Donnerstag, 20. Juli 2017

Belden Foto

Chester- Old Station 20.7.17/TM 1378

Ich könnte diesen Blog frei nach Christine Thürmer: Laufen. Essen. Schlafen. Begegnen. betiteln. Das Verkehrsaufkommen auf dem Trail hat zugenommen, ich begegne täglich etwa einem Dutzend Hiker, in Ortschaften sogar mehr. Und da man auf dem Trail eine feste Identität hat, gehört man automatisch dazu. Ich werde regelmäßig auch von Ausflüglern angesprochen. Die amerikanische Leichtigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten, tun das ihre. Eine ganz andere Geschichte ist es, wenn man sich weit weg man vom Trail befindet; da sinkt das Ansehen rapide; Kleider, Rucksack und die Gesamterscheinung wollen nicht so recht in die Zivilisation passen.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und ich bin bereits an acht in Schlafsäcken eingemummelten Hikern vorbeigewandert. Aus einem Schlafsack schaut überraschenderweise eine Katze und jemand sagt, ohne die Augen zu öffnen: "How do you do?" Bei den nächsten Beiden, die mitten im Weg liegen tönts:"You are off trail". Tatsächlich, der Weg führt durch den Bach gleich daneben.

Francoise kreuzt mich auf ihrem Weg nach Süden. Wir halten ein Kafichränzli mitten im Walde ab. Als nächstes kommt Patchwork, die Polin des Weges. Welch' Freude, sie wiederzusehen. Sie war mit einer Gruppe in der Sierra. Eine lebensgefährliche Situation (eine Frau wurde bei einer Gruppenüberquerung losgelassen und konnte durch andere aus der Strömung gerettet werden) hätte sie zum schweren Schritt bewogen, die Sierradurchquerung abzubrechen und nach Norden zu reisen. In Belden traf ich auf mittlerweilen bärtige Männer, denen ich in der Wüste letztmals begegnet bin. Es seien noch Viele von uns aus der Anfangszeit auf dem Trail, aber verteilt in alle Winde. Der Purist ist da. Er ging in der Anfangszeit mich jeweils an den Dorfeingang zurück, um keinen Trailmeter auszulassen. Er lacht herzlich darüber. Mit dem Englishman esse ich Fish & Chips. Er ist scheu, meidet Menschengruppen und hat einen trockenen Humor. Er erzählt von seinem der Sierra. Der Alleingang ist nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Er hätte sich völlig verausgabt, sei ständig unter Hochspannung gewesen. Er habe sich kaum Zeit zum essen und trinken genommen. Am meisten ärgert ihn, dass er am Sonora Pass, wo eigentlich alles vorbei hätte sein sollen, ein Schneefeld hinuntergestürzt und sich die Arme aufgerissen habe. Es sei abends um 18.00 zu müde gewesen, um das Schneefeld zu umklettern. Das Thema Sierra nimmt immer noch viel Raum ein. Auch beim Dampfplauderer, ein Ultraleichtgewichtswanderer, der uns zwischendurch alle stehen lässt. Er überfällt einen richtiggehend mit seinen Fragen, nervt und ist amüsant zugleich. Er will von allen wissen, ob sie die Sierra durchwandert und falls ja, ob auf der Originalroute. Mir erzählt er, dass es für ihn mit seiner Erfahrung ein Leichtes gewesen sei. Abends höre ich, wie er zwei Frauen höchst dramatisch von seiner Sierra Erfahrung erzählt. Auf dem Weg in die Stadt überholt er mich, kommentiert, dass ihm das Stadtfieber fremd sei, wo es doch hier draussen so schön sei. DP zweigt unmittelbar scharf rechts ab, setzt sich im Schneider Sitz in ein unscheinbares Stück Wald, um sich einem intensiven Naturerlebnis hinzugeben.

Eine Meile vom Highway 36 entfernt treffe ich auf Robert, 72. Er wolle wieder ein kurzes Stück PCT laufen, bis er alles zusammengestückelt hat. Der Anfang sei hart, was ihn sichtlich frustriert. Ein unbekannter Hiker hätte ihn hierher gefahren und habe den Auftrag, sein Auto in Old Station zu hinterlassen. Vielleicht hätte er sich doch den Namen und die Telefonnummer notieren sollen.

Der PCT ist wieder ein Schönerwettertrail. Sanft geht es auf und ab. Durch lichte Nadelwaldbestände, mit wüstenähnlichen , staubigen Unterbrüchen mit Blick in die Weite. Gestern ging s durch den Lassen NP, der ganz im Zeichen von vulkanischem Geschehen. Da blubbert heisser Schlamm, ein kleiner See enthält kochend heisses Schwefelwasser, ein Geysir dampft und kleine Rinnsale heissem Wassers sind anzutreffen.
Es ist erholsam und ich geniesse es sehr, dass das Leben auf dem Trail wieder aus mehr besteht als Laufen. Essen. Schlafen.

Samstag, 15. Juli 2017

A good one

Foto von unterwegs

Nordkalifornien, Foto

Sierra City Föteli

Donnerpass- Belden 16.7./TM 1285

Der 12. Juli wurde schließlich ohne mein Zutun zum Tag des schneefreien Wanderns und die Füsse blieben den ganzen Tag trocken. Das erste Mal seit 3 Wochen. Was für ein Vergnügen; der Weg war sichtbar, sogar die PCT- Zeichen, welche wir in den Bergen vermisst hatten, tauchten wieder auf. Keine Wegsuche und kein ständiges GPS navigieren. Die Berge liegen hinter mir, der PCT bewegt sich zwischen 1500- 2300 Metern sanft auf und ab. Landschaftlich laufe ich durch Nadel- und Zedernwälder und wüstenähnlichen trockenen Abschnitten, wo es auch mal wieder klappert. Hinzu kommen die Schluchten mit vertrautem Mischwald und munteren Bächen. Die Badesaison hat nun auch für mich angefangen.
Alle Zeichen stehen auf Normalisierung.

Es gibt sie doch noch, die PCT Hiker; auf einmal trifft man wieder auf bekannte und unbekannte Leute. Es ist ein ziemliches Durcheinander: da ist die grosse Gruppe jener, die nach Ashland gereist sind und sich der Sierra Nevada von Norden nähern, da ist eine Gruppe, welche die Sierra vorerst mal ausgelassen und ab Donnerpass Richtung Kanada marschiert. Wir, die wir ohne Unterbruch durchgewandert sind, gehören- so wie es ausschaut- einer Minderheit an. Ich treffe täglich auf etwa ein Dutzend Wanderer in beiden Richtungen. Und folglich wird das Buschtelefon wieder aktiviert. Martin, mit dem ich von Kennedy Meadows losgewandert bin, hat den Trail abgebrochen und ist nach Hause geflogen ist. Ebenso eine der Australierinnen, Dropbear.
Zwei weitere Altbekannte haben mich mit Namen begrüsst, ich habe sie nicht wieder erkannt. Es seien nicht so viele Frauen in meinem Alter unterwegs, deshalb würden sie sich meiner erinnern. Die Beiden sind äusserst liebenswürdig und sympathisch, gehören aber bedauerlicherweise zur Fraktion der Wasserscheuen und erstarren vor Dreck. Was da wohl für Gedanken dahinter stehen? Je schmutziger, desto Abenteuer? Bei mir hinterlässt es jedenfalls einen ebenso nachhaltigen Eindruck wie mein Jahrgang bei ihnen.

Ich habe in Reno ein neues Handy gekauft, nachdem das Erste regelmässig meine Apps abgeschaltet und es über Wochen unbrauchbar gewesen war. Das Neue funktioniert und ich freue mich sehr darüber. Allerdings verhalte ich mich nach all' dem Pech irrational. Ich fasse das Teil nur mit Samthandschuhen an und morgens, vor dem Einschalten, wo das neue Alte mehrfach versagt hatte, bin ich meist noch etwas angespannt. Ich befreie mich sämtlicher negativer Gedanken und tätige erst dann hoffnungsfroh den Einschaltknopf. Es nützt, wie Ihr sieht. Auch das wird sich wieder normalisieren. Hoffentlich.

Seit dem Donnerpass laufe ich wieder alleine. Das ging nahtlos und fühlt sich gut und vertraut an. Es ist gut, wieder auf mich gestellt zu sein und meinem Rhythmus zu folgen.

Sorgen macht mir, dass der Blog unter soviel Normalität leiden könnte. Ich habe Gefallen daran gefunden, zu bloggen. Ich könnte mich um einen aufgeregteren Tonfall bemühen. "Nicht einfach", würde Tommii sagen. Neulich nachts beispielsweise, da wollte ein Reh hinter meine Vorräte. Ein Reh, kein Bär, den ich mit meinen neuen, spitzen Wanderstöcken in die Flucht hätte schlagen, um nachher detailreich davon erzählen zu können. Ein glubschäugiges Reh, das sich selber in die Flucht geschlagen hat, weil es an den Pfannendeckel geraten war. Einem Bären bin ich später, unterwegs, begegnet. Ich hätte ihn vielleicht sogar übersehen, hätte dieser blondierte Schwarzbär nicht wie wild die Flucht vor mir ergriffen. Ein prächtiges Bild, wie der Bär kraftvoll bergaufwärts stürmte.

