Donnerstag, 22. Juni 2017

Kearsage Pass- Mammoth Lakes 12.-21.6.17/TM 903

Der Untertitel dieses Blogs koennte heissen: Freuden und Leiden auf dem PCT waehrend des Ausnahmejahres 2017 oder so.


Wo sind bloss alle geblieben? Seit MO- Nachmittag, 12.6., seit ich mich wieder zurueck auf den PCT gemacht habe, ist mir niemand mehr begegnet, ausser einem Dutzend Hiker, die ein Schneesturm ins Tal getrieben hat.
Seither bin ich allein auf weiter Flur, einerseits vertraut, andererseits suchte ich Anschluss, um mit vereinten Kraeften Richtung Norden weitergehen zu koennen.
Am dritten Tag taucht ploetzlich ein Gehetzter in Gegenrichtung auf, er sei doch nicht lebensmuede, er habe schliesslich eine vierjaehrige Tochter. Er schaffe es nicht ueber den Mather Pass und ueberhaupt habe er es satt, staendig beim Laufen auf den Boden schauen zu muessen. Er gehe zurueck zur Haengebruecke und suche von dort einen Weg nach Fresno, ohne jegliche Orientierungshilfe. Er stopfte seine Medizin in die Pfeife, nahm ein paar hastige Zuege, bedankte sich ausgiebig dafuer, dass er meine Karten hat konsultieren duerfen und weg war er. Wenn das nur gut kommt.
Ich habe keine vierjaehrige Tochter, sterben will ich gleichwohl nicht, die Warnung klang nach.
Das Gehen auf der zerfurchten, vereisten oder aufgeweichten Schneeoberflaeche ist beschwerlich, da hat er recht. Der Zustand des Trails verlangt viel Geduld und Aufmerksamkeit. Er verschwindet immer wieder unter dem Schnee, taucht er auf, ist er oft ueberspuelt, das Gehen ist durch Geroell und Lawinen erschwert. Ganz zu Schweigen von den unsichtbaren Hohlrauemen, die sich auftun und einen zum einbrechen bringen.


MI 14.6.17
Ich uebernachtete im Blickfeld des Mather Passes. Um 4:00 in der Frueh zogen die ersten drei Hiker an meiner Schlafstatt vorbei, just, als ich aufbrach, kamen zwei Schotten daher. Ich war heilfroh, wieder unter Leuten zu sein. Die beiden Schotten freuten sich auf die bevorstehende Herausforderung, das half mir, die Sache lockerer anzugehen. Ein steiles Schneefeld zog sich zum Pass hinauf, es schien gut vorgespurt zu sein. Ich packte meinen Eispickel aus, den ich eigentlich nur als Dekoration, zur Beruhigung mitgenommen hatte. Eispickel bergwaerts, Wanderstock talwaerts. Kein spontaner Schritt. Sichern, gehen, sichern, gehen. Seit dem Foresterpass weiss ich, dass ich in Schneefeldern schwindelfrei bin. Nach einer Dreiviertelstunde war ich oben, das Adrenalin zirkulierte. Insgesamt fanden sich sieben Wanderer auf der Passhoehe und freuten sich miteinander ueber den gelungenen Aufstieg. Das fuehlte sich doch eher wie der alte PCT an, wo man staendig Leute antraf.


Gegen Abend mehrten sich die Zeichen, dass es Zeit wird, einen Zeltplatz zu suchen. Ich fuehlte mich erschoepft, die Unkonzentriertheiten nahmen zu, ich wurde ungeduldig, stolperte auch mal. Diese Zustaende halte ich fuer gefaehrlicher als schneebedeckte Paesse zu ueberqueren.
Selbstverstaendlich soll es ein schoenes Plaetzchen zum Zelten sein. Noch befand ich mich im Wald, Schneehaufen reihte sich an Schneehaufen.....und siehe da, es kam schlimmer. Die Schnee- und Geroellmassen einer Lawine musste ueberquert warden. Danach folgten eine Unzahl von Baechen. In solchen Momenten, wo eine Krise und Ueberreaktionen nahe sind, beginnen die Selbstgespraeche. Ich lotse mich durch die Schwierigkeiten hindurch, rede mir zu, bei der Sache zu bleiben. Ich uebernachtete schliesslich am ersten trockenen Flaeche, die mir begegnete.


Es scheint, als ob der PCT in diesem Zustand einen an die koerperlichen und psychischen Grenzen bringt.


FR der Dreizehnte?
Kurz vor der John Muir Ranch stand die Ueberquerung des Evolution Creeks an. An der offiziellen Stelle war dies nicht moeglich, der Bach tobte. Ein Stueck zurueck breitete der Fluss sich ueber etwa 800m aus, unuebersichtlich, aber langsam und flach.
Ich suchte lange und geduldig nach der Ideallinie, und ging am Ende gleichwohl baden. Der Moment ist mir noch sehr gegenwaertig. Ich geriet huefthoh in das Wasser, es war tiefer, als ich es eingeschaetzt hatte. Auf einmal wurde ich sanft abgehoben: die langsame Stroemung hatte wohl meinen Rucksack erfasst und der hat als Auftriebskoerper gewirkt. Ich schwamm, bevor ich wusste, wie mir geschah. Ich liess mich von der Stroemung ans Ufer treiben, dann noch einmal ins Wasser und ich war drueben. Ich strandete bei einer Feuerstelle, nach und nach trafen weitere sieben Leute ein; alle mehr oder weniger nass und schlotternd. Ki machte uns am meisten Sorgen, er war ueberfallig, war etwa eine Stunde unterwegs. Als er schliesslich auftauchte, war er stinksauer. Er und sein Gepaeck waren total durchnaesst. Erst die letzten Tropfen Southern Comfort konnten ihn einigermassen beruhigen.
Wir machten Feuer, kochten Tee und waermten uns auf. Erst da stellte ich fest, dass mein Minitablet nass geworden und ausgestiegen war. Das hat grosse Konsequenzen und nagte ziemlich lange an mir. Haette sich das nicht vermeiden lassen koennen, haette, sollte, muesste...


Unmittelbar ergab sich eine gute Loesung. Ich konnte mich den United Nations anschliessen: Robert, 29,Oesterreich, Tommii, 25, Finland und Ki, 37, Korea. Ich war dem Trio von Beginn weg immer wieder begegnet, haette aber nie zu fragen gewagt, ob ich mich durch die Sierra ihnen anschliessen duerfte. Als ich spaeter erfuhr, dass sie sich ueberlegt hatten, ihre Gruppe fuer die Sierra zu vergroessern und mein Name gefallen war, freute mich das sehr.


Wir Vier beschlossen, die Originialroute weiterzuverfolgen, die Warnungen, einige Fluesse betreffend waren zwei bzw. drei Wochen alt und schwer beurteilbar. Wir wurden umkehren, falls wir das Risiko als zu hoch einstufen wuerden. Wir sollten ueber Tage auf niemanden treffen, die wenigen anderen hatten die Alternativroute gewaehlt.


Morgen sollten wir auf den Bear Creek treffen, der als gefaehrlich galt. Es herrschte eine Mischung von Aufregung, Spannung und unerschuetterlichem Optimismus. Wir fanden relativ schnelle eine Stelle, wo wir den Bach sicher furten konnten. Wir wagten uns noch nicht zu freuen, es standen uns noch einige Baeche bevor. Tommii und ich wanderten ueber Stunden in Unterhosen, um uns nicht staendig umziehen zu muessen. Wir witzelten darueber, eine neue PCT- Kollektion herauszugeben.


Am Sonntag, 18.6.17 erreichten wir Vermillon Valley Ressort. Nach einer kurzen Verschnaufpause waren wir am Montagnachmittag wieder auf dem Trail. Die Querung des Mono Creek North Fork war anspruchsvoll, aber gefahrlos. Einmal mehr tauchte die Gefahr an unerwarteter Stelle auf. Am naechsten Tag standen wir vor einem gewaltigen Wasserfall, der Weg fuehrte gleich unterhalb durch die brodelnden Wassermassen. Seitlich waren Steine gelegt worden, was fuer Sicherheit sorgte, die Wassertiefe war nicht ersichtlich. Es war eine aussergewoehnliche, hoch emotionale Querung. Wir schrien waehrend des Watens, wohl ein Ausdruck von Aufregung und Ansporn. Wir schrien am anderen Ufer, vor Erleichterung und Dankbarkeit.
Ki hatte sich schweigend von der Stelle entfernt, verschwand flussabwaerts, um sich eine bessere Stelle herauszusuchen. Als er schliesslich, einmal mehr ueberfaehllig auftauchte, war er erschuettert. Er hatte sich eine gefahrliche Stelle ausgesucht und hatte sich beinahe nicht mehr daraus befreien koennen.

Sonntag, 11. Juni 2017

Bishop, Fotos

(Independence)- Bishop, 11./12.6.2017

Der Aufstieg über den Kearsage Pass zog sich im aufgeweichten Schnee dahin. Umso schneller ging der langezogene Abstieg vor sich. Rutschend, “skifahrend“ und manchmal den Hang hinunterspringend, die Unterlage ist ja weich.

