bin blogerisch zeitlich im Hintertreffen. Bin bereits Richtung Shelter Cove unterwegs und hoffe, Euch dort wieder auf den aktuellen Stand bringen zu können.