Bin mittlerweilen in Belden auf 700m angelangt. Ein kleiner Ort mit einem Laden, einer Beiz und einem Fluss zum Baden. Ich liebe diese kleinen Orte, sie enthalten für mich gute, alte Wildweststimmung. Ich werde mir morgen Zeit lassen, schwimmen gehen und mich nachher dem amerikanischen Frühstück widmen, bevor ich auf der anderen Seite hochsteige, was ich heute abgestiegen bin. Ein ganz normaler Sonntag.
E scheene Sonntig

Montag, 10. Juli 2017

Echo Lake- Donner Pass, 9.7./ TM 1153

South Lake Tahoe ist ein attraktiver Ort für einen Zwischenhalt. Das Angebot ist gross, die Landschaft und der See spektakulär, die Leute sind entspannt. Und obendrauf haben wir noch das weit herum bekannte 4.-Juli Feuerwerk mitbekommen.
Wir hatten einiges zu erledigen: Bärenkanister zurückschicken, das Obligatorium ist vorbei. Ich brauchte neue Schuhe und Stöcke; beide sind sie gebrochen. Das Geflicke​ hielt bis zum zweitletzten Tag, generell hat die Ausrüstung arg gelitten.
Am DO Nachmittag, 6.7. brachen wir wieder zum Wandern auf.  Trockenen Fusses dem wildromantischen Echo Lake entlang. Am Ende des Sees breiteten wir unsere Matten aus, sog. Cowboycamping. Ich habe mein Zelt eine ganze Weile nicht mehr aufgestellt. Endlich wieder idyllische Übernachtungsstellen statt zweckmäßige.
Es ging flott los am nächsten Tag. Der schneefreie Weg gab uns ziemlichen Schub, überhaupt herrschte das Gefühl vor, dass wieder etwas Neues beginnt.
Wenige Stunden, nachdem ich festgestellt habe, dass bei meinem neuen Handy alle Apps wiederum abgeschaltet sind, habe ich eine Abzweigung verpasst und es lange nicht bemerkt. Was für ein Gefühl, zu merken, dass ich nichts dabei habe, um mich orientieren zu können. GPS ist nicht verfügbar. Gott-sei- Dank sind in dieser Gegend etliche Ausflügler anzutreffen. Zurück auf dem PCT: keine Spur von den Jungs. Nach dem steilen, schneebedeckten Abstieg vom Dick s Pass traf ich auf eine südkoreanische Sippe, die am Dick s Lake zeltete. Sie hatten bereits Besuch von drei Landsleuten, die auf dem PCT unterwegs waren. Die Begeisterung war so gross, dass sie uns gleich ein Reisgericht zu Mittag kochten.
Weiterhin kein Anzeichen meiner Wanderkollegen, die ich bei dieser Gelegenheit endlich kurz vorstellen möchte.

Robert, 29, Österreicher. Er ist ein umsichtiger, freundlicher Mann, der sich stets um eine gute Atmoshäre in der Gruppe bemüht. Ging mit seiner GPS Uhr voran und hat uns mit grossem Geschick durch die Sierra navigiert. Hat sich mit endloser Geduld meinem Tablet angenommen, ohne Erfolg.
Tommii, 25, Finne. Ist der zweite Aktivposten, immer bemüht, es allen recht zu machen. Bei heiklen Bachüberquerungen ging er furchtlos voran, um sich die Sache genauer anzusehen. Ist immer mal wieder mit gestrecktem Arm und auf sich gerichteter Kamera anzutreffen. Sein Selfieprojekt zu seiner persönlichen Erinnerung.
Ki, Südkoreaner, 37. Geübter Hiker mit minimalistischer Ausrüstung, um die er sich maximal kümmert. Nimmt eine passive Rolle ein, kann tagelang schweigen, was ihm eine Aura des undurchsichtigen Asiaten verleiht.

Alle Drei sind sie tolle Kerle. Alleine wären die letzten 200 Meilen nicht möglich gewesen. Das ist aussergewöhnlich, dass wir vier so unterschiedlichen Persönlichkeiten die Sieges Nevada miteinander durchwandern, waden, klettern und schwimmen konnten.

Technische, elektronische Probleme haben mich zu diesem Trio gebracht, technische, elektronische Probleme haben uns wiederum getrennt. Mein neues Handy hat die Angewohnheit, die Apps willkürlich auszuschalten. Ich bin in Reno, kurz vor dem 4. Gang zum Mobile Store. Ich werde mir ein neues Handy kaufen. Das ist der Grund, weshalb ich mit Antworten hinterher hinke. Ganz zu Schweigen davon, dass meine Karten und Bücher nicht verfügbar waren. Ich hoffe, die Stinklaune, die mir das verursacht, drückt nicht durch.
Gestern habe ich mich deshalb von Robert, Tommii und Ki auf dem Donnerpass vorerst verabschiedet. Wenn alles klappt, bin ich heute Nachmittag wieder auf dem Donnerpass# 40, als Solohikerin.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Sonora Pass

Wide Creek

Hochstamm über Wasser

Matterhorn Canyon

Überschwemmung

Tuolumne Meadows

Tommii u Robert u Suncups

Fotos

Mittwoch, 5. Juli 2017

South Lake Tahoe TM 1090, 5.7.2017

Schwer zu sagen, welches der vergangenen Wandertage der intensivste gewesen ist. Alle hatten sie ihre besondere Schattierung.

Am Freitagabend, den 23.6. trafen wir auf einen trockenen, sonnenbeschienenen Abschnitt des PCT. Vielleicht wird alles halb so schlimm, hofften wir, allen Warnungen und Panikmache zum Trotz.
Am nächsten Tag wurden wir am Vormittag schon erstmal gefordert. Hinter Red s Meadows führte der Minarett Creek Hochwasser. Ein schmaler Baumstamm lag über dem Wasser, der mit der Strömung mitschwang. Wir versuchten, einen weiteren Stamm anzuschwemmen, um die "Brücke" zu stärken, ohne Erfolg. Wir vermochten diesen in der Strömung nicht zu steuern. Schliesslich sprang Tommii unerschrocken ins Wasser und führte uns einzeln an der Hand, über den wackligen Baumstamm, während er bis zum Bauch im Wasser stand. Robert überlegte sich, ihn fortan zu "Braveheart" umzutaufen.
Bald war es vorbei mit der Idylle: am Nachmittag trafen wir auf Schnee und zu allem Übel setzte auch noch Regen ein. Es wurde zur kräftezehrenden Rutschpartie über die zerfurchte Schneeoberfläche. Als wir unsere Zelte aufschlugen, hatte es aufgehört zu regnen, gleichwohl verschwand jedes in seinem Zelt, ohne das übliche gemeinsame Znacht. Das gemeinsame Essen sieht so aus, dass jede/r seinen Gaskocher vor sich hat und in seinem Bärenkanister nach Essbarem kramt. Ich koche übrigens immer noch und stets gerne mit meinem Holzkocherli.

Am 25.6. kam richtig Sonntagsstimmung auf: mit Mikrospikes an den Füssen war es ein Leichtes, auf den Donahue Pass zu steigen. Das Trio hat es zur Gewohnheit gemacht, auf den Pässen, Kaffee zu kochen und eine Pause einzulegen. Runter ging es ganz leicht: Schnee hat den Vorteil, dass man "runterfahren" oder sich auf dem Hintern runterrutschen lassen kann. Im Tal war es grün, die Sonne schien wieder verlässlich, es ging flott Richtung Tuolumne Meadows. Der Ort war wegen Winterschäden geschlossen, wir waren ganz alleine. Es ist ein magischer Ort, dass wir dort auf unseren ersten Bären, zwei Kojoten und eine Unzahl von Rehen stiessen, unterstrich das nur noch. Der Bär verhielt sich wie ein Haustier: er kam aus dem Wald, steuerte auf uns zu und hielt immer mal wieder inne, um zu schnuppern. Wir hatten kurz davor etwas gegessen. Wir verjagten ihn schliesslich.

Der Wochenbeginn stand ganz im Zeichen der Bachüberquerungen: sie waren anspruchsvoll und aufregend und nie vorhersehbar. Die dritte Überquerung setzte uns allen zu. Ki und Robert waren vor mir, es wollte und wollte nicht vorwärtsgehen. Ich ging zurück ans Ufer und wartete ab. Schliesslich waren die Beiden drüben. Als ich an diesselbe Stelle im Bach gelangte, wurde mir klar, weshalb sie gestockt hatten. Die Strömung war so stark, dass jeder Millimeter vorwärts einen von den Füssen zu holen drohte. Ich versuchte es mehrfach; das Wasser stand mir bis zum Bauch, ich kam nicht vorwärts. Ich wusste, dass ich bei dieser Wasserhöhe und der Stärke der Stromschnellen nichts ausrichten konnte. Mir fehlen ein paar Zentimeter. Ki und Tommii versuchten mir mit einem Stock entgegenzukommen; "so nah und doch so fern" wie Tommii nachher meinte: jeder Versuch einer Vorwärtsbewegung gab mir das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und mitgerissen zu werden. Schliesslich lotste mich Robert etwas bachabwärts, das wäre die Ideallinie gewesen: das Wasser stand weniger tief und ich war wieder manövrierfähig. Ki fragte mich danach, ob ich je soviel konzentrierte männliche Aufmerksamkeit erhalten hätte. Ich bestätigte, dass dies ein besonderer Moment in meinem Leben gewesen ist.

