Donnerstag, 21. September 2017

Southbound to Harts Pass- Mazama, 22.9.17

Auf dem Weg zurück zu meinem Zelt traf ich anfänglich noch auf altbekannte Leute und nahm die Gratulationen und Umarmungen entgegen. Die grossen Gefühle wollten sich bei mir nicht einstellen. Am Nachmittag bin ich niemandem mehr begegnet, zu unfreundlich das Wetter. Ich verzog mich ins Zelt, es sollte noch schlimmer werden. Der Regen ging in Eisregen über. Am späten Abend hörte ich Pferde vorbeigehen. Ein Pferdehalter kehrte mit seinen Packpferden von einem Camp zurück, welches er für die Jäger eingerichtet hatte. Die Jagdsaison hat eben begonnen.
Der Mittwochmorgen war kalt, aber trocken. Ich packte meine Siebensachen noch einmal und machte mich auf Richtung Süden. Obwohl ich die Strecke das zweite Mal ging, schaute mit Schnee alles anders aus. Die Weite der Landschaft, der bewegte Himmel, den ich so liebe. Es war ein leichtes und beschwingtes Gehen, der bevorstehende Abschied vom Trailleben liess mich alles intensiver erleben.
Vor dem Harts Pass ging ich bergwärts zum Feuerturm auf dem Slate Peak. Mir schwebte vor, dort meine letzte Trailnacht zu verbringen. Von Nahem sieht der allerdings deutlich weniger romantisch aus, als aus der Ferne und der Zugang war verbarrikadiert. Ich kochte mir ein "Festmahl": die letzte Trailmahlzeit (Mashed Potatoes aus Idaho), die letzte Clifbar zum Dessert, einen Kaffee und einen Schluck aus dem Flachmann. Alles mit dem Beigeschmack des letzten Males auf dem Trail.
Dort oben, 30 Meilen südlich vom offiziellen Ziel, ging für mich meine PCT Wanderung zu Ende. Der Feuerturm mochte schäbig wirken, das Panorama war atemberaubend. Als ob ich mich über den Wolken und Gipfeln, über der Welt befinden würde. Ich bin den ganzen weiten Weg von Mexiko nach Kanada gelaufen; diesem maändernden, willkürlichen Band gefolgt. Habe im südkalifornischen Wüstensand begonnen und im Schneematsch den nördlichen Terminus erreicht. Der Slate Peak, dieser abgetragenen, eingeebneten Gipfel schien mir der passende, würdigere Ort, meine PCT Wanderung zu beenden.
Ich fühl(t)e mich glücklich und dankbar, der Kreis, mein Kreis hat sich geschlossen. Ich stellte das Erreichen des Zieles nie in Frage, vertraute stets darauf, dass es gut kommen wird. Und das tat es. Ich fühle mich ausserstande, nach fünf Monaten Trailleben ein Fazit zu ziehen. Da sind mehr Fragen, als Antworten. Habe ich mich verändert? Bin ich offener geworden? Hat der PCT meinen Vorstellungen entsprochen? Etc.etc.
Was ich sicher weiss, ist, dass meine Wanderung von einem guten Stern begleitet worden ist. Wann immer sich Schwierigkeiten angedeutet hatten, stand die Lösung schon bereit: ein idyllischer Zeltplatz kam des Weges, eine Aufmunterung, ein unerwarteter Ausblick oder ein Gespräch.
So viele "Zufälle", die sich auf diesen über 4000 Kilometern ergeben haben. Ich begann mich, darauf zu verlassen. Ich habe an Vertrauen in das Leben gewonnen.

PS : Die Wanderung ist zu Ende, aber die Reise noch nicht. Ich gehe ein paar Tage nach Seattle und dann nach Vancouver. Ich freue mich darauf. Nein, Sad Dog, ich werde keine Post- Trail-Depression haben.