Dieser Unterbruch in die Zivilisation war nicht geplant, sondern ist den diesjährigen Bedingungen geschuldet. Wir kommen langsam voran, rechnen etwa mit 10 Meilen pro Tag, das heisst, wir müssen mehr Futter mitschleppen. Die John Muir Ranch, wo ich gerne Nachschub gekauft hätte, öffnet dieses Jahr einen Monat später. Sie rechnen damit, vom Schmelzwasser “geflutet“ zu werden, antworteten sie. Die nächste Etappe geht bis Red' s Meadow bzw. Mammoth Lakes, TM 906. Ob das realistisch ist, wird sich unterwegs zeigen. Immerhin ist Vermillon Ressorts seit gestern offen, eine weitere Möglichkeit, Proviant zu kaufen.

Independence hat wenig Infrastruktur, weshalb wir gleich nach Bishop weitergefahren sind (40 Meilen). Der Bus fährt am Wochenende nicht, gleichwohl hat uns ein Bus “out of Service“ mitgenommen. Wir waren begeistert. Die Strecke verläuft topfeben durch die Wüste, linker Hand die schneebedeckte Bergkette.
Bishop ist überschaubar, hat alles, um wieder aufzutanken. Sogar ein Rodeo soll stattfinden, aber leider erst am Montag. Eben sitze ich im Waschsalon mit leichter Bekleidung, der Rest steckt in der Waschmaschine.

Im Motelzimmer versuche ich mich, an mein neues Spiegelbild zu gewöhnen. Ich habe stark abgenommen, dabei halte ich mich seit Wochen an eine kalorienhaltige Diät. Anders, als in früheren Jahren, vermag sich meine Haut nicht anzupassen. Neue Problemzonen sind entstanden. Falten an Stellen, wo ich nie welche vermutet hätte. Ich versuche mich an die Aussage eines Origami- Künstler's zu halten, der gesagt hat: “ Ein Tag ohne Falten ist kein guter Tag“
In dem Sinne, an alle Betroffenen: “Have a good one“

Ich habe mich dazu entschlossen, den Weg nach Norden kontinuierlich weiterzugehen. Ich kenne jetzt die Bedingungen da draussen. Ich weiss auch, wie schnell die wechseln können. Viele, denen ich die letzten Wochen begegnet bin, haben dasselbe Vorhaben. Ebenso Viele haben aufgehört. Es gibt mir Mut und schweisst zusammen, zu wissen, dass einige Altbekannte dasselbe versuchen werden. Trotz allen Anforderungen dort draussen; ich liebe diese Umstände. Es ist eine Auseinandersetzung mit offenem Ausgang. Vielleicht schaffen wir es mit den körperlichen und mentalen Voraussetzungen, die wir mitbringen. Vielleicht müssen wir umkehren.

Morgen Montag stehen die sieben langen Meilen zurück über den Kearsage Pass zum PCT an. Das wird “sträng“. Vielleicht übernachte ich morgen Abend am Ausgangspunkt des Aufstieges, um in der Früh auf gefrorener Unterlage zu gehen.

Ich geniesse den Hotelaufenthalt, schlafe aber jedes Mal schlecht und bin froh, wieder ' rauszugehen. Das Phänomen “ vortex“ (frei übersetzt Sitzleder) kenne ich nicht. Ich gehe meist früher, als geplant auf den Trail zurück, dort ist mir wohl. Es sind einige Bekannte hier, viele am überlegen, ob und wie es weitergehen soll. Big Boss ist mit seinen beiden Jungs da. Die Gruppe ist sich nicht einig, ob sie gemeinsam weitergehen wollen. Die andere Dreiergruppe um Nice Guy sind hier. Alle begrüssen sie mich stets mit “Grüezi“. Florian versucht einer Amerikanerin zusätzlich noch “Fröhliches Wandern“ beizubringen, da fehlt noch ein Stück Arbeit.  Martin ist in der Stadt und verhält sich wie ein Teenager. Er hat davon Abstand genommen, die Sierra weiter zu begehen. Mit Teddybär bin ich in Kontakt (Morello's amerik. Simkarte funktioniert nicht) Die Beiden sind noch nicht zurück auf dem Trail und haben mir ihre Pläne noch nicht verraten. Die Australierinnen sind zusammen mit Professor Oak nach Chester gefahren. Professor Oak habe ich nach Kennedy Meadows kennengelernt. Er hat mir seine Strategie für die Sierra erklärt und schien wild entschlossen, diese zu durchqueren. Ich weiss nicht, was ihn dazu bewogen hat, seine Absicht zu ändern.

Der Rucksack wird schwer werden. Ich habe mehr Essen eingepackt den je. Ich kaufe jeweils nach Gutdünken und esse gut. Damit alles in den Bärenkanister passt, wird die Verpackung meist entfernt und die Ware in Plastikbeutel umgeleert. Falls jemand interessiert daran ist, was alles mit geht, hier die Liste. Ich packe keine täglichen Portionen ab, stelle keine Kalorientabellen auf, es geht nach Augenmass.

Inhalt Bärenkanister für 10-14 Tage:
1x Grits (versuchsweise aus der Hikerbox)
Ca. 2 kg Müesli, Nüsse, Dörrfrüchte
10 Clifbars (biol. Energieriegel von Hiker für Hiker)
10 versch. Energie-Proteinriegel
300g Schoggi
6 Snickers Almond (Aktion)
6  Getreideriegel (Aktion)
3x Kartoffelstock
4x asiat. Instantnudeln
2x schweiz. Instantsuppen (die Amis kennen das nicht, verkaufen diese in Büchsen)
3x Misosuppe (die sind im Beutel zu haben)
1x Thunfisch(beutel)
2x Couscous (Galey hat mir die erste Portion geschenkt, schmeckt gut. Gibt es in versch. Geschmacksrichtungen, aktuell geröst. Knoblauch u. Pilze)
Kaffee, Tee, Trinkschoggi
und neu Kokosöl.
(Laut Madame, die über solche Dinge gut Bescheid weiss, kann man das in den Kafi rühren, um weiteren Gewichtsverlust zu verhindern. Weiter pflegte sie ihr Trinkwasser mit Javel (1Trpf/Liter) zu desinfizieren. Deutlich billiger als Micropur)
Gewürze habe ich stets dabei, die machen alles geniessbar.

Dann werden noch ein paar Resten aus dem Hotel mitgenommen: Käse, Knäckebrot, Poulet, die Früchte muss ich noch aufessen.

So, auf geht s.

Mt. Whitney, Fotos

Fotos, Sierra

Samstag, 10. Juni 2017

Sierra Nevada: Mt. Whitney- Independence TM 788/9.6.17

Die ersten Tage in der Sierra
Die Landschaft beginnt sich ab Kennedy Meadows langsam zu verändern. Das Grün sticht ins Auge und Wasser ist in Hülle und Fülle vorhanden. Endlich in der als nicht begehbar angekündigten Sierra! Es wirkt alles halb so wild, sogar Empfang hatte es an zwei Stellen.  Auf einem Baumstamm sitzend habe ich das erste Mal mit der Schweiz, bzw. mit Lisa und Milo telefoniert. Vor lauter Aufregung habe ich keinen Satz fertig gesprochen. Das war ein Bild: es sind in dieser Zeit bestimmt 10 Leute an mir vorbei gewandert. Kaum sahen sie mich am Telefon, haben sie sich zu mir auf die “Telefonlounge“ gesetzt.

Es waren milde erste Tage in der Sierra. Die ersten Schneefelder begeisterten uns, endlich im Schnee. Es sollte anspruchsvoller und wir demütiger werden. In der hohen Sierra überwiegt der Schnee die trockenen Weggeschnitte. Das erschwert die Orientierung erheblich. Nachdem ich ein paar Mal vertrauenselig ein paar Spuren gefolgt bin, die ins Nirgendwo führten, wird jetzt fleissig navigiert. Der vermeintliche Unfall, den ich letztes Mal erwähnt hatte, war keiner. Der hatte sich verlaufen und wie am Spiess geschrien, damit man auf ihn aufmerksam wurde. Was ihm gelungen ist.

Neu im Wanderprogramm sind die Bachüberquerungen. Auch da hat es netterweise spielerisch angefangen. Jeder noch so wild schäumende Bergbach hatte ein paar umgefallene Bäume als Brücke parat. Das ist vorbei, jetzt wird gefurtet. “ It s a hard travelling“

Verändert hat sich auch die Anzahl Hiker, wir sind weniger geworden. Beim Anblick des ersten Schnees, von dem die vorangegangenen 1000 Kilometer immer wieder die Rede gewesen war, drehten nicht wenige um und gaben Forfait. Es ist schwer zu belegen, weil es keine offiziellen Zahlen gibt, aber der Eindruck verdichtet sich, dass dieses Jahr deutlich weniger losgezogen sind (4000 Permits wurden vergeben) und deutlich mehr abgebrochen haben wegen der besonderen Schneelage in den Bergen.