Der Montag hatte es in sich. Wir gelangten zum Matterhorncanyon und suchten nach einer Furtstelle im gleichnamigen Fluss. Wir gingen sicher eine Stunde flussaufwärts, Tommii und Robert testeten erfolglos mehrere Stellen: nichts zu machen. Schliesslich suchten wir, es war mittlerweilen 19:30, flussabwärts. Tommii und Ki drängten auf eine Flussueberquerung noch am Abend und nahmen einiges Risiko auf sich, um verschiedene Stellen auszutesten. Tommii wagte zu viel: ich sehe ihn noch vor mir, wie er nahe des anderen Ufers an einem halb aus dem Wasser ragenden Baumstamm von der Strömung festgehalten wird. "Braveheart" in arger Bedrängnis; er könne sich nicht bewegen, rief er uns zu. Wir überlegten, wie wir ihm zu Hilfe eilen könnten: es war nichts zu machen. Es war schrecklich, ihm tatenlos zusehen zu müssen. Schliesslich rettete sich Tommii irgendwie zurück auf unsere Seite. Wir machten Feuer, er und sein Gepäck waren völlig durchnässt.

Am nächsten Morgen fand Robert unweit unseres Lagerplatzes einen Baumstamm. Der war zwar schmal und glitschig, mit Vorsicht und mit Mikrospikes sicher begehbar. Aber vorerst machten wir erneut Feuer; es war eine kalte Nacht gewesen und alles war steifgefroren.

Natürlich blieb auch der Dienstagabend nicht ohne Überraschung. Wir gelangten gegen Abend in ein enges Tal. Der Trail war durch ein steiles Schneefeld bedeckt, welches sich durch das ganze Tal hinab zog. Unten war ein tosender Bergbach. Wir suchten eine Stelle zum übernachten, um am morgen bei kühlerern Temperaturen und Mikrospikes den Weg sicherer weitergehen zu können.
Unser Lagerplatz war abschüssig: mit Eispickel ebneten wir eine Schlafstelle, und um die Nachtruhe nicht zu gefährden, hatte jede/r einen Baum zwischen sich und dem Hang.

MI 28.6. war ein aufregender Tag. Ein wilder Bach hielt uns lange beschäftigt. Wir suchten nach einer Querungsstelle. Nach all' den Erfahrungen waren alle vorsichtiger geworden. Ich war froh. Ich hatte eine Weile die Befürchtung, dass ich das Abenteuer gefährden könnte. Ich war die Kleinste und das schränkte mich ein, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können.Manchmal können ein paar Zentimeter mehr oder weniger durchaus eine Rolle spielen. Schliesslich fanden wir eine Querungsmöglichkeit: ein riesiger Baumstamm hatte sich über den Stromschnellen verkeilt. Auf dem Hosenboden rutschen wir hinüber. Auf Dreiviertelweg mussten wir auf einem Felsen umsetzen, über Gehölz steigen, um schliesslich die letzten zwei Meter durch hohes und schnelles Wasser zu waden.
Dann via Untergehölz zurück auf den PCT.
Und abends traf das ein, was ich unbedingt vermeiden wollte; schwimmend einen Fluss zu queren. Der Fluss hiess sinnigerweise Wide Creek. Flussaufwärts tobte er je länger je wilder, flussabwärts war er ruhig und breit. Nach vergeblicher Suche ergab ich mich meinem Schicksal. Therm- a- rest Matraze aufblasen, Rucksack draufschnallen und los ging s. Es ging ganz flott, meine Sachen blieben trocken, für Tommii und Ki hiess es einmal mehr: Feuer machen und alles zum trocknen auslegen.

DO 29.6. / So langsam schlich sich die Hoffnung wieder ein, dass nun das Schlimmste, aber auch das Aufregenste vorbei sein könnte. Tatsächlich waren nur die üblichen Bäche und Bächli zu durchwaden. Und: wir wanderten das erste Mal auf einem flachen Stück Schnee. Zu meiner Überraschung hat Robert den Weg direkt über den Lake Dorothy eingeschlagen. Wie immer in heiklen Situationen bat ich die höheren Mächte um Hilfe, in diesem Falle unbekannterweise die Hl. Dorothea. Die machte einen hervorragenden Job.

Am Freitag schafften wir es in Windeseile auf den Sonora Pass. Wir hatten uns Proviant bestellt, der vor Ort geliefert wird. Das war ein Vergnügen: um 10:00 fuhr Casey mit seinem umgebauten Lieferwagen vor, händigte uns unsere Päckli aus und baute einen Grill auf. Wir waren in Feststimmung und hielten uns ein paar Stunden auf dem Pass auf.
Der gefährlichste Teil lag hinter uns. In den insgesamt drei Wochen auf direktem Weg durch die Sierra Nevada hatten wir insgesamt 5 PCT Hiker angetroffen. Die diesjährigen Bedingungen haben den Trail und den sozialen Aspekt völlig verändert. Wir waren begierig darauf, bekannte Gesichter zu treffen. Beim McCab Creek, TM 956, wo ich so Mühe gehabt hatte, waren wir auf drei Amerikaner gestossen, was uns hocherfreute. Sie reagierten PCT- unüblich zurückhaltend. Wir begegnetem dem Englishman: ein mittelalterlicher Mann, Rucksack steht 20 Zentimeter von seinem Rücken ab, er hat einen schwebenden Gang. Niemand kann sich erklären, wie er alleine durch die Sierra gekommen ist und er wundert sich stets über unsere Fragen. Wir trafen auf dem Carson Pass Rockie (ehemals Scavenger) mit dem ich in Agua Dulce gefrühstückt hatte. Er war einer jener, die in drei Monaten in Kanada sein möchten. Heute lacht er über dieses Ansinnen.

Der Freitag, eine Schnittstelle auf unserer Wanderung durch die Sierra Nevada, ging nicht so pflegeleicht zu Ende, wie wir uns das vorgestellt hatten. Kurz nach dem Sonora Pass gelangten wir auf loses vulkanisches Gestein und erneut auf steile Schneefelder. Es war ein beschwerliches Gehen nach unserem Festgelage auf dem Sonorapass. Die Stimmung kippte, jede/r hatte mit sich zu tun. Das scheint sich zu wiederholen: man wiegt sich im Glauben, dass nun alles besser wird und tut sich enorm schwer damit, wenn dem nicht so ist. Es wird langsam besser, aber es sind immer noch etwa 60% Schnee, plus überschwemmter, verlegter Trail. Vielleicht ist das das Geheimnis des Englishman: der macht sich keine Vorstellungen und Hoffnungen, der geht einfach. Ich mache mir immer wieder Vorstellungen und nage dann daran, dass diese nicht eintreffen.

1.7.
Die Nervenkitzelmomente sind vorbei. Wir haben es geschafft. Es geht nur noch darum, an den nächsten Etappenort zu gelangen. Ankommen steht im Mittelpunkt, das ist eine gefährliche Haltung. Ich spüre die Müdigkeit, in meinem Kopf läuft stets die gleiche Melodie, die ich weder benennen noch abstellen kann. Ansonsten fühle ich mich leer. Kein Gedanke, kein Gefühl zum Festhalten. Mir ist etwas unheimlich, ich fürchte eine Ueberreaktion: vielleicht bleibe ich bei der nächsten Pause einfach sitzen, berufe den Tag des schneefreien Wanderns bei trockenem Fusse ein. Oder so.
Ich konzentriere mich auf meine Füsse; die gehen einfach. Passen ihren Rhythmus den Begebenheiten an. Schritt für Schritt. Ich konzentriere mich und befreie mich von diesem unberechenbaren mentalen Zustand. Ich gehe einfach.

Am Sonntag gelangen wir auf den Ebbets Pass. Ueberraschenderweise ist die Passstrasse offen. Spontan beschliessen wir, nach Markleeville zum Sonntagsbraten zu stopen. Das gelingt und die Abwechslung tut uns allen gut. Zurück auf dem Pass rennt uns ein älterer Herr nach; seit Stunden warte er auf PCT Hiker; er hätte Trailmagic bei sich. Dasselbe sollte sich auf dem Carson Pass wiederholen. Wir gelangen sozusagen überernährt nach South Lake Tahoe.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Mammoth Lakes 21.6.- 23.6.2017

Mittlerweilen sind wir in Mammoth Lakes angekommen. Nachdem die Spannung nachgelassen hatte, fühlten wir uns alle erschöpft. Wir haben uns die letzten Tage ständig über Berg und Tal bewegt, zwischen 2500- 3800 Meter. Die Temperatur fiel nicht mehr unter den Gefrierpunkt, die Hauptschmelze des Schnees war in vollem Gange und damit die Zeit, wo dieser Abschnitt begehbar ist. Vermutlich wird die Schmelzwassermenge ganze Gebiete überschwemmen. Wir hofften, dass damit der psychisch und physisch anspruchsvollste Teil des Trails hinter uns liegt. Die Ernüchterung erfolgte postwendend: eine extreme Hitzewelle beschleunige die Schneeschmelze und es hätten ganze Gebiete gesperrt werden müssen. Wie sich diese Entwicklung auf den PCT auswirkt, wird wie immer widersprüchlich kommentiert.