Grenze USA/Kanada/19.9.17/TM 2650

Der "Hikerchueche" geriet nochmals in helle Aufregung. Wir waren kaum in Stehekin dem Shuttle Bus entstiegen, als uns mitgeteilt wurde, dass eine Kaltfront im Anzug und am Sonntagabend (17.9.) ein Schneesturm zu erwarten sei. Es gab unterschiedliche Reaktionen; manche verkürzten ihre Zeit in Stehekin, um in einem Kraftakt die 80 Meilen zur Grenze hinter sich zu bringen, im Internet wurde nach einem Wetterbericht, der einen besser zusagte, gesucht,  manche verlängerten ihren Aufenthalt im Dorf und andere setzten ihre Wanderung nach Norden wie geplant fort. Zu Letzteren gehörte ich. Ich genoss den Aufenthalt in
Stehekin, einem kleinen, reizvollen Nest am Lake Chelan, das nur mit Schiff oder zu Fuss erreichbar ist. Es hat ein paar Meilen Strasse und auf dieser fährt ein Shuttle Bus, der die Ausflügler und Wanderer ins Dorf fährt. Ein weiterer Ort, wo ich länger bleiben könnte, aber nicht wollte: es war an der Zeit, den PCT abzuschliessen, trotz schlechter Wetterprognose.

Wir begannen den letzten Abschnitt des PCT am Samstag. Wir, das sind Mashed Potatoes und Iron Man, ein junges Paar aus Süddeutschland. Wir haben es gut miteinander und werden den Weg an die Grenze gemeinsam gehen.
Am Sonntagnachmittag wurde es merklich kühler und es begann zu regnen. In der Nacht begann es zu schneien, ein leichter Flaum bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt verzauberte die Welt. Wobei ich sie beim Aufwachen nicht verzaubert fand, auch nicht beim Hineinschlüpfen in die gefrorenen Schuhe. Die leicht verschneite Landschaft, die braun- roten Flächen über der Baumgrenze und der bewegte Himmel, das vermochte ich erst zu würdigen, nachdem wir unterwegs und mir wieder warm war. Der Wetterumschwung ist nach der langen Trockenperiode gewöhnungsbedürftig. Ich hatte stets gewitzelt, dass in diesem wettermässig verrückten Jahr uns ein früher Wintereinbruch in Washington noch fehlte. Nun ist er da.
Am Montagabend fällt die Temperatur weiter, nachts beginnt es erneut zu schneien und in unteren Lagen schlägt der Schnee in Regen um.

Am Montag (18.9.) hat es viele Leute unterwegs. Ab Hart s Pass kamen uns immer mal wieder Leute entgegen, die an der Grenze umkehrten und via Hart s Pass zurück in die Zivilisation gehen. Kevin kommt mir entgegen. Er ist am selben Tag gestartet wie ich und wir haben uns aus den Augen verloren. Welch' Freude. GiGi ist mit ihm unterwegs, ein frühpensionierter, ehemaliger Bundeswehrangestellter, den ich in Kennedy Meadows das letzte Mal gesehen habe.
Sad Dog kommt uns mit triefenden Augen entgegen. Unsere Gratulationen perlen an ihm ab. Er ist zutiefst bekümmert über das Ende des Trails. Er werde- wie alle nach dem Trail- in eine tiefe Depression verfallen. Sein Alltagsleben sei trist, das Trailleben das Wahre.

Alle sprechen mit allen; beim Kreuzen grüsst man leger mit dem Hikergruss: man tippt sich gegenseitig mit der Faust an.

Am Dienstag, 19.9.17/11:11 komme ich beim Northern Terminus an. Eine Gruppe junger Leute applaudiert den Ankömmlingen, feiert ihre Ankunft mit allerlei Unfug. Bei mir herrscht keine Feststimmung, ich bin einfach nur froh und dankbar, dass ich die kanadische Grenze erreicht habe. Das Wetter war dermassen garstig, ich wollte nur noch ankommen.
Alles andere nachher. Nach Fotos und Gratulationen verabschiedete ich mich von Mashed Potatoes und Iron Man, kehre um und mache mich auf den Rückweg zum Hart s Pass. Ich will erst zum Ende meiner Reise nach Vancouver, deshalb habe ich mich für diese Variante entschlossen. Und vielleicht hilft das Laufen mir, meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ich bin den PCT von der mexikanischen bis zur kanadischen Grenze gelaufen. Es ist irgendwie nicht fassbar.