Der Begeisterung über mein zweites Wandergschpännli ist Ernüchterung gewichen. Nachdem sich ihr Handy nachts entladen hatte, startete Madame letzthin fuchsteufelswild in den Tag. Meine Lösungsansätze waren auch nicht eben hilfreich, frei nach dem Motto: das Gegenteil von gutes Tun ist, es gut meinen. Auf jeden Fall habe ich meinen Teil abgekriegt. Ich bin dann mal losgezogen, um abzukühlen und habe beschlossen, sie darauf anzusprechen. In den zwei Stunden, die ich auf sie wartete, habe ich so ziemlich alles geputzt und gewaschen, was mir in die Hände fiel. Sogar ein Vollbad im Bergbach genommen. Mit einem wachsamen Auge auf herannahende Hiker. Vergeblich, ein Ami tauchte unversehens auf, verfiel in einen Schreikrampf, der von einem Fluchtteflex abgelöst wurde.

Madame geht langsam, sehr langsam. Beeindruckend, wie sie im Schneckentempo unbeeirrt vor sich hin geht. Das war für die ersten Tage Akklimatisation nicht weiter tragisch, aber danach wurde es für mich zur Geduldsprobe, ich warte ungern, habe mich notgedrungen fleissig darin geübt.
Wir vermochten unsere Differenzen nicht zu klären. Ich teilte ihr schließlich mit, dass die Vertrauensbasis für das gemeinsame Vorhaben nicht gegeben ist (was sie genau so sieht) und ich deshalb die Zweckgemeinschaft so bald wie möglich beenden möchte. Konkret heisst das, sobald sie jemand anders gefunden hat, um die als schwierig bekannten Stellen zu begehen.

8.6.17
Am 2:00 morgens sind wir zu Dritt los Richtung Mt. Whitney. Es war eine helle Mondnacht und faszinierend, in dieser Stimmung zu wandern. Madame hatte von Beginn weg Mühe mit der Höhe und rang darum, abzubrechen. Ein steiles Schneefeld brachte schliesslich die Entscheidung, sie kehrte um. Vielleicht steht mir ein ähnlicher Prozess weiter nördlich bevor. Es ist schwierig, umzukehren. Roland und ich schafften es bis nach oben. Ein Panorama auf die Sierra tat sich auf und im Westen der Wüstenboden mit Lone Pine.

Am späteren Nachmittag wollte ich noch los, näher an den höchsten Pass heran, den Forester. Madame, von der ich eigentlich annehmen würde, dass sie mich zum Teufel wünscht, kam mit. Es wurde ein langsames Vorwärtskommen. Es war enorm schwierig, den Weg zu finden. Die Schneeoberfläche ist unregelmässig und erschwert damit das Gehen und die Spurensuche. Schliesslich landeten wir nach wenigen Meilen erschöpft an einem wildgewordenen Bergbach. Wir übernachteten an dessen Ufer, hofften auf den Rückgang des Wassers, um den Bach am morgen zu durchqueren.

9.6.17
Zwei Paare hatten diesselbe Idee und übernachteten ebenfalls am Ufer. Der Plan ging auf. Die nächsten Meilen hatten wir weitere Bäche zu queren. Die Situation wechselt schnell. Bei dem einen Bach wussten wir, dass eine Schneebrücke vorhanden sein soll. Die haben wir gefunden, nur war ein Stück weggeschmolzen. Man muss sich Zeit nehmen, eine geeignete Stelle zu suchen und es war gut, dass wir zu sechst waren.

Das Laufen auf dem Schnee verlangsamt enorm. Die Sierra ist dafür bekannt, dass die Schneeoberfläche zu “suncups“ schmilzt. Das sind rundliche Schmelzlöcher, die 20-30 cm tief sind. Das ist der Grund, weshalb Schneeschuhe als wenig wirksam betrachtet werden. Ich habe Mikrospikes dabei, die haben 12 dreieckige, 1 cm lange Zacken und haben sich bewährt. Im aufgeweichten Schnee sind sie allerdings nutzlos, da hilft nur eiserner Wille.
Wir gelangtenn erst um Mittag an den Fuss des Foresters, den man frühmorgens überqueren sollte. Es war so unwirtlich, windig und kalt, dass wir uns alle einig waren, einen Versuch zu wagen und notfalls abzubrechen. Hipbelt führte uns souverän über den Pass, der anstrengend und bei dieser kompakten Schneemasse sicher zu begehen war.

Ich habe die letzten Tage einiges über die Handhabung des Eispickels gelernt. Der kommt auch beim sogenannten “glissading“ zum Einsatz. Man zieht die Regentrainerhose über, setzt sich auf den Hintern und saust zu Tale. Mit Eispickel steuert oder bremst man. Ich war erst etwas ängstlich, dann habe ich es doch gewagt. Eine äusserst vergnügliche Angelegenheit. Ich werde noch zur Wintersportlerin.

10.6.17
Was waren wir alle froh, den Forester mit seinem “gförchigen“ Ruf hinter uns zu haben. Madame, das muss man ihr lassen, hat alles mitgemacht, furchtlos durch Bäche gewatet, über Schneefelder gelaufen und. Schneehänge hinunter gesaust. Wir haben das gemeinsame Vorhaben schliesslich doch durchgezogen, trotzdem unser Verhältnis sich zum höflich- distanzierten entwickelt hatte. Es hat geholfen, dass wir  nicht alleine unterwegs gewesen sind. Das gab uns beiden genügend Sicherheit, um weiter zu gehen. Sonst hätten wir vielleicht aus Vernunftgründen am Fusse des Foresters eine kalte, windumtoste Nacht verbracht, das hätte unserem fragilen Gleichgewicht wohl den Rest gegeben.
Heute sind wir Richtung Kearsage Pass gestartet, um in die Zivilisation zu gelangen. Ich wartete auf meine Wanderkollegin, um ihr die Stelle zum queren eines Baches zu zeigen. Ich teilte ihr mit, dass ich vorgehen und nur bei Notwendigkeit (gefährliche Stellen) auf sie warten werde und verabschiedete mich. Nach ein paar Höhenmetern tönte es von unten: “ Du brauchst nicht zu warten“.
Ich war wieder Solo Hikerin.

Montag, 5. Juni 2017

Eindrücke, Fotos

Unterwegs Richtung Sierra Nevada, Fotos

KENNEDY MEADOWS DAY 39, TM 702, 1120 KM- TM 733,8

Ich weiss, ich verliere jede Glaubwürdigkeit, wenn ich mich jetzt schon wieder melde. Kaum abgemeldet, schon wieder zurück im www. Überraschenderweise habe ich Empfang in dieser abgelegenen Gegend, also nutze ich die Gelegenheit.

Ich bin vorgestern gestern Samstag mit Martin losgelaufen Richtung Berge. Der Dritte im Bunde war den ganzen Tag unauffindbar, hat wohl seine Pläne geändert.
Martin und ich könnten unterschiedlicher nicht sein. Er ist ein Flachländer aus Norddeutschland und baumlang. Er ist deutlich schneller ebenaus und bei Steigungen wendet er die Morello Technik an, allerdings ohne deren Weinkrämpfe.
Unterwegs erzählt er mir, dass er eine Tendenz habe, sich zu viele Sorgen zu machen. Für den PCT habe er sich vorgenommen, diesem Übel abzuschwören. Er lebe spontan vor sich hin und lasse die Dinge auf sich zukommen. Einige Folgen dieser Haltung erscheinen mir etwas gar sorglos. Er habe eben seine Wanderschuhe nach Hause geschickt, nachdem er sie den ganzen Weg durch die Wüste getragen und geschwollene Füsse davon bekommen habe. Er will die Sierra in Turnschuhen begehen. An weitere Ausrüstungsgegenstände hätte er zu spät gedacht, deshalb will er morgen raus nach Lone Pine um dies nachzuholen. Mutig oder leichtsinnig? Ob das wohl gut kommt mit uns beiden?

Was mich für ihn einnimmt, ist seine Radikalität. Er ist 57, hat für diese Wanderung alles aufgegeben; Wohnung, Auto und Job. Er erhoffe sich neue Impulse, möchte sein Leben anders, erfüllter weiterführen als bisher. Allerliebst fand ich ausserdem, dass er mir gestern an meinem Herdfeuerchen erzählte, dass er manchmal von seiner Rückkehr tagträume. Es spucke ihm ein Lied im Kopf herum: da fahre ein Mann nach langer Gefangenschaft mit dem Bus zu seiner Liebsten. Vorgängig hatte er sie gebeten, falls er nach all' den Jahren bei ihr immer noch willkommen sei, soll sie doch bitte ein gelbes Band um die Eiche binden. Als der Bus sich dem Haus näherte, wagte er nicht, hinzusehen und bat den Buschauffeur dies für ihn zu tun. Auf einmal brach der ganze Bus in Jubel aus; an jedem Baum hing ein gelbes Band. Martin' s Stimme brach, er räusperte sich.

4.6.17/ ab  TM 709
Der Rucksack wiegt schwer. Ich habe einiges an zusätzlicher Ausrüstung dabei und essen für etwa 10 Tage. Langsam gewinnen wir an Höhe. Ein grünes Tal öffnet sich und erst da merke ich, wie sehr mir dieser Anblick gefehlt hat. Wir erreichen 3200 m, danach geht es durch einige Altschneefelder, die keine Probleme bieten, ausser, dass der Weg schwer zu finden ist. GPS sei Dank gibt es auch da ein Mittel dagegen.
Unterwegs treffen wir auf Madame, eine Welschschweizerin in den Fünfziger, die einfach mal los gegangen ist und für die höheren Regionen Anschluss sucht. Sie hat dasselbe vor wie ich und wir waren uns schnell einig, dass sie sich uns anschliessen soll.