Meinetwegen dürfte es etwas gemütlicher zu und her gehen, aber es bleibt unberechenbar und schnell wechselhaft.
Wir Vier haben vor, heute FR, 23.6. zurück auf den PCT zu gehen. Wir haben ein gesundes Selbstvertrauen, was die Bewältigung von Schwierigkeiten betrifft, wie auch Respekt vor dem, was uns begegnen könnte. Eine Aussprache hat das verstärkt.

Wir alle möchten den PCT durchgehend von Süden nach Norden durchwandern. Die letzten 100 Meilen haben angedeutet, dass dies vielleicht dieses Jahr nicht möglich sein wird. Einige Punkte auf den nächsten 100 Meilen kündigen sich anspruchsvoll an. Vielleicht stehe ich demnächst vor einem überschäumenden Bach und merke, dass mir die Gefahr zu gross ist, dass ich meine Grenze erreicht habe. Es würde mir extrem schwer fallen. Gleichzeitig habe ich die feste Überzeugung, dass genau diese Art der Auseinandersetzung Teil eines Thru Hikes ist. Der Umgang mit Grenzen, eigenen und von aus den durch Umstände gesetzte. Ich versuche, beide Möglichkeiten offen zu halten: dass ich oder wir umkehren müssen oder, dass wir in 2 Wochen in South Lake Tahoe eintreffen werden, endlich mit dem Gefühl, das Gröbste hinter uns zu haben.

Der PCT durch die Sierra hat bisher meine ganze Erfahrung und Wissen in Sachen Fernwandern erfordert. Ich wurde gleichzeitig von dem starken Gefühl begleitet, dass diese Wanderung von einem guten Stern begleitet wird. Und mein Gefühl sagt mir, dass darauf Verlass ist.

PS
Ich kann mein Telefon hier nicht flicken lassen. Habe heute ein Neues gekauft, einige Daten u Fotos sind verloren gegangen. Die nächsten zwei Wochen verbringen wir wiederum in abgelegenen Gebiet. Es könnte sein, dass es wiederum zu einem Unterbruch von 10-14 Tagen kommen könnte.
Hoffe, dass ich bis dann wieder Fotos hochladen kann.
Danke für die Post, das freut mich jedes Mal und hält die Moral hoch.

Kearsage Pass- Mammoth Lakes 12.-21.6.17/TM 903

Der Untertitel dieses Blogs koennte heissen: Freuden und Leiden auf dem PCT waehrend des Ausnahmejahres 2017 oder so.


Wo sind bloss alle geblieben? Seit MO- Nachmittag, 12.6., seit ich mich wieder zurueck auf den PCT gemacht habe, ist mir niemand mehr begegnet, ausser einem Dutzend Hiker, die ein Schneesturm ins Tal getrieben hat.
Seither bin ich allein auf weiter Flur, einerseits vertraut, andererseits suchte ich Anschluss, um mit vereinten Kraeften Richtung Norden weitergehen zu koennen.
Am dritten Tag taucht ploetzlich ein Gehetzter in Gegenrichtung auf, er sei doch nicht lebensmuede, er habe schliesslich eine vierjaehrige Tochter. Er schaffe es nicht ueber den Mather Pass und ueberhaupt habe er es satt, staendig beim Laufen auf den Boden schauen zu muessen. Er gehe zurueck zur Haengebruecke und suche von dort einen Weg nach Fresno, ohne jegliche Orientierungshilfe. Er stopfte seine Medizin in die Pfeife, nahm ein paar hastige Zuege, bedankte sich ausgiebig dafuer, dass er meine Karten hat konsultieren duerfen und weg war er. Wenn das nur gut kommt.
Ich habe keine vierjaehrige Tochter, sterben will ich gleichwohl nicht, die Warnung klang nach.
Das Gehen auf der zerfurchten, vereisten oder aufgeweichten Schneeoberflaeche ist beschwerlich, da hat er recht. Der Zustand des Trails verlangt viel Geduld und Aufmerksamkeit. Er verschwindet immer wieder unter dem Schnee, taucht er auf, ist er oft ueberspuelt, das Gehen ist durch Geroell und Lawinen erschwert. Ganz zu Schweigen von den unsichtbaren Hohlrauemen, die sich auftun und einen zum einbrechen bringen.


MI 14.6.17
Ich uebernachtete im Blickfeld des Mather Passes. Um 4:00 in der Frueh zogen die ersten drei Hiker an meiner Schlafstatt vorbei, just, als ich aufbrach, kamen zwei Schotten daher. Ich war heilfroh, wieder unter Leuten zu sein. Die beiden Schotten freuten sich auf die bevorstehende Herausforderung, das half mir, die Sache lockerer anzugehen. Ein steiles Schneefeld zog sich zum Pass hinauf, es schien gut vorgespurt zu sein. Ich packte meinen Eispickel aus, den ich eigentlich nur als Dekoration, zur Beruhigung mitgenommen hatte. Eispickel bergwaerts, Wanderstock talwaerts. Kein spontaner Schritt. Sichern, gehen, sichern, gehen. Seit dem Foresterpass weiss ich, dass ich in Schneefeldern schwindelfrei bin. Nach einer Dreiviertelstunde war ich oben, das Adrenalin zirkulierte. Insgesamt fanden sich sieben Wanderer auf der Passhoehe und freuten sich miteinander ueber den gelungenen Aufstieg. Das fuehlte sich doch eher wie der alte PCT an, wo man staendig Leute antraf.


Gegen Abend mehrten sich die Zeichen, dass es Zeit wird, einen Zeltplatz zu suchen. Ich fuehlte mich erschoepft, die Unkonzentriertheiten nahmen zu, ich wurde ungeduldig, stolperte auch mal. Diese Zustaende halte ich fuer gefaehrlicher als schneebedeckte Paesse zu ueberqueren.
Selbstverstaendlich soll es ein schoenes Plaetzchen zum Zelten sein. Noch befand ich mich im Wald, Schneehaufen reihte sich an Schneehaufen.....und siehe da, es kam schlimmer. Die Schnee- und Geroellmassen einer Lawine musste ueberquert warden. Danach folgten eine Unzahl von Baechen. In solchen Momenten, wo eine Krise und Ueberreaktionen nahe sind, beginnen die Selbstgespraeche. Ich lotse mich durch die Schwierigkeiten hindurch, rede mir zu, bei der Sache zu bleiben. Ich uebernachtete schliesslich am ersten trockenen Flaeche, die mir begegnete.


Es scheint, als ob der PCT in diesem Zustand einen an die koerperlichen und psychischen Grenzen bringt.


FR der Dreizehnte?
Kurz vor der John Muir Ranch stand die Ueberquerung des Evolution Creeks an. An der offiziellen Stelle war dies nicht moeglich, der Bach tobte. Ein Stueck zurueck breitete der Fluss sich ueber etwa 800m aus, unuebersichtlich, aber langsam und flach.
Ich suchte lange und geduldig nach der Ideallinie, und ging am Ende gleichwohl baden. Der Moment ist mir noch sehr gegenwaertig. Ich geriet huefthoh in das Wasser, es war tiefer, als ich es eingeschaetzt hatte. Auf einmal wurde ich sanft abgehoben: die langsame Stroemung hatte wohl meinen Rucksack erfasst und der hat als Auftriebskoerper gewirkt. Ich schwamm, bevor ich wusste, wie mir geschah. Ich liess mich von der Stroemung ans Ufer treiben, dann noch einmal ins Wasser und ich war drueben. Ich strandete bei einer Feuerstelle, nach und nach trafen weitere sieben Leute ein; alle mehr oder weniger nass und schlotternd. Ki machte uns am meisten Sorgen, er war ueberfallig, war etwa eine Stunde unterwegs. Als er schliesslich auftauchte, war er stinksauer. Er und sein Gepaeck waren total durchnaesst. Erst die letzten Tropfen Southern Comfort konnten ihn einigermassen beruhigen.
Wir machten Feuer, kochten Tee und waermten uns auf. Erst da stellte ich fest, dass mein Minitablet nass geworden und ausgestiegen war. Das hat grosse Konsequenzen und nagte ziemlich lange an mir. Haette sich das nicht vermeiden lassen koennen, haette, sollte, muesste...


Unmittelbar ergab sich eine gute Loesung. Ich konnte mich den United Nations anschliessen: Robert, 29,Oesterreich, Tommii, 25, Finland und Ki, 37, Korea. Ich war dem Trio von Beginn weg immer wieder begegnet, haette aber nie zu fragen gewagt, ob ich mich durch die Sierra ihnen anschliessen duerfte. Als ich spaeter erfuhr, dass sie sich ueberlegt hatten, ihre Gruppe fuer die Sierra zu vergroessern und mein Name gefallen war, freute mich das sehr.


Wir Vier beschlossen, die Originialroute weiterzuverfolgen, die Warnungen, einige Fluesse betreffend waren zwei bzw. drei Wochen alt und schwer beurteilbar. Wir wurden umkehren, falls wir das Risiko als zu hoch einstufen wuerden. Wir sollten ueber Tage auf niemanden treffen, die wenigen anderen hatten die Alternativroute gewaehlt.