Freitag, 15. September 2017

Unterwegs nach Stehekin, 15.9.17/TM 2569

Alle Zeichen deuten auf das baldige Erreichen des nördlichen Terminus an der kanadischen Grenze, hin. Noch knappe 200 Meilen/ 320 km sind zu gehen. Im gebirgigen Norden Washington's sind die Temperaturen merklich zurückgegangen und die Herbstfärbung hat eingesetzt. Die Zeit des zeltlosen Draussenschlafens ist vorbei und es ist schwieriger geworden, sich morgens aus dem Schlafsack zu schälen. Ein vorzeitiger Wintereinbruch scheint durchaus möglich. Es fühlt sich richtig an, am Ziel anzukommen.Die Tage sind gezählt, der "Hikerkuchen" ist aufgeräumter, fröhlicher Stimmung, man nimmt sich mehr Zeit zum Wandern und Plaudern. Das nahe Ende lässt alles nochmals intensiver er- und aufleben.

Was für ein Prachtstag. Die Regenwolken lösten sich an Sonntagmittag auf, die Sonne brach hervor, die Luft war frisch und die Sicht glasklar: ein goldiger Herbsttag kündigte sich an. Auf dem Stevens Pass hatte sich eine Gruppe Hiker um ein Auto versammelt: Trailmagic. Von Skykomish kommend, gesellte ich mich dazu.
Lilian aus Hongkong ist da. Er ist arg zurück gefallen, nachdem er die Heidelbeeren entdeckt hat. Auf den weiblichen Trailnamen ist er stolz, seine taiwanesische Verlobte hat ihn ihm gegeben. Er geht auf ein taiwanesische Seemannslied zurück, die genau so schnulzig scheinen, wie die unseren. Lilian ist die wartende Seemannsbraut, die allen Versuchungen widersteht und unbeirrt auf ihren Liebsten wartet. Dieser besteht alle möglichen Gefahren im konkreten Falle auf dem PCT, bevor es zum Happy End kommt. Warum er nun als Seefahrer/ Wanderer Lilian heisst, kann er nicht erklären, er strahlt als Antwort glückselig vor sich hin. Marathon Man aus Südkorea hat Schmerzen am rechten Fuss und geht zur ärztlichen Abklärung nach Seattle. Die Gruppe löst sich langsam auf, ich mache mich mit Jan, 26, Schweizer auf zum 100 Meilen nördlich liegenden letzten Etappen- oder "resupply"-ort: Stehekin. Jan bin ich am ersten Tag in Hauser Creek begegnet und vor kurzem erneut auf dem Snoquolmie Pass. Ich bin gestern in seinem Windschatten die letzten 17 Meilen bis Stevens Pass gelaufen. Jan ist in gewissen Belangen das männliche Pendant zu Nonstop, er weiss immer was "z'brechte". Es war so kurzweilig, wir waren im Nu da.

Die Komplimente für meine Waden haben schlagartig aufgehört. Ich habe am rechten Oberschenkel und der Wade einen starken Hautausschlag entwickelt. Ich muss mit "poison oak" (Gifteiche) in Kontakt geraten sein. Nach den betroffenen Stellen zu urteilen, muss es beim Erledigen einer dringlichen Angelegenheit gewesen sein. Ich finde, es sieht auch beeindruckend aus.