5.6.17/ Campsite TM 730
Es kam nicht gut, mit uns beiden, Martin und mir. Am Vorabend wollten wit besprechen, wie wir die gemeinsame Unternehmung gestalten wollen. Madame war spät angekommen und hatte von einem Unfall auf den Schneefeldern berichtet. Einzelheiten konnte sie nicht mitteilen, es seien genug Leute da gewesen, die den um Hilfe rufenden gesucht hätten. Für sie sei klar: auf den kommenden Schneefeldern wandert man zusammen, in Sichtkontakt. Ganz meine Meinung. Weiter kamen wir nicht, die Moskitos zwangen uns ins Zelt.

Am nächsten Morgen zeigte sich Martin verschlossen, setzte sich nicht zu uns zum Kaffee. An der Lagebesprechung, wo es um mögliche Treffpunkte nach seinem Ausflug nach Long Pine ging, zeigte er sich demonstrativ desinteressiert und marschierte los. Die Botschaft war unausgesprochen, aber klar.

Nun bin ich also mit Madame unterwegs, die deutlich selbstbewusster ist und weiss was sie will: eine Zweckgemeinschaft.

Ich habe mittlerweilen über diesen Abgang ein paar Meilen nachgedacht. Martin hat unausgesprochene emotionale Bedürfnisse, ich habe uns als Zweckgemeinschaft verstanden. Die Erkenntnisse sind, wie so oft, banal. Ich hätte es besser wissen müssen und zwingend vor dem Aufbruch einige grundsätzliche Sachen mit ihm besprechen müssen.

Wir sind noch nicht im grossen Schnee angelangt, sind auf 3000 Meter Höhe. Wahrscheinlich ist, dass ich nach Independence raus muss. Also noch nichts Neues auf dem Trail.

Ein Bild für die Götter: mitten im Niemandsland sitzen drei Leute und bearbeiten ihre Handy's. Und Hund Bell will spielen und wird laufend abgewiesen.

Freitag, 2. Juni 2017

Walker Pass- Kennedy Meadows TM 702, 1.6.17

Da hat er sich aber mächtig getäuscht, der Patrick, seines Zeichens zur Kategorie Sportler gehörend. Er hätte sich die Strecke Walker- Kennedy Meadows angeschaut, die verlaufe grösstenteils flach, weshalb er die 50 Meilen an einem Tag zu laufen gedenke. Tatsächlich sind es Bergetappen mit drei mächtigen Steigungen, bevor es die letzten Meilen abwärts bzw. flach verläuft.

Ich wage gar nicht an Morello zu denken, die das mitgehört hat und wohl wieder ihre Weinkrämpfe haben wird. Sie und Teddybär sind nach Lake Isabella gefahren, sie will ihren Geburtstag in der Stadt feiern. Vor ein paar Tagen hatte sie mich beim Lichterlöschen mit der Frage überrascht, ob ich ein Zweierzelt hätte, was ich entsetzt verneinte. Morello spart sich seither die Arbeit, ihr Zelt aufzustellen und schläft in Teddybär' s Zelt. Da lagen sie dann, wie in einer Konservenbüchse, “Köpfli a Köpfli“, mit entschieden unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie sie ihre Beziehung gestalten wollen. Arbeit gespart und sich Anderes eingehandelt.

Auf dem Walkerpass treffe ich beim Campingplatz auf eine Gruppe, die Dalton zu den Partygängern zählen würde. Strange Bird und Detour (wg. freiwilliger u. unfreiwilliger Umwegen) haben Bier und biologisch-organisches Marihuana aus der Stadt mitgebracht. Joints sieht man selten, das Kraut wird meist in kunstvollen Pfeifen geraucht. Namensgebend für Strange Bird sind die  Stofffetzen die er an seine Hemdärmel genäht hat. Er müsse jeweils- sehr zum Erstaunen seiner Umgebung- sein Hemd ausziehen, wenn er mal müsse. Strange Bird ist sehr ausführlich, wir einigen uns darauf, dass man sich seine Flügel weder stutzen noch beschmutzen sollte.
Er geht über zu einem weitaus interessanteren Thema; er sei überzeugt, dass der Trail ihm das gebe, was er brauche. “The trail provides“ Ich teile seine Meinung, obwohl diese schwierig in Worte zu fassen ist. Ich meine, dass man unterwegs durchlässiger wird und sich Zufälle ergeben, die vermutlich keine sind.

Strange Bird und Detour haben ihren eigenen Rhythmus, sie laufen oft nachts, um weniger Wasser tragen zu müssen. Ich treffe sie am folgenden Tag (MI), sie haben Feuer gemacht und Detour offeriert einer seiner tollen Filterkaffees, die man in die Tasse hängen kann. Die Kafffeerunde löst sich auf, als es zu regnen beginnt. Strange Bird steckt seine Kleider, die einzigen, die er dabei hat, in den Rucksack und läuft nur in Unterhosen bekleidet, los. Mal ein Trailname, der passt.

Hoch geht's, über den Berg. Wüstenpflanzen und Kiefernwald lösen sich ab. Viele davon sind krank, “pine beetle“, ich vermute damit ist der Borkenkäfer gemeint.

Kurz vor KM wird die Landschaft flach, weiter Himmel, Felsformationen, vertrocknete Baumskulpturen und endlich wieder mal ein Fluss, der den Namen verdient.  Das Stadtfieber hat mich erfasst, ich will heute in diesen kleinen, aber bedeutungsvollen Ort einlaufen. KM ist selten auf Karten vermerkt, liegt etwa auf der Höhe von Indian Wells, wo unser aller Rodscher jeweils spielt. Wanderer, die am Aufbrechen sind, kommen mir entgegen, gratulieren. Mega Man, der für 30 Meilen trainierte, dies aber fallen ließ, weil er viel zu gesellig ist, um sich nur auf seinen Plan zu konzentrieren. Sein Kollege Jimmy ist auch da, kaum wieder zuerkennen frisch geduscht und mit sauberen Kleidern. Detour macht eine Riesenshow mitten auf der Strasse und drückt mir ein Bier in die Hand. Ich war aufgewühlt und gerührt, als ich die Veranda des General Store erreichte.

PS Der General Store u Grumpy Bear haben Wifi, wenn auch eine schlechte Verbindung. Bin nicht sicher, ob ich Fotos durchkriege. Sendepause also hinaus gezögert werde frühstens morgen Abend aufbrechen.

Samstag, 27. Mai 2017

Tehachipi Pass- Walkerpass TM 662, 30.5.17

Die Windfarmen verschwinden langsam aus dem Blickfeld, das Tuten der Güterzüge und der Verkehrslärm der Interstate begleiten mich noch eine Weile.
Dalton, Trailangel aus Tehachipi, hat uns zum PCT zurückgefahren. Er weist darauf hin, dass Cheryl Strayed (“Wild“) ihre PCT- Wanderung hier begonnen hat. Sie habe von den Drogen los kommen wollen, was auf den ersten 500 Meilen schwierig sei. Es seien viele “Partygänger“ unterwegs, die sich von Party zu Party, sprich von Ort zu Ort schleppen würden. Auf diesem Teil des PCT's seien Drogen leicht zugänglich. Die “Partygänger“ würden von nun an weniger, da die Distanzen zur nächsten Ortschaft länger und der Weg beschwerlicher würde. Dalton definiert zwei weitere Kategorien Hiker: die Sportler, welche einem genauen Plan folgen und den Trail als sportliche Herausforderung sehen. Als dritte Gruppe nennt er die gewöhnlichen Wanderer, die ihm am liebsten sind, weil sie entspannter unterwegs seien.

Nach wenigen Meilen treffe ich auf Scott und Zahar. Scott hat eben seine PCT Wanderung angefangen und schleppt wie Cheryl, ein Monster von einem Rucksack, um die 35 Kilo bergwärts. Scott, in tadellosem Wüsten-Safari-Look eingekleidet, ist ein kräftiger Kerl, es ist ihm gleichwohl schon klar geworden, dass es so nicht geht. Zahar hat seinen Rucksack ausgepackt, um ihm zu zeigen, was er dabei hat. Das letzte, was ich von Scott gehört habe, ist, dass er einen Freund angerufen hat. Ob dieser das überflüssige Gepäck abholt oder ob er aufgegeben hat, ist mir nicht bekannt.

Ich habe nun den letzten Abschnitt Richtung Kennedy Meadows unter die Füsse genommen. Das ist irgendwie aufregend, die Sierra, mit all' den offenen Fragen, liegt nur noch wenige Tage entfernt. Noch ist davon nichts zu spüren; die Wüste zeigt nochmals ihre ganze Palette: mal ist der Bepflanzung ganz spärlich: Blumen und Blümchen, die sich irgendwie erhalten und alles geben, was an Farbe und Blütenblätter in ihnen steckt. Dann wiederum dichter Chaparrall und Joshua Bäume. Die sollen ihren Namen von den Mormonen erhalten haben, weil sie ihnen den Weg nach Westen gewiesen haben sollen. Die Bäume, die ich gesehen habe, zeigen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Scheinen eher dafür zu stehen, dass alle Wege nach Rom führen, früher oder später.