Morgen sollten wir auf den Bear Creek treffen, der als gefaehrlich galt. Es herrschte eine Mischung von Aufregung, Spannung und unerschuetterlichem Optimismus. Wir fanden relativ schnelle eine Stelle, wo wir den Bach sicher furten konnten. Wir wagten uns noch nicht zu freuen, es standen uns noch einige Baeche bevor. Tommii und ich wanderten ueber Stunden in Unterhosen, um uns nicht staendig umziehen zu muessen. Wir witzelten darueber, eine neue PCT- Kollektion herauszugeben.


Am Sonntag, 18.6.17 erreichten wir Vermillon Valley Ressort. Nach einer kurzen Verschnaufpause waren wir am Montagnachmittag wieder auf dem Trail. Die Querung des Mono Creek North Fork war anspruchsvoll, aber gefahrlos. Einmal mehr tauchte die Gefahr an unerwarteter Stelle auf. Am naechsten Tag standen wir vor einem gewaltigen Wasserfall, der Weg fuehrte gleich unterhalb durch die brodelnden Wassermassen. Seitlich waren Steine gelegt worden, was fuer Sicherheit sorgte, die Wassertiefe war nicht ersichtlich. Es war eine aussergewoehnliche, hoch emotionale Querung. Wir schrien waehrend des Watens, wohl ein Ausdruck von Aufregung und Ansporn. Wir schrien am anderen Ufer, vor Erleichterung und Dankbarkeit.
Ki hatte sich schweigend von der Stelle entfernt, verschwand flussabwaerts, um sich eine bessere Stelle herauszusuchen. Als er schliesslich, einmal mehr ueberfaehllig auftauchte, war er erschuettert. Er hatte sich eine gefahrliche Stelle ausgesucht und hatte sich beinahe nicht mehr daraus befreien koennen.

Sonntag, 11. Juni 2017

Bishop, Fotos

(Independence)- Bishop, 11./12.6.2017

Der Aufstieg über den Kearsage Pass zog sich im aufgeweichten Schnee dahin. Umso schneller ging der langezogene Abstieg vor sich. Rutschend, “skifahrend“ und manchmal den Hang hinunterspringend, die Unterlage ist ja weich.

Dieser Unterbruch in die Zivilisation war nicht geplant, sondern ist den diesjährigen Bedingungen geschuldet. Wir kommen langsam voran, rechnen etwa mit 10 Meilen pro Tag, das heisst, wir müssen mehr Futter mitschleppen. Die John Muir Ranch, wo ich gerne Nachschub gekauft hätte, öffnet dieses Jahr einen Monat später. Sie rechnen damit, vom Schmelzwasser “geflutet“ zu werden, antworteten sie. Die nächste Etappe geht bis Red' s Meadow bzw. Mammoth Lakes, TM 906. Ob das realistisch ist, wird sich unterwegs zeigen. Immerhin ist Vermillon Ressorts seit gestern offen, eine weitere Möglichkeit, Proviant zu kaufen.

Independence hat wenig Infrastruktur, weshalb wir gleich nach Bishop weitergefahren sind (40 Meilen). Der Bus fährt am Wochenende nicht, gleichwohl hat uns ein Bus “out of Service“ mitgenommen. Wir waren begeistert. Die Strecke verläuft topfeben durch die Wüste, linker Hand die schneebedeckte Bergkette.
Bishop ist überschaubar, hat alles, um wieder aufzutanken. Sogar ein Rodeo soll stattfinden, aber leider erst am Montag. Eben sitze ich im Waschsalon mit leichter Bekleidung, der Rest steckt in der Waschmaschine.

Im Motelzimmer versuche ich mich, an mein neues Spiegelbild zu gewöhnen. Ich habe stark abgenommen, dabei halte ich mich seit Wochen an eine kalorienhaltige Diät. Anders, als in früheren Jahren, vermag sich meine Haut nicht anzupassen. Neue Problemzonen sind entstanden. Falten an Stellen, wo ich nie welche vermutet hätte. Ich versuche mich an die Aussage eines Origami- Künstler's zu halten, der gesagt hat: “ Ein Tag ohne Falten ist kein guter Tag“
In dem Sinne, an alle Betroffenen: “Have a good one“

Ich habe mich dazu entschlossen, den Weg nach Norden kontinuierlich weiterzugehen. Ich kenne jetzt die Bedingungen da draussen. Ich weiss auch, wie schnell die wechseln können. Viele, denen ich die letzten Wochen begegnet bin, haben dasselbe Vorhaben. Ebenso Viele haben aufgehört. Es gibt mir Mut und schweisst zusammen, zu wissen, dass einige Altbekannte dasselbe versuchen werden. Trotz allen Anforderungen dort draussen; ich liebe diese Umstände. Es ist eine Auseinandersetzung mit offenem Ausgang. Vielleicht schaffen wir es mit den körperlichen und mentalen Voraussetzungen, die wir mitbringen. Vielleicht müssen wir umkehren.

Morgen Montag stehen die sieben langen Meilen zurück über den Kearsage Pass zum PCT an. Das wird “sträng“. Vielleicht übernachte ich morgen Abend am Ausgangspunkt des Aufstieges, um in der Früh auf gefrorener Unterlage zu gehen.

Ich geniesse den Hotelaufenthalt, schlafe aber jedes Mal schlecht und bin froh, wieder ' rauszugehen. Das Phänomen “ vortex“ (frei übersetzt Sitzleder) kenne ich nicht. Ich gehe meist früher, als geplant auf den Trail zurück, dort ist mir wohl. Es sind einige Bekannte hier, viele am überlegen, ob und wie es weitergehen soll. Big Boss ist mit seinen beiden Jungs da. Die Gruppe ist sich nicht einig, ob sie gemeinsam weitergehen wollen. Die andere Dreiergruppe um Nice Guy sind hier. Alle begrüssen sie mich stets mit “Grüezi“. Florian versucht einer Amerikanerin zusätzlich noch “Fröhliches Wandern“ beizubringen, da fehlt noch ein Stück Arbeit.  Martin ist in der Stadt und verhält sich wie ein Teenager. Er hat davon Abstand genommen, die Sierra weiter zu begehen. Mit Teddybär bin ich in Kontakt (Morello's amerik. Simkarte funktioniert nicht) Die Beiden sind noch nicht zurück auf dem Trail und haben mir ihre Pläne noch nicht verraten. Die Australierinnen sind zusammen mit Professor Oak nach Chester gefahren. Professor Oak habe ich nach Kennedy Meadows kennengelernt. Er hat mir seine Strategie für die Sierra erklärt und schien wild entschlossen, diese zu durchqueren. Ich weiss nicht, was ihn dazu bewogen hat, seine Absicht zu ändern.

Der Rucksack wird schwer werden. Ich habe mehr Essen eingepackt den je. Ich kaufe jeweils nach Gutdünken und esse gut. Damit alles in den Bärenkanister passt, wird die Verpackung meist entfernt und die Ware in Plastikbeutel umgeleert. Falls jemand interessiert daran ist, was alles mit geht, hier die Liste. Ich packe keine täglichen Portionen ab, stelle keine Kalorientabellen auf, es geht nach Augenmass.

Inhalt Bärenkanister für 10-14 Tage:
1x Grits (versuchsweise aus der Hikerbox)
Ca. 2 kg Müesli, Nüsse, Dörrfrüchte
10 Clifbars (biol. Energieriegel von Hiker für Hiker)
10 versch. Energie-Proteinriegel
300g Schoggi
6 Snickers Almond (Aktion)
6  Getreideriegel (Aktion)
3x Kartoffelstock
4x asiat. Instantnudeln
2x schweiz. Instantsuppen (die Amis kennen das nicht, verkaufen diese in Büchsen)
3x Misosuppe (die sind im Beutel zu haben)
1x Thunfisch(beutel)
2x Couscous (Galey hat mir die erste Portion geschenkt, schmeckt gut. Gibt es in versch. Geschmacksrichtungen, aktuell geröst. Knoblauch u. Pilze)
Kaffee, Tee, Trinkschoggi
und neu Kokosöl.
(Laut Madame, die über solche Dinge gut Bescheid weiss, kann man das in den Kafi rühren, um weiteren Gewichtsverlust zu verhindern. Weiter pflegte sie ihr Trinkwasser mit Javel (1Trpf/Liter) zu desinfizieren. Deutlich billiger als Micropur)
Gewürze habe ich stets dabei, die machen alles geniessbar.

Dann werden noch ein paar Resten aus dem Hotel mitgenommen: Käse, Knäckebrot, Poulet, die Früchte muss ich noch aufessen.

So, auf geht s.

Mt. Whitney, Fotos

Fotos, Sierra

Samstag, 10. Juni 2017

Sierra Nevada: Mt. Whitney- Independence TM 788/9.6.17

Die ersten Tage in der Sierra
Die Landschaft beginnt sich ab Kennedy Meadows langsam zu verändern. Das Grün sticht ins Auge und Wasser ist in Hülle und Fülle vorhanden. Endlich in der als nicht begehbar angekündigten Sierra! Es wirkt alles halb so wild, sogar Empfang hatte es an zwei Stellen.  Auf einem Baumstamm sitzend habe ich das erste Mal mit der Schweiz, bzw. mit Lisa und Milo telefoniert. Vor lauter Aufregung habe ich keinen Satz fertig gesprochen. Das war ein Bild: es sind in dieser Zeit bestimmt 10 Leute an mir vorbei gewandert. Kaum sahen sie mich am Telefon, haben sie sich zu mir auf die “Telefonlounge“ gesetzt.

Es waren milde erste Tage in der Sierra. Die ersten Schneefelder begeisterten uns, endlich im Schnee. Es sollte anspruchsvoller und wir demütiger werden. In der hohen Sierra überwiegt der Schnee die trockenen Weggeschnitte. Das erschwert die Orientierung erheblich. Nachdem ich ein paar Mal vertrauenselig ein paar Spuren gefolgt bin, die ins Nirgendwo führten, wird jetzt fleissig navigiert. Der vermeintliche Unfall, den ich letztes Mal erwähnt hatte, war keiner. Der hatte sich verlaufen und wie am Spiess geschrien, damit man auf ihn aufmerksam wurde. Was ihm gelungen ist.

Neu im Wanderprogramm sind die Bachüberquerungen. Auch da hat es netterweise spielerisch angefangen. Jeder noch so wild schäumende Bergbach hatte ein paar umgefallene Bäume als Brücke parat. Das ist vorbei, jetzt wird gefurtet. “ It s a hard travelling“

Verändert hat sich auch die Anzahl Hiker, wir sind weniger geworden. Beim Anblick des ersten Schnees, von dem die vorangegangenen 1000 Kilometer immer wieder die Rede gewesen war, drehten nicht wenige um und gaben Forfait. Es ist schwer zu belegen, weil es keine offiziellen Zahlen gibt, aber der Eindruck verdichtet sich, dass dieses Jahr deutlich weniger losgezogen sind (4000 Permits wurden vergeben) und deutlich mehr abgebrochen haben wegen der besonderen Schneelage in den Bergen.

Der Begeisterung über mein zweites Wandergschpännli ist Ernüchterung gewichen. Nachdem sich ihr Handy nachts entladen hatte, startete Madame letzthin fuchsteufelswild in den Tag. Meine Lösungsansätze waren auch nicht eben hilfreich, frei nach dem Motto: das Gegenteil von gutes Tun ist, es gut meinen. Auf jeden Fall habe ich meinen Teil abgekriegt. Ich bin dann mal losgezogen, um abzukühlen und habe beschlossen, sie darauf anzusprechen. In den zwei Stunden, die ich auf sie wartete, habe ich so ziemlich alles geputzt und gewaschen, was mir in die Hände fiel. Sogar ein Vollbad im Bergbach genommen. Mit einem wachsamen Auge auf herannahende Hiker. Vergeblich, ein Ami tauchte unversehens auf, verfiel in einen Schreikrampf, der von einem Fluchtteflex abgelöst wurde.

Madame geht langsam, sehr langsam. Beeindruckend, wie sie im Schneckentempo unbeeirrt vor sich hin geht. Das war für die ersten Tage Akklimatisation nicht weiter tragisch, aber danach wurde es für mich zur Geduldsprobe, ich warte ungern, habe mich notgedrungen fleissig darin geübt.
Wir vermochten unsere Differenzen nicht zu klären. Ich teilte ihr schließlich mit, dass die Vertrauensbasis für das gemeinsame Vorhaben nicht gegeben ist (was sie genau so sieht) und ich deshalb die Zweckgemeinschaft so bald wie möglich beenden möchte. Konkret heisst das, sobald sie jemand anders gefunden hat, um die als schwierig bekannten Stellen zu begehen.

8.6.17
Am 2:00 morgens sind wir zu Dritt los Richtung Mt. Whitney. Es war eine helle Mondnacht und faszinierend, in dieser Stimmung zu wandern. Madame hatte von Beginn weg Mühe mit der Höhe und rang darum, abzubrechen. Ein steiles Schneefeld brachte schliesslich die Entscheidung, sie kehrte um. Vielleicht steht mir ein ähnlicher Prozess weiter nördlich bevor. Es ist schwierig, umzukehren. Roland und ich schafften es bis nach oben. Ein Panorama auf die Sierra tat sich auf und im Westen der Wüstenboden mit Lone Pine.

Am späteren Nachmittag wollte ich noch los, näher an den höchsten Pass heran, den Forester. Madame, von der ich eigentlich annehmen würde, dass sie mich zum Teufel wünscht, kam mit. Es wurde ein langsames Vorwärtskommen. Es war enorm schwierig, den Weg zu finden. Die Schneeoberfläche ist unregelmässig und erschwert damit das Gehen und die Spurensuche. Schliesslich landeten wir nach wenigen Meilen erschöpft an einem wildgewordenen Bergbach. Wir übernachteten an dessen Ufer, hofften auf den Rückgang des Wassers, um den Bach am morgen zu durchqueren.

9.6.17
Zwei Paare hatten diesselbe Idee und übernachteten ebenfalls am Ufer. Der Plan ging auf. Die nächsten Meilen hatten wir weitere Bäche zu queren. Die Situation wechselt schnell. Bei dem einen Bach wussten wir, dass eine Schneebrücke vorhanden sein soll. Die haben wir gefunden, nur war ein Stück weggeschmolzen. Man muss sich Zeit nehmen, eine geeignete Stelle zu suchen und es war gut, dass wir zu sechst waren.

Das Laufen auf dem Schnee verlangsamt enorm. Die Sierra ist dafür bekannt, dass die Schneeoberfläche zu “suncups“ schmilzt. Das sind rundliche Schmelzlöcher, die 20-30 cm tief sind. Das ist der Grund, weshalb Schneeschuhe als wenig wirksam betrachtet werden. Ich habe Mikrospikes dabei, die haben 12 dreieckige, 1 cm lange Zacken und haben sich bewährt. Im aufgeweichten Schnee sind sie allerdings nutzlos, da hilft nur eiserner Wille.
Wir gelangtenn erst um Mittag an den Fuss des Foresters, den man frühmorgens überqueren sollte. Es war so unwirtlich, windig und kalt, dass wir uns alle einig waren, einen Versuch zu wagen und notfalls abzubrechen. Hipbelt führte uns souverän über den Pass, der anstrengend und bei dieser kompakten Schneemasse sicher zu begehen war.

Ich habe die letzten Tage einiges über die Handhabung des Eispickels gelernt. Der kommt auch beim sogenannten “glissading“ zum Einsatz. Man zieht die Regentrainerhose über, setzt sich auf den Hintern und saust zu Tale. Mit Eispickel steuert oder bremst man. Ich war erst etwas ängstlich, dann habe ich es doch gewagt. Eine äusserst vergnügliche Angelegenheit. Ich werde noch zur Wintersportlerin.

10.6.17
Was waren wir alle froh, den Forester mit seinem “gförchigen“ Ruf hinter uns zu haben. Madame, das muss man ihr lassen, hat alles mitgemacht, furchtlos durch Bäche gewatet, über Schneefelder gelaufen und. Schneehänge hinunter gesaust. Wir haben das gemeinsame Vorhaben schliesslich doch durchgezogen, trotzdem unser Verhältnis sich zum höflich- distanzierten entwickelt hatte. Es hat geholfen, dass wir  nicht alleine unterwegs gewesen sind. Das gab uns beiden genügend Sicherheit, um weiter zu gehen. Sonst hätten wir vielleicht aus Vernunftgründen am Fusse des Foresters eine kalte, windumtoste Nacht verbracht, das hätte unserem fragilen Gleichgewicht wohl den Rest gegeben.
Heute sind wir Richtung Kearsage Pass gestartet, um in die Zivilisation zu gelangen. Ich wartete auf meine Wanderkollegin, um ihr die Stelle zum queren eines Baches zu zeigen. Ich teilte ihr mit, dass ich vorgehen und nur bei Notwendigkeit (gefährliche Stellen) auf sie warten werde und verabschiedete mich. Nach ein paar Höhenmetern tönte es von unten: “ Du brauchst nicht zu warten“.
Ich war wieder Solo Hikerin.

Montag, 5. Juni 2017

Eindrücke, Fotos

Unterwegs Richtung Sierra Nevada, Fotos

KENNEDY MEADOWS DAY 39, TM 702, 1120 KM- TM 733,8

Ich weiss, ich verliere jede Glaubwürdigkeit, wenn ich mich jetzt schon wieder melde. Kaum abgemeldet, schon wieder zurück im www. Überraschenderweise habe ich Empfang in dieser abgelegenen Gegend, also nutze ich die Gelegenheit.