Zwischendurch verläuft der Weg durch lose Kiefernwälder,  es riecht wunderbar nach sonnenbeschienen Tannennadeln.
Der Abschluss der Wüstenetappe ist sogleich die trockenste Strecke des PCT. Es drohen 42 Meilen (67km) ohne Wasserquelle direkt am Weg. Umwege machen, vermeidet man, wann immer möglich. Ich tanke etwas mehr Wasser als üblich und hoffe auf die Wasserdepots, welche Freiwillige unterhalten. Ich habe Glück, die Strategie, von der abgeraten wird, geht auf. Es wird schliesslich halb so wild: beide Wasserdepots sind aufgefüllt, eine grosse Erleichterung für uns und für mich. Die letzten Meilen vor dem erhofften Depot wurde mir etwas mulmig. Ich hätte mich in eine schwierige Situation gebracht. Damit hat sich die längste wasserlose Strecke auf 16 Meilen (25 km) reduziert, das hatten wir schon mehrfach. Es war allerdings eine anstrengende, heisse Strecke, z. T. auf weichem, sandigen Boden, der mir zusetzte, bei Temperaturen um die 35°. Am zweiten Wasserdepot wurde ich sogar mit eisgekühltem Bier empfangen. Jim, 74, hat seine Tochter auf den PCT zurückgefahren und bei dieser Gelegenheit seine riesige Kühlbox auf seinen Pick Up Truck geladen, und mit Mineral, Bier und Eis gefüllt.

Morello war auch da. Sie und Teddybär laufen meist vor mir. Sie hat früher Marathon- und 100km- Läufe absolviert und ist stark auf ebenen und abfallenden Strecken. Für Steigungen hat sie noch kein Mittel gefunden, da spielen sich weiterhin Dramen ab. Morello, wohl aus einer Mischung aus sportlichem Ehrgeiz, Temperament und Unbeirrbarkeit geht Vollgas in die Steigungen und bricht regelmässig ein. Teddybär ist in der Zwischenzeit krisenerprobt.

KENNEDY MEADOWS
Soweit ich weiss, ist dort kein Empfang (je nach Variante, die ich wählen werde, könnte es zu einem 2-3 wöchigen Unterbruch des Blog kommen) deshalb ein paar  Vorabgedanken. Über' s Buschtelefon laufen alle möglichen Informationen : unmöglich, die Sierra vor Mitte Juli zu durchqueren, besser jetzt gleich los gehen, wo die volle Schneeschmelze noch nicht eingesetzt hat. Es seien schon Hiker durchgekommen und das Gegenteil wird auch portiert. Ich gehe davon aus, dass man Forester - und Kearsage Pass überqueren kann. Die Quelle hat sich verlässlich angehört. Das heisst, dass man dann einen Eindruck davon bekommt, wie es dort oben ausschaut  und wie anstrengend das Vorwärtskommen sein wird. Ich neige derzeit zu dieser Variante. In KM werde sich Gruppen bilden, man wird gemeinsam aufbrechen.
Ich habe mir einige Ausrüstungsgegenstände (Eispickel, Leichtsteigeisen) voraus geschickt, dazu ist in der Sierra Bärenkanisterpflicht, der in KM noch dazu kommt....ich hoffe auf eine tragende Schneedecke, der Rucksack wird schwer werden.

Tehachapi TM 566, 27.5.17

Noch kurz ein paar Infos, bevor ich Tehachapi verlasse. Der PCT soll nun anspruchsvoller werden, lange, wasserlose Strecken, weg von der Zivilisation. Der Empfang wird seltener und folglich auch der Blog.

Hat es mit der Routenführung der letzten Tage zu tun, dass langsam die Vorfreude auf die Sierra auftaucht? Der PCT wurde grösstenteils aus bestehenden Wanderwegen zusammengefügt. Einzelne verbindende Streckenabschnitte wurden neu erstellt. Das wird  um die  Mojavewüste besonders sichtbar. Dort waren die Verhandlungen mit privaten Landbesitzern besonders langwierig und manchmal erfolglos. Der PCT verläuft aus diesem Grunde schlangenförmig und oft in westlicher Richtung. Neue Verhandlungen seien am laufen, der PCT ist eine Baustelle.

Ich war gestern mit Morello und Teddybär essen und lerne die beiden besser kennen. Morello ist sehr unterhaltsam, spricht die ganze Zeit, um “sich und andere zu unterhalten“, wie sie sagt. Teddybär ist zurückhaltend und aufmerksam, ein sympathischer Kerl. Die beiden sind mein fester Wert, von den anderen habe ich nichts mehr gehört. Vielleicht gibt s ein Klassentreffen in Kennedy Meadows in einer Woche? Der erste grosse Meilenstein auf dem Weg nach Norden. Ob die Sierra passierbar ist, bleibt unklar. Es kursieren viele Gerüchte. Es lässt sich erst vor Ort beurteilen, wie es weitergeht, ich halte Euch auf dem Laufenden.

Freitag, 26. Mai 2017

Trail Magic, Tehachapi Pass Fotos

Tehachapi: Trailmagic der besonderen Art

Die meisten Hiker stellten sich schon bei TM 558 an die Strasse, um per Anhalter nach Tehachapi zu fahren. Ich hatte andere Pläne: ich wollte noch weitere 8 Meilen zur Interstate laufen, um dort meine ganz persönliche Trailmagic auszugraben.
Rita Blättler und Rene Witschi haben im Frühjahr den PCT mit ihrem Wohnmobil bei Trailmeile 566,1 gekreuzt. In einer spontanen Aktion haben sie die Ausfahrt angepeilt, um mir einen Gruss zu hinterlassen. Was die Beiden unternehmen, wird akribisch erfasst und dokumentiert. Rita hat mir sowohl Fotos wie eine Google Earth Übersicht von dem Ort der Aktion zugestellt. Unverfehlbar.
Das war eine Freude, mit dem vielseitig verwendbaren und schon mal zitierten Ultraleichtschäufelchen zu graben. Gute Arbeit, Rene, sogar mit Steinen beschwert, ich kam beinahe ins Zweifeln. Ein Flachmann mit persönlichem Gruss kam schliesslich zum Vorschein. Ich vermute mal mit Southern Comfort gefüllt. Ich habe sofort auf Euch angestossen und hoffte, dass das Selfie (keine Hiker da) dadurch etwas lockerer ausfallen würde. Na ja.
Auf Euch beide, Rita und Rene!
Und auf Janis Joplin, die Southern Comfort (zu sehr) liebte.
“ Freedom s just another word of nothing left to loose..“
Mir scheint, da muss ich noch einen dritten Schluck nehmen.

Dienstag, 23. Mai 2017

Lakes Hughes-Hiker Town-Mojavewüste TM 534, 24.5.17

Ich hatte schon einiges über Hiker Town gehört: dass der frühere Besitzer den Hikern sehr zugeneigt gewesen sei, ein wahrer Trailangel (=alles gratis), dass sich nach dem Besitzerwechsel einiges verändert hätte und heute einer Abzockerei gleichkomme. Hiker Town ist eine charmant verkommene, urige Liegenschaft am Rande der Mojave Wüste und liegt am PCT. Sie soll heute einem Filmregisseur gehören, was den Eindruck von Filmkulisse erklären mag, den man beim Betreten des Grundstückes erhält. Überall stehen kleine, angeschriebene Häuschen, wo man übernachten kann: das Schulhaus, Gemeindehaus, Arzthaus etc. Das Ganze wird von Bob verwaltet, dem es fast peinlich ist, Geld für die Übernachtung in einem der Häuschen zu verlangen (10$). Ich habe das Doctor s House bezogen, ein Ein-Personen- Häuschen, um wiedermal nachschlafen zu können.

Die letzten 80 Kilometern herrscht Trailangel- Dichte: Agua Dulce, Green Valley, Hiker Town (Neenach), es ist ein Flohnerleben. Es wird sich weiter nördlich ändern, bis dahin nutze ich das Angebot, wenn es den am Wege liegt.

Und wenn ich Euch auch noch erzähle, dass ich vor kurzem entdeckt habe, dass ich letztes Jahr ein App heruntergeladen habe, das sich als GPS entpuppt hat...dann ist der Abenteuerstatus definitiv dahin. Der Weg ist ausserordentlich gut markiert. Ich wollte das Kartenmaterial ursprünglich in Papier, finde es aber nicht mehr notwendig. Auf dem GPS sind zudem noch die Wasserquellen eingezeichnet...das erleichtert doch einiges im Vergleich zu früheren Zeiten.

Vorgestern ging ich nach Lakes Hughes, um im dortigen historischen Rock Inn die Mittagshitze abzuessen. Ich war nicht die einzige; ein ganzer Stammtisch voll befand sich bereits schon dort.

Morello hat einen Hang zum Melodram, sie muss italienische Wurzeln haben. Ich hatte eben meine Wasserflaschen abgefüllt, mir lange genug zugeredet, die Strasse zurück zum PCT zu laufen...als sich die Türe öffnete und Morello, Teddybär im Gefolge, herein gestürzt kam. Sie konnte mir nicht erzählen, was los war und deutete auf ihren ausgetrockneten Mund. Teddybär erfasste die Situation sofort und zauberte eine Cola herbei. Daraufhin fand Morello ihre Sprache wieder. Und wie. Sie erzählte mir ein halbes Dutzend Mal, dass sie in der Mittagshitze den Berg hochgestiegen und sie an ihre Grenze gelangt sei(en). Die Hitze mache sie fertig, noch am Morgen seien sie 10 Meilen geflogen, und dann dies. Teddybär und sie hätten sich in der schattenlosen Gegend unter ihre Sonnenschirme geduckt und zwei Stunden ihre Situation erörtert, dann seien sie umgekehrt. Ich war des Lobes voll über die Reife ihrer Entscheidung, obwohl nie ganz klar ist, wer was wann entscheidet bei dem Duo.

Ich treffe nun beinahe täglich auf Morello.  Meist an Orten, die sie vorhatte, auszulassen. Teddybär' s Zelt schmiegt sich in der Zwischenzeit eng an Morellos an und die Krisentelefonate mit ihrem Partner zu Hause nehmen an Häufigkeit und Länge zu. Ich hätte mir gut vorstellen können, dass Teddybär Gefallen an der Situation gefunden hat. Aber da “wir“ beschlossen haben umzukehren, ist das natürlich pure Spekulation.
Fortsetzung folgt.

Und während ich das schreibe, sitze ich im Schatten eines grossen Wohnmobils bzw. Aufliegers. Joey und Tom habe beschlossen, heute die durch die Mojavewüste laufenden Hiker zu verwöhnen. Vom Fussbad über Tacos und gekühlte Getränke: alles da.
Es war ein zäher Morgen für mich. Der Weg verlief grösstenteils auf dem Los Angeles Aquädukt, welcher 1913 erbaut worden ist und Wasser vom Owen Valley nach Los Angeles führt. Das Wasser wird ohne Pumpen, nur durch das Gefälle fortbewegt, deshalb die seltsame Linienführung. Ich habe mich schwer getan auf dem harten Untergrund und einfach Meilen “gemacht“ und zwar ab morgens um Vier, wegen der Hitze. Habe mich versucht, auf die Weite, den Himmel und die Wüstenpflanzen zu konzentrieren, es blieb eine freudlose Angelegenheit. Die unerwartete und grosszügige Trailmagic hat die inneren Kämpfe sofort ein Ende gesetzt und seither bin ich wieder des Wanderns froh.

Montag, 22. Mai 2017

Lake Hughes, 22.5.17/ Jahresgedächtnis

Ich denke oft an meine Mutter. Ich meinte, ihre Anwesenheit förmlich zu spüren, als ich mich bei Saufley's an die Nähmaschine zu setzen wagte, um meine Hose zu flicken. Wenn Mutter noch leben würde, sie hätte diesen seltenen Anblick ausgekostet. Sie hätte wohl über ihre in jungen Jahren erworbenen Nähkentnisse referiert und einen Bogen zu den mangelhaften handarbeiterischen Fähigkeiten meiner Generation im allgemeinen und meiner im besonderen geschlagen und sich damit bestens unterhalten.
Unsere Beziehung war über die Jahre zu einer unbelasteten und heiteren gewachsen. Ihre zunehmende Abhängigkeit von fremder Hilfe, hat diese Leichtigkeit und Klarheit nicht beeinträchtigt
, eher zu stärken vermocht.
Morgen jährt sich ihr Todestag. Erinnerungen an ihre letzten Wochen tauchen auf. Die emotionale Achterbahn der letzten Tage und Nächte in ihrem Leben. Die Intensität des bewussten Abschiedes. Manche Dinge hätte ich mir anders gewünscht und haben einen dunklen Nachklang. Ich erinnere mich an meine erste Zenlehrerin, Pia Gyger Roshi. Die sagte ihren hadernden Schülerinnen jeweils: “Bedenke, Gott ist grösser als dein Herz“.

Wir hatten davon gesprochen, meine Mutter und ich, dass ich mir vor dem offiziellen Pensionierung eine Auszeit nehmen werde. Sie wusste auch, dass ich auf sie Rücksicht nehmen würde.
Und jetzt gedenke ich ihrer auf dem PCT und verneige mich vor den Fügungen.

Samstag, 20. Mai 2017

Agua Dulce, ein Frei-Tag, TM 454, 20.5.17

Es verwundert mich immer noch und immer wieder, dass ich mich an Orten wieder finde, über die ich vorher gelesen habe. Ich sitze im Hiker Heaven. Die Saufley 's, ehemalige Thru- Hiker, stellen ihr Haus und Umschwung seit 20 Jahren den PCT Hikern zur Verfügung. Sie beherbergen max 50 Personen täglich, heute sind wir etwa 35. Das geht generalstabsmässig vor sich. Ein Freiwilliger empfängt einem, weist einem ein: da sind die Wäschesäcke, da die Aufladestationen, dort die Duschliste, hier die Poststation und dort kannst du dein Zelt aufstellen. Agua Dulce hat keine Post, sie übernehmen das. Man kann für den ganzen Service etwas hinterlassen, muss aber nicht. Wirklich beeindruckend.
Habe einige bekannte Gesichter wiedergesehen, eine “gfreute“ Sache.

Der kurze Weg von Acton nach Agua Dulce ist spektakulär. Der erste Teil war geprägt von goldenem Flughafer und Yucca Pflanzen. Ich habe mitten all' dieser Pracht gezeltet, jetzt wieder ohne Aussenhülle mit freier Sicht auf den Nachthimmel. Der zweite Teil der Strecke verlief durch die rötlichen Vasquez Rocks, benannt nach einem Gauner, der sich im vorletzten Jahrhundert dort versteckt haben soll. Erfolglos übrigens. Irgendwann ereilte ihn das Schicksal von Tom Dooley. Die Vasquez Rocks sind durch Form und Farbe anders und Ausdruck einmal mehr von den Verschiebungen um das San Andreas Spaltensystem herum. Die Gegend wird oft als Kulisse für Filme benutzt.

Die Sierra rückt näher und damit die Frage, wie mit dem Jahrhundertschnee dort oben umzugehen ist. (TM 706) Tatsächlich ist es ein Rekordschneejahr; die höchste Schneemenge seit 1982. Warten, bis der Schnee schmilzt, weiter wandern oder, was einige Amerikaner in Erwägung ziehen, nach Ashland reisen und die Sierras von Norden nach Süden zu durchwandern. Mittlerweilen neige ich dazu, gleich weiterzuziehen. Auf Schnee wandern ist zwar mühsam, aber die Schneeschmelze macht die Flüsse vermutlich unpassierbar.

Aber vorerst wartet noch die Wüste, wie es sich anhört, der heisseste Teil der Strecke. Wir streifen die Mojave Wüste. Überhaupt haben die letzten Tage einen gewaltigen Temperatursprung gebracht. Das ist Teil der ersten 1000 km, dieser stete Wechsel von höheren zu niedrigeren Lagen und deren Begleiterscheinungen. Künftig werde ich über die Hitze klönen.

Es schöns Wochenändi, ziehe morgen wieder weiter nach zwei ruhigeren Tagen.

Freitag, 19. Mai 2017

Fotos San Gabriel- Mt.Baden- Richtung Wüstenboden

Mount Baden Powell- Los Angeles NF, Acton TM 444

Ich bin wieder einige Klimazonen 'rauf und 'runter gewandert und einige Millimeter auf der Landkarte vorgerückt.
Ich habe das trostlos verlassene und tropfende Besucherzentrum bei Wrightwood verlassen und mich wieder auf den Weg gemacht. Das Wetter besserte sich stündlich, die Nebelschwaden lichteten sich, die Abendsonne drang durch, ich brauchte nicht mit mir zu hadern wegen des gesparten Hotelzimmers. Auf eine kalte Nacht folgte ein klarer, sonniger Tag. Gute Bedingungen, um auf den zu Ehren des Begründers der Pfadfinderbewegung benannten Berges, Mt. Baden- Powell zu steigen. Die Aussicht oben war ebenso lohnenswert wie die windgeformten Limber Kiefern, die ältesten sollen bis zu 2000 Jahre alt sein. Der Abstieg erfolgte über einen langgezogenen Bergrücken oberhalb der unteren Baumgrenze. Für einmal wurde der PCT seinem Namen gerecht.
Nach den Bergetappen wurde der Weg wieder flach. Unabgesprochen bildete sich eine Gruppe von sieben Hikern und ab ging s wie die Feuerwehr. Wir brausten im Höllentempo durch das flache Teil, eine zumindest imaginäre Staubwolke hinter uns her ziehend. Es machte richtig Spass. Der Körper ist eingelaufen, das Fett schmilzt dahin und die Laufmuskeln ausgebildet. Die erste Wasserquelle habe ich zum Anlass genommen, auszusteigen.