Ich bin vorgestern gestern Samstag mit Martin losgelaufen Richtung Berge. Der Dritte im Bunde war den ganzen Tag unauffindbar, hat wohl seine Pläne geändert.
Martin und ich könnten unterschiedlicher nicht sein. Er ist ein Flachländer aus Norddeutschland und baumlang. Er ist deutlich schneller ebenaus und bei Steigungen wendet er die Morello Technik an, allerdings ohne deren Weinkrämpfe.
Unterwegs erzählt er mir, dass er eine Tendenz habe, sich zu viele Sorgen zu machen. Für den PCT habe er sich vorgenommen, diesem Übel abzuschwören. Er lebe spontan vor sich hin und lasse die Dinge auf sich zukommen. Einige Folgen dieser Haltung erscheinen mir etwas gar sorglos. Er habe eben seine Wanderschuhe nach Hause geschickt, nachdem er sie den ganzen Weg durch die Wüste getragen und geschwollene Füsse davon bekommen habe. Er will die Sierra in Turnschuhen begehen. An weitere Ausrüstungsgegenstände hätte er zu spät gedacht, deshalb will er morgen raus nach Lone Pine um dies nachzuholen. Mutig oder leichtsinnig? Ob das wohl gut kommt mit uns beiden?

Was mich für ihn einnimmt, ist seine Radikalität. Er ist 57, hat für diese Wanderung alles aufgegeben; Wohnung, Auto und Job. Er erhoffe sich neue Impulse, möchte sein Leben anders, erfüllter weiterführen als bisher. Allerliebst fand ich ausserdem, dass er mir gestern an meinem Herdfeuerchen erzählte, dass er manchmal von seiner Rückkehr tagträume. Es spucke ihm ein Lied im Kopf herum: da fahre ein Mann nach langer Gefangenschaft mit dem Bus zu seiner Liebsten. Vorgängig hatte er sie gebeten, falls er nach all' den Jahren bei ihr immer noch willkommen sei, soll sie doch bitte ein gelbes Band um die Eiche binden. Als der Bus sich dem Haus näherte, wagte er nicht, hinzusehen und bat den Buschauffeur dies für ihn zu tun. Auf einmal brach der ganze Bus in Jubel aus; an jedem Baum hing ein gelbes Band. Martin' s Stimme brach, er räusperte sich.

4.6.17/ ab  TM 709
Der Rucksack wiegt schwer. Ich habe einiges an zusätzlicher Ausrüstung dabei und essen für etwa 10 Tage. Langsam gewinnen wir an Höhe. Ein grünes Tal öffnet sich und erst da merke ich, wie sehr mir dieser Anblick gefehlt hat. Wir erreichen 3200 m, danach geht es durch einige Altschneefelder, die keine Probleme bieten, ausser, dass der Weg schwer zu finden ist. GPS sei Dank gibt es auch da ein Mittel dagegen.
Unterwegs treffen wir auf Madame, eine Welschschweizerin in den Fünfziger, die einfach mal los gegangen ist und für die höheren Regionen Anschluss sucht. Sie hat dasselbe vor wie ich und wir waren uns schnell einig, dass sie sich uns anschliessen soll.

5.6.17/ Campsite TM 730
Es kam nicht gut, mit uns beiden, Martin und mir. Am Vorabend wollten wit besprechen, wie wir die gemeinsame Unternehmung gestalten wollen. Madame war spät angekommen und hatte von einem Unfall auf den Schneefeldern berichtet. Einzelheiten konnte sie nicht mitteilen, es seien genug Leute da gewesen, die den um Hilfe rufenden gesucht hätten. Für sie sei klar: auf den kommenden Schneefeldern wandert man zusammen, in Sichtkontakt. Ganz meine Meinung. Weiter kamen wir nicht, die Moskitos zwangen uns ins Zelt.

Am nächsten Morgen zeigte sich Martin verschlossen, setzte sich nicht zu uns zum Kaffee. An der Lagebesprechung, wo es um mögliche Treffpunkte nach seinem Ausflug nach Long Pine ging, zeigte er sich demonstrativ desinteressiert und marschierte los. Die Botschaft war unausgesprochen, aber klar.

Nun bin ich also mit Madame unterwegs, die deutlich selbstbewusster ist und weiss was sie will: eine Zweckgemeinschaft.

Ich habe mittlerweilen über diesen Abgang ein paar Meilen nachgedacht. Martin hat unausgesprochene emotionale Bedürfnisse, ich habe uns als Zweckgemeinschaft verstanden. Die Erkenntnisse sind, wie so oft, banal. Ich hätte es besser wissen müssen und zwingend vor dem Aufbruch einige grundsätzliche Sachen mit ihm besprechen müssen.

Wir sind noch nicht im grossen Schnee angelangt, sind auf 3000 Meter Höhe. Wahrscheinlich ist, dass ich nach Independence raus muss. Also noch nichts Neues auf dem Trail.

Ein Bild für die Götter: mitten im Niemandsland sitzen drei Leute und bearbeiten ihre Handy's. Und Hund Bell will spielen und wird laufend abgewiesen.

Freitag, 2. Juni 2017

Walker Pass- Kennedy Meadows TM 702, 1.6.17

Da hat er sich aber mächtig getäuscht, der Patrick, seines Zeichens zur Kategorie Sportler gehörend. Er hätte sich die Strecke Walker- Kennedy Meadows angeschaut, die verlaufe grösstenteils flach, weshalb er die 50 Meilen an einem Tag zu laufen gedenke. Tatsächlich sind es Bergetappen mit drei mächtigen Steigungen, bevor es die letzten Meilen abwärts bzw. flach verläuft.

Ich wage gar nicht an Morello zu denken, die das mitgehört hat und wohl wieder ihre Weinkrämpfe haben wird. Sie und Teddybär sind nach Lake Isabella gefahren, sie will ihren Geburtstag in der Stadt feiern. Vor ein paar Tagen hatte sie mich beim Lichterlöschen mit der Frage überrascht, ob ich ein Zweierzelt hätte, was ich entsetzt verneinte. Morello spart sich seither die Arbeit, ihr Zelt aufzustellen und schläft in Teddybär' s Zelt. Da lagen sie dann, wie in einer Konservenbüchse, “Köpfli a Köpfli“, mit entschieden unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie sie ihre Beziehung gestalten wollen. Arbeit gespart und sich Anderes eingehandelt.

Auf dem Walkerpass treffe ich beim Campingplatz auf eine Gruppe, die Dalton zu den Partygängern zählen würde. Strange Bird und Detour (wg. freiwilliger u. unfreiwilliger Umwegen) haben Bier und biologisch-organisches Marihuana aus der Stadt mitgebracht. Joints sieht man selten, das Kraut wird meist in kunstvollen Pfeifen geraucht. Namensgebend für Strange Bird sind die  Stofffetzen die er an seine Hemdärmel genäht hat. Er müsse jeweils- sehr zum Erstaunen seiner Umgebung- sein Hemd ausziehen, wenn er mal müsse. Strange Bird ist sehr ausführlich, wir einigen uns darauf, dass man sich seine Flügel weder stutzen noch beschmutzen sollte.
Er geht über zu einem weitaus interessanteren Thema; er sei überzeugt, dass der Trail ihm das gebe, was er brauche. “The trail provides“ Ich teile seine Meinung, obwohl diese schwierig in Worte zu fassen ist. Ich meine, dass man unterwegs durchlässiger wird und sich Zufälle ergeben, die vermutlich keine sind.

Strange Bird und Detour haben ihren eigenen Rhythmus, sie laufen oft nachts, um weniger Wasser tragen zu müssen. Ich treffe sie am folgenden Tag (MI), sie haben Feuer gemacht und Detour offeriert einer seiner tollen Filterkaffees, die man in die Tasse hängen kann. Die Kafffeerunde löst sich auf, als es zu regnen beginnt. Strange Bird steckt seine Kleider, die einzigen, die er dabei hat, in den Rucksack und läuft nur in Unterhosen bekleidet, los. Mal ein Trailname, der passt.

Hoch geht's, über den Berg. Wüstenpflanzen und Kiefernwald lösen sich ab. Viele davon sind krank, “pine beetle“, ich vermute damit ist der Borkenkäfer gemeint.

Kurz vor KM wird die Landschaft flach, weiter Himmel, Felsformationen, vertrocknete Baumskulpturen und endlich wieder mal ein Fluss, der den Namen verdient.  Das Stadtfieber hat mich erfasst, ich will heute in diesen kleinen, aber bedeutungsvollen Ort einlaufen. KM ist selten auf Karten vermerkt, liegt etwa auf der Höhe von Indian Wells, wo unser aller Rodscher jeweils spielt. Wanderer, die am Aufbrechen sind, kommen mir entgegen, gratulieren. Mega Man, der für 30 Meilen trainierte, dies aber fallen ließ, weil er viel zu gesellig ist, um sich nur auf seinen Plan zu konzentrieren. Sein Kollege Jimmy ist auch da, kaum wieder zuerkennen frisch geduscht und mit sauberen Kleidern. Detour macht eine Riesenshow mitten auf der Strasse und drückt mir ein Bier in die Hand. Ich war aufgewühlt und gerührt, als ich die Veranda des General Store erreichte.

PS Der General Store u Grumpy Bear haben Wifi, wenn auch eine schlechte Verbindung. Bin nicht sicher, ob ich Fotos durchkriege. Sendepause also hinaus gezögert werde frühstens morgen Abend aufbrechen.