Es ist windstill. Der Wind hatte die letzten Tage am Zelt gerüttelt, mich beinahe vom Trail gepustet und vor allen Dingen meinen Kocher in Frage gestellt. Ich habe einige warme Mahlzeiten ausgelassen, weil es in dieser trockenen Gegend bei Starkwinden zu riskant gewesen wäre, damit zu kochen. Das Fonduerechaud, für solche Fälle gedacht, hat den Test nicht bestanden. Ich wusste, dass es langsam war, aber doch nicht ewig. An einem dieser kaffeelosen Morgen hatte ich schweren Herzens beschlossen, mein Holzkocherli zu ersetzen. Gourmet- Heiko hatte mir seinen MSR Kocher mit Name Pocket Rocket vorgeführt, das hat den Entscheid erleichtert.

Es ist windstill. Vorbei die ketzerischen Gedanken über mein Holzkocherli. Ich widerrufe hiermit meine gestrige Entscheidung. Es ist einfach zu schön, vor dem kleinen Feuerchen zu sitzen. Ich mag die Athmosphäre, die es verbreitet. Es macht nichts, dass es länger dauert. Wann immer ich koche, habe ich Zeit, will mich ausbreiten in dieser Zwischenzeit, vor oder nach der Aktivität. Das lässt sich nicht durch ein High- Tech-Gerät ersetzen.
Es gibt Wanderer, die sind zur Gewichtsoptimierung ohne Kocher unterwegs. Sie weichen ihre Mahlzeiten lange genug in Wasser ein und sind damit zufrieden. Unvorstellbar für mich. Ganz zu schweigen vom herzerwärmenden Feuerchen das gerade so gemütlich vor sich hin lodert.

Gourmet- Heiko, ein 20- Meiler, ist mir auch abhanden gekommen. Ich werde ihm vor der Post in Agua Dulce auflauern, wenn er mit seinem zu überschweren Rucksack daher gekeucht kommt. Werde warten, bis er mit seinem überflüssigen Päckli rauskommt und ihm anbieten, seine Last zu erleichtern. Vielleicht werde ich ihm einige seiner Gourmet Menüs abkaufen, wobei, wenn ich es mir so überlege, ist das eine Win- Win- Situation und die sollte man nicht mit finanziellen Überlegungen zerstören.
Ihr seht, das Essen hat nun doch an Bedeutung gewonnen. Sobald ich esse, merke ich, dass ich endlos weiterfuttern könnte.

Was für ein Tag, eben bin ich auf den Campingplatz bei Acton eingelaufen und was höre ich da: “Little Roumänä“. Morello ist ebenso begeistert wie ich, über das unverhoffte Zusammentreffen. Sie hat unsere Gruppe ebenso verloren. Sie verrät mir das Geheimnis ihrer stets roten Lippen, sie sind tätowiert. Das Geheimnis ihrer weissen Fingernägel: ständige, vermutlich obsessive Pflege. Sie hat ihre Anfangsschwierigkeiten überwunden und ist mit ihrem Wanderpartner flott unterwegs. Auf Morello ist Verlass, unsere Wege werden sich wieder kreuzen.

.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Moderne Probleme

Diesmal wird's ausnahmsweise kurz und bündig. Der Akku ist beinahe leer und die Powerbank tut nicht, wie sie sollte.
Und ich bin ca 2 Tage von der nächsten Ortschaft (Acton oder Agua Dulce) entfernt.
Bei mir läuft alles seinen gewohnten Gang. Nach einigen wettermässig unbequemen Tagen, ist es wieder milder geworden. Der Abstieg in die Wüste steht bevor. Dort dürfte es wieder einheizen. Melde mich am Wochenende wieder, das gibt Euch Gelegenheit mir ausführliche Mails zu schicken.

Montag, 15. Mai 2017

Cajon Pass- Wrightwood TM 369, 15.5.17

Der Weg vom Cajon Pass in die San Gabriel Mountains war eintönig. Er führte durch abgebrannte Flächen, wo noch kein Grün nachgewachsen war. Einzig die Yuccapflanzen leuchteten in ihrem zarten Gelb aus dem Grau-Schwarz heraus. Die Aussicht war umso eindrücklicher: auf den riesigen zurückliegenden Pass, auf die bewohnte Ebene westlich davon.

Ich traf den ganzen Nachmittag keine Menschenseele. Die meisten wollten ausgiebig Zeit im McDonald verbringen. Ich war die erste, die dort eintraf und blieb etwa zwei Stunden. Alle paar Minuten stiessen neue Leute dazu. Als ich ging, sassen da bestimmt 25 Hiker, die allesamt vom Frühstück zum Mittagessen übergegangen waren.
An der Türe traf ich Don, der leicht säuerlich wirkte. Es ist mir unbegreiflich, warum dieser bisher äusserst zuvorkommende Mann auf einmal eine solche Konkurrenzhaltung hatte aufbauen können.

Das Wetter beim Aufstieg kam mir bekannt vor:  es blies ein heftiger Wind von der Küste heran. Es schien, als ob der Wind versuchen würde, die Wolken über die westliche Bergkette ins Landesinnere zu treiben. Ein prächtiges Schauspiel, das schon am Gorgonio Pass aufgetreten war. Dort hatten es die Wolken nicht geschafft. In den San Gabriel Mountains hingegen sorgten sie für einen eigentlichen Wintereinbruch.
Ich übernachtete auf knapp 2000 m Höhe. Und ausnahmsweise hatte ich ein ziemliches Gelage. Heiko, der sich im voraus 140 Trekking- Gourmet- Mahlzeiten in 28 Packeten auf die Etappenorte hatte zuschicken lassen, mochte nicht mehr nach. (“ Du wirst der Einzige sein, der nicht abnehmen wird“, habe seine Partnerin gesagt) “Spicy chicken over peanut sauce“ hatte er mir vermacht und dazu gab es ein Bier, das wie von einem Trailangel hingelegt, brandneu am Wege lag. Ich fühlte mich gewappnet.
Gegen morgen um 4:00 begann es leicht zu schneien. Was wie ein Spuk begann, sollte den ganzen Tag anhalten. Eisheilige in Kalifornien, die kalte Sofie, die ist bestimmt schuld.

Die französische Sofie hingegen, die wir schon vermisst glaubten, traf völlig abgehetzt bei McDonald ein. ( Das ist nicht ganz chronologisch, aber der Übergang zu reizvoll, um auszulassen) Das Wandertempo scheint derzeit durch die resolute Tree bestimmt zu werden. Der Rhythmus ist für viele, die zu zweit oder in Gruppen laufen, eine ziemliche Herausforderung. Auch das Rudel hat sich nach wenigen Tagen aufgelöst; zu unterschiedlich die Vorstellungen. Viele haben konkrete Pläne, wieviel sie täglich laufen wollen: 12, 20, 25 Meilen, wissen im voraus, wo sie übernachten werden.
Ich habe lasse mich treiben, möchte mich aber was die tägliche Strecke betrifft, etwas zurücknehmen. Seit heute Montag betrete ich Neuland. Ich war noch nie länger als 3 Wochen fernwandern und habe Respekt davor, was die Beanspruchung auslösen könnte. Ich bin eingelaufen, habe keinerlei Beschwerden und ich laufe wie in Trance. “Högerli uf, Högerli ab.....“ Gleichwohl möchte ich mich nicht verausgaben, nichts überreizen.

Heute bin ich mit dem festen Entschluss, nach der Winterwanderung in Wrightwood zu übernachten, in die Ortschaft gestopt. Äusserst freundliche, hilfsbereite Menschen. Gleichwohl: nichts zu machen. Die PCT Hiker haben den Ort wetterbedingt überschwemmt. Die Betten sind besetzt oder zu teuer. Jetzt sitze ich beim Visitor Center zwar im Trockenen, aber vor geschlossener Tür. Die haben nicht mit mir gerechnet und bei dem Sauwetter vorzeitig geschlossen. Dann halt zurück auf den Trail.  Bin gespannt, wie' s weiter geht.  Vielleicht ist es einer jener Situationen, wo ich mir in ein paar Stunden die Haare raufen und mich fragen werde, warum ich die 150$ für ein Zimmer nicht hingeblättert habe. Krämerseele!?

Samstag, 13. Mai 2017

Deep Creek- Silverwood Lake- Cajon Pass TM 342, 14.5.17

Was für ein abwechslungsreicher Tag. Vorgestern Freitag folgte der Weg der Schlucht des Deep Creek flussabwärts. Nach 10 Meilen hatte der noch heisse  Quellen zu bieten.
Übernachtet haben wir beim Mojave River Damm. Google wusste, dass das Ungetüm zur Flutkontrolle des Mojave River gebaut wurde. Und unter “wir“ sind ein paar Wanderer gemeint, welche die letzten Tage immer wieder aufeinander getroffen sind. Mike, ein Südkalifornier, der seine Violine mitträgt, Sofie, eine Französin, die kaum englisch spricht und ihre chinesische Wanderpartnerin, die kein französisch, dafür englisch spricht.
Es trifft sich oft so, dass auf einer flachen Stelle, in Wassernähe, sich bis Sonnenuntergang einige Leute einfinden und ihre Zelte aufstellen.
Ich zelte mal alleine, mal mit anderen, je nach Lust und Laune, Wasserbedarf und Müdigkeit.

Schade, ich habe “meine“ Clique verloren. Irgendwie waren die ersten Wandertage besonders emotional, mit all' der anfänglichen Verwunderung und Unsicherheiten darüber, sich auf dem PCT zu befinden.

Seit Freitagabend verläuft der Weg in Zivilisationsnähe. Auf dem Silverlake, ein Stausee als Wasserreserve von Los Angeles gebaut, sausen die Motorboote über die Wasserfläche. Kurz, bevor der PCT vom See wegführt, ist eine grosse Picknickanlage. Und dorthin kann man sich Pizza liefern lassen, was ausgiebig genutzt wurde. Das war eine unglaubliche Angelegenheit: nach einer Stunde tauchte der Pizzalieferdienst auf, brachte Pizza, Mineralwasser und Eis. Das war ein Genuss. Mike hat für Sofie und Tree mitbestellt, die seltsamerweise nie aufgetaucht sind. Mike hatte Pizza zum Frühstück. Während ich schreibe, sitze ich im McDonald auf dem Cajon Pass. Wie Ihr sehen könnt, die letzten Tage bestanden aus lauter kulinarischen Höhepunkten.

Eben trifft Don, 65, mit seinem mächtigen weissen Rauschebart ein. Er fragt stets alle Grauhaarigen nach ihrem Alter. Er ist nicht der Älteste auf dem Trail, dieser Rang hat ihm Dave, 66, ein drahtiger Australier, abgelaufen. Und mich fragt er jeweils betont beiläufig, wie ich es denn geschafft hätte, ihn zu überholen. “ I jumped the freight train, Sweetie“

Wenn man sich dem Cajon Pass nähert, wird endlich sichtbar, was schon die ganze Nacht hörbar gewesen ist. Nebst intensivem Strassenverkehr fahren lange Güterzüge  langsam und ständig hupend durch die Gegend.
Von oben sieht der Cajon Pass wie umgepflügt aus. Die tektonischen Aktivitäten um die Andreas Spalte scheinen hier besonders sichtbar zu sein.

Ich will wieder los, hoch in die San Gabriel Mountains, bevor die Mittagshitze zuschlägt.

E schöne Sonntig

Mittwoch, 10. Mai 2017

Big Bear Lake- Deep Creek TM 314, 13.5.17

Seltsame Angelegenheit, ein wanderfreier Tag. Ich fühle mich wie zwischen Stuhl und Bank. Big Bear Lake ist grösser, als erwartet und hat mich zur normalen, anonymen Tourist in verwandelt. Eindeutig ein Statusverlust.
Ich befinde mich in einem Hotelzimmer mit allen Bequemlichkeiten, in einer amerikanischen Kleinstadt, mit entsprechendem  Angebot. Ein seltsamer Gegensatz zu den einfachen Umständen, in denen ich derzeit lebe. Ich habe diesen oft beschriebenen Hunger und Gier nach allem möglichen Dingen (noch?) nicht. Im Gegenteil, die paar Wandertage scheinen meine Konsumhaltung bereits verändert zu haben. Bin etwas überfordert und abgestossen. Das Phänomen ist bis jetzt bei Weitwanderungen stets aufgetreten. Es führt dazu, dass ich an Gewicht verliere. Auf einer Wanderung von 5 Monaten kann das zum Problem werden. Gleichwohl hoffe ich, dass dieser sogenannte “Hiker Hunger“, mich nicht treffen wird. Es fühlt sich um Vieles freier an,

Habe den Zoo besucht und mir diejenigen Tiere angeschaut, die mir in natura noch nicht begegnet sind. Der Grizzlybär etwa, der dem Ort den Namen gab, seit anfangs 20. Jrh. in den San Bernardino Mountains ausgerottet sind. Unterwegs sind mir einige Schlangen, Vögel, Hasen, Eichhörnchen, Echsen und ein wilder Truthahn begegnet. Corey (100 Meilen- Kaffee) hatte mir erzählt, dass der Truthahn für Amerika von grosser Bedeutung sei. Einer der früheren  Präsidenten hätte erwogen, diesen zum Nationalvogel zu erklären. Beide haben wir gekichert, bei der Vorstellung, wie der aktuelle Präsident wohl sofort nach Amtsantritt mittels Dekret einen repräsentableren Vogel in diesen Status erhoben hätte.

Kurz vor BBL eine gewisse Ernüchterung: der Trailhead befindet sich bei Tailmeile 266. Das heisst etwa ein Zehntel des gesamten Weges. Es ist unfassbar weit.

Zurück auf dem Trail verschwinden solche. Überlegungen. Ich laufe einfach, wie hat doch gestern ein Ausflügler gemeint: “ ...und täglich trägst du ein Stücken ab von dem Berg“

Es schöns Wocheändi. Mir jucken die Füsse...muss weiter.

Mission Valley, Big Bear Valley, Fotos

Montag, 8. Mai 2017

Snow Creek- San Gorgonio Wilderness 7.5.17

Am Samstagmorgen hatte ich mein Zelt bei Minustemperaturen abgebaut, nun stellte ich mein Zelt in der Wüste auf. Dazwischen lag ein langer Abstieg, der mir zusetzte. Von oben schien der San Gorgonio Pass nahe. Ich hatte die Neigung der Amis unterschätzt, ihre Wanderwege weit ausholend anzulegen. Der Abstieg zog sich über 15 Meilen hin. Geschätzt eine Meile für einen Höhenmeter. Wie immer, wenn ich etwas Unerfreuliches vor mir habe, wollte ich es möglichst schnell hinter mich bringen. Diese Strategie ging auf diese Länge nicht auf: die Fusssohlen brannten, die Stimmung war im Keller. Schliesslich fiel mir ein, dass ich noch Schockolade zur Krisenintervention bei mir hatte. Und ein paar Gedanken von Thich Nhat Than zum Thema laufen. Schweizer Schockolade und Thich Nhat Than- eine potente Mischung. Es ging mir danach erheblich besser, ich lief einfach, ankommen verlor an Bedeutung.
Unten im Tal stellte ich mein Zelt an der Wasserstelle auf, wie einige andere auch. Kurz nach Sonnenuntergang brach ein Sturm los, der bis um 4:00 dauern sollte. Das Zelt verbog sich in alle Richtungen. Ich erschrak dermassen, dass ich meine verstorbene Mutter um Hilfe anrief und sie bat, die Lüfte zu besänftigen. Das schien nicht in ihren Zuständigkeitsbereich zu gehören, das Treiben ging unvermindert weiter.  Gleichwohl wusste ich danach, dass es schon gut kommen wird. Und tatsächlich, das Zelt und ich überstanden die Nacht unbeschadet, aber leicht sandgestrahlt.
Nichts geschlafen, wegen des Windes keinen Kaffee am Morgen, Sandststapfen in endlosen Schlaufen Richtung Unterführung der Interstate 10 und der Bahn; es wollte keine Sonntagslaune aufkommen.
Nun, meine Welt ist eine einfache: gegen alle Übel gibt es nur ein Rezept: laufen.
Schlechte Laune?
LAUFEN!
Das hat seine Wirkung getan. Ein paar Stunden später sitze ich frohgemut* am Whitewater Creek, habe mich gewaschen und meine ganze Küche ausgebreitet. Auch wenn es gegen jegliche Ultra- Leicht- Regel verstösst: ich wollte unbedingt mal Bannock- Brot backen. Just in der klebrigsten Phase der Teigherstellung, tauchten zwei Hiker auf, sahen mich verwundert an, bewahrten Haltung und fragten nach der besten Stelle, um den Fluss zu überqueren.
Zur Sauberkeit unterwegs. Der Geruch und der Schmutz der Langdistanzwanderer anhaftet, wird in jedem Erlebnisbericht erwähnt. Die Mischung von Sand, Staub, Schweiss und Sonnencreme hinterlassen tatsächlich schnell ihre Spuren auf Haut und Kleidung. Ich halte es wie immer auf meinen Wanderungen: wann immer möglich wasche ich mich täglich, wo kein Wasser vorhanden ist, wird mit Feuchttüchern abgestaubt. Ich möchte verhindern, dass mein Gegenüber diskret die Fenster öffnet oder die Nase rümpft. Das würde ich sehr persönlich nehmen.
PS Hatte die letzten Tage kaum Internetverbindung und einige Probleme mit dem Tablet, deshalb kriegt Ihr einen veralteten Bericht. Hätte Euch zu gerne “ e scheene Sonntig“ gewünscht.
* Ein veralteter Ausdruck, der für mich zum Schulaufsatzrepertoire gehört, den ich ab und zu genüsslich verwende. So wie “ frisch gestärkt machten wir uns auf“ ....Je länger ich mich im fremdsprachigen Raum befinde, desto häufiger und genüsslicher verwende ich Dialektausdrücke. Pech für die, welche des Hinterländerdialektes nicht mächtig sind. Aber die werden sich ja wohl zu helfen wissen.