Samstag, 27. Mai 2017

Tehachipi Pass- Walkerpass TM 662, 30.5.17

Die Windfarmen verschwinden langsam aus dem Blickfeld, das Tuten der Güterzüge und der Verkehrslärm der Interstate begleiten mich noch eine Weile.
Dalton, Trailangel aus Tehachipi, hat uns zum PCT zurückgefahren. Er weist darauf hin, dass Cheryl Strayed (“Wild“) ihre PCT- Wanderung hier begonnen hat. Sie habe von den Drogen los kommen wollen, was auf den ersten 500 Meilen schwierig sei. Es seien viele “Partygänger“ unterwegs, die sich von Party zu Party, sprich von Ort zu Ort schleppen würden. Auf diesem Teil des PCT's seien Drogen leicht zugänglich. Die “Partygänger“ würden von nun an weniger, da die Distanzen zur nächsten Ortschaft länger und der Weg beschwerlicher würde. Dalton definiert zwei weitere Kategorien Hiker: die Sportler, welche einem genauen Plan folgen und den Trail als sportliche Herausforderung sehen. Als dritte Gruppe nennt er die gewöhnlichen Wanderer, die ihm am liebsten sind, weil sie entspannter unterwegs seien.

Nach wenigen Meilen treffe ich auf Scott und Zahar. Scott hat eben seine PCT Wanderung angefangen und schleppt wie Cheryl, ein Monster von einem Rucksack, um die 35 Kilo bergwärts. Scott, in tadellosem Wüsten-Safari-Look eingekleidet, ist ein kräftiger Kerl, es ist ihm gleichwohl schon klar geworden, dass es so nicht geht. Zahar hat seinen Rucksack ausgepackt, um ihm zu zeigen, was er dabei hat. Das letzte, was ich von Scott gehört habe, ist, dass er einen Freund angerufen hat. Ob dieser das überflüssige Gepäck abholt oder ob er aufgegeben hat, ist mir nicht bekannt.

Ich habe nun den letzten Abschnitt Richtung Kennedy Meadows unter die Füsse genommen. Das ist irgendwie aufregend, die Sierra, mit all' den offenen Fragen, liegt nur noch wenige Tage entfernt. Noch ist davon nichts zu spüren; die Wüste zeigt nochmals ihre ganze Palette: mal ist der Bepflanzung ganz spärlich: Blumen und Blümchen, die sich irgendwie erhalten und alles geben, was an Farbe und Blütenblätter in ihnen steckt. Dann wiederum dichter Chaparrall und Joshua Bäume. Die sollen ihren Namen von den Mormonen erhalten haben, weil sie ihnen den Weg nach Westen gewiesen haben sollen. Die Bäume, die ich gesehen habe, zeigen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Scheinen eher dafür zu stehen, dass alle Wege nach Rom führen, früher oder später.

Zwischendurch verläuft der Weg durch lose Kiefernwälder,  es riecht wunderbar nach sonnenbeschienen Tannennadeln.
Der Abschluss der Wüstenetappe ist sogleich die trockenste Strecke des PCT. Es drohen 42 Meilen (67km) ohne Wasserquelle direkt am Weg. Umwege machen, vermeidet man, wann immer möglich. Ich tanke etwas mehr Wasser als üblich und hoffe auf die Wasserdepots, welche Freiwillige unterhalten. Ich habe Glück, die Strategie, von der abgeraten wird, geht auf. Es wird schliesslich halb so wild: beide Wasserdepots sind aufgefüllt, eine grosse Erleichterung für uns und für mich. Die letzten Meilen vor dem erhofften Depot wurde mir etwas mulmig. Ich hätte mich in eine schwierige Situation gebracht. Damit hat sich die längste wasserlose Strecke auf 16 Meilen (25 km) reduziert, das hatten wir schon mehrfach. Es war allerdings eine anstrengende, heisse Strecke, z. T. auf weichem, sandigen Boden, der mir zusetzte, bei Temperaturen um die 35°. Am zweiten Wasserdepot wurde ich sogar mit eisgekühltem Bier empfangen. Jim, 74, hat seine Tochter auf den PCT zurückgefahren und bei dieser Gelegenheit seine riesige Kühlbox auf seinen Pick Up Truck geladen, und mit Mineral, Bier und Eis gefüllt.

Morello war auch da. Sie und Teddybär laufen meist vor mir. Sie hat früher Marathon- und 100km- Läufe absolviert und ist stark auf ebenen und abfallenden Strecken. Für Steigungen hat sie noch kein Mittel gefunden, da spielen sich weiterhin Dramen ab. Morello, wohl aus einer Mischung aus sportlichem Ehrgeiz, Temperament und Unbeirrbarkeit geht Vollgas in die Steigungen und bricht regelmässig ein. Teddybär ist in der Zwischenzeit krisenerprobt.

KENNEDY MEADOWS
Soweit ich weiss, ist dort kein Empfang (je nach Variante, die ich wählen werde, könnte es zu einem 2-3 wöchigen Unterbruch des Blog kommen) deshalb ein paar  Vorabgedanken. Über' s Buschtelefon laufen alle möglichen Informationen : unmöglich, die Sierra vor Mitte Juli zu durchqueren, besser jetzt gleich los gehen, wo die volle Schneeschmelze noch nicht eingesetzt hat. Es seien schon Hiker durchgekommen und das Gegenteil wird auch portiert. Ich gehe davon aus, dass man Forester - und Kearsage Pass überqueren kann. Die Quelle hat sich verlässlich angehört. Das heisst, dass man dann einen Eindruck davon bekommt, wie es dort oben ausschaut  und wie anstrengend das Vorwärtskommen sein wird. Ich neige derzeit zu dieser Variante. In KM werde sich Gruppen bilden, man wird gemeinsam aufbrechen.
Ich habe mir einige Ausrüstungsgegenstände (Eispickel, Leichtsteigeisen) voraus geschickt, dazu ist in der Sierra Bärenkanisterpflicht, der in KM noch dazu kommt....ich hoffe auf eine tragende Schneedecke, der Rucksack wird schwer werden.

Tehachapi TM 566, 27.5.17

Noch kurz ein paar Infos, bevor ich Tehachapi verlasse. Der PCT soll nun anspruchsvoller werden, lange, wasserlose Strecken, weg von der Zivilisation. Der Empfang wird seltener und folglich auch der Blog.

Hat es mit der Routenführung der letzten Tage zu tun, dass langsam die Vorfreude auf die Sierra auftaucht? Der PCT wurde grösstenteils aus bestehenden Wanderwegen zusammengefügt. Einzelne verbindende Streckenabschnitte wurden neu erstellt. Das wird  um die  Mojavewüste besonders sichtbar. Dort waren die Verhandlungen mit privaten Landbesitzern besonders langwierig und manchmal erfolglos. Der PCT verläuft aus diesem Grunde schlangenförmig und oft in westlicher Richtung. Neue Verhandlungen seien am laufen, der PCT ist eine Baustelle.

Ich war gestern mit Morello und Teddybär essen und lerne die beiden besser kennen. Morello ist sehr unterhaltsam, spricht die ganze Zeit, um “sich und andere zu unterhalten“, wie sie sagt. Teddybär ist zurückhaltend und aufmerksam, ein sympathischer Kerl. Die beiden sind mein fester Wert, von den anderen habe ich nichts mehr gehört. Vielleicht gibt s ein Klassentreffen in Kennedy Meadows in einer Woche? Der erste grosse Meilenstein auf dem Weg nach Norden. Ob die Sierra passierbar ist, bleibt unklar. Es kursieren viele Gerüchte. Es lässt sich erst vor Ort beurteilen, wie es weitergeht, ich halte Euch auf dem Laufenden.

Freitag, 26. Mai 2017

Trail Magic, Tehachapi Pass Fotos

Tehachapi: Trailmagic der besonderen Art

Die meisten Hiker stellten sich schon bei TM 558 an die Strasse, um per Anhalter nach Tehachapi zu fahren. Ich hatte andere Pläne: ich wollte noch weitere 8 Meilen zur Interstate laufen, um dort meine ganz persönliche Trailmagic auszugraben.
Rita Blättler und Rene Witschi haben im Frühjahr den PCT mit ihrem Wohnmobil bei Trailmeile 566,1 gekreuzt. In einer spontanen Aktion haben sie die Ausfahrt angepeilt, um mir einen Gruss zu hinterlassen. Was die Beiden unternehmen, wird akribisch erfasst und dokumentiert. Rita hat mir sowohl Fotos wie eine Google Earth Übersicht von dem Ort der Aktion zugestellt. Unverfehlbar.
Das war eine Freude, mit dem vielseitig verwendbaren und schon mal zitierten Ultraleichtschäufelchen zu graben. Gute Arbeit, Rene, sogar mit Steinen beschwert, ich kam beinahe ins Zweifeln. Ein Flachmann mit persönlichem Gruss kam schliesslich zum Vorschein. Ich vermute mal mit Southern Comfort gefüllt. Ich habe sofort auf Euch angestossen und hoffte, dass das Selfie (keine Hiker da) dadurch etwas lockerer ausfallen würde. Na ja.
Auf Euch beide, Rita und Rene!
Und auf Janis Joplin, die Southern Comfort (zu sehr) liebte.
“ Freedom s just another word of nothing left to loose..“
Mir scheint, da muss ich noch einen dritten Schluck nehmen.