Was für Prachtstage! Jetzt, wo die Sicht glasklar ist, wird mir erst bewusst, wie zermürbend die Rauchtage gewesen sind. Das Wetter hält die ganze Woche und beschert uns ein Finale wie man es sich schöner nicht wünschen könnte. Der Trail bewegt sich zwischen 1500 und 2500 Metern rauf und runter. In der Höhe tut sich eine Weite auf, in der man sich verlieren könnte, immer neue Bergketten tauchen am Horizont auf. In den Gebirgstäler durchlaufen wir uralte Waldbestände. Die alpine  Landschaft wirkt auf mich vertraut, sie erinnert an die Schweizer Bergwelt. Der Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass wir munter Schwyzerdütsch plaudern.

Am Dienstag bin ich zwei Wanderreitern begegnet. Bill und Joe haben über die Jahre fast den ganzen PCT gemacht. Die nächsten Meilen würden schwierig werden; sie hätten viele umgestürzte Bäume zu überwinden. Tatsächlich treffe ich sie beim nächsten Mal beim Durchsägen einer umgestürzten Tanne an, um den Weg für ihre beiden Reitpferde und das Maultier frei zuräumen. Es wartet noch viel Arbeit auf sie.

Sonntag, 10. September 2017

Waschtag in Skykomish, F

Snoquolmie Pass- Skykomish, 10.9.17/ TM 2461

"Seltsam, im Nebel zu wandern. Einsam ist jeder Busch und Stein. Kein Baum sieht den anderen, jeder ist allein". Gar so dramatisch wie von Hermann Hesse beschrieben ist der Rauchdunst nicht, aber er beschwört eine eigentümliche Stimmung herauf. Die Fernsicht war die letzten Tage deutlich eingeschränkt, die Bergketten, die ich durchwanderte, deuteten ihre Konturen hinter einem milchigen Schleier diskret an, manchmal rieselt es Asche und die Zeitwahrnehmung verändert sich. Durch die ungewohnten Lichtverhältnisse fühlt es sich ständig wie später Nachmittag an. Es hat einige Hiker zu diesem späten Zeitpunkt zum Aufgeben bewogen. Ich bin gleichwohl froh, wieder am Wandern zu sein. Ein bisschen melancholisch vielleicht, weil auf einmal alles so schnell geht und der krönende Abschluss, Washington, seine Reize verborgen hält. Hoffentlich ändert sich das noch.

Am Abend (DO) treffe ich auf vier Rettungssanitäter; sie hätten einen Notruf erhalten. Bei Rauch würden der Helikopter nicht fliegen. Sie rechnen damit, die hilfsbedürftige Person über mehrere Stunden in der Nacht hinunter tragen zu müssen. Sie hätten noch Pferde zur Unterstützung angefordert. Ziemlich aufwändige Angelegenheit.

Es herrschte reges Treiben auf dem Snoquolmie Pass, als ich am Mittwoch (6.9.) dort eintraf. Nachdem ich mit mir einig geworden bin, wie ich mit der bisher grössten Wegsperrung umgehen will, bin ich autostopend zum nächsten Etappenort gereist. Ich hatte, wie immer Glück. Das Schild " PCT Hiker to...." tat seine Wirkung. Etwa 20 Hiker (North- und Southbound) waren auf dem Pass und taten geschäftig. Die Sperrung des Trails zwischen den beiden Etappen hat einige Folgen: Transport muss organisiert werden, Proviant verpackt und ein Update bzgl. Feuerentwicklung eingeholt werden. Dazwischen wird gegessen, getrunken und getratscht. Die Hikerbox war am Überquellen, der überflüssige Proviant wurde paketweise hineingeleert. Ideale Verhältnisse für eine Schnäppchenjägerin wie mich. Ich habe mir auch für Washington keinen Proviant vorausgeschickt, das hat bis jetzt bestens geklappt. Mein Essen ist meist eine Mischung aus Einkauf und Hikerbox vor Ort. Bis jetzt bin ich gut damit gefahren, musste, mich an keine Postöffnungzeiten halten und bequem ist es alleweil. Und nebst all' dem Treiben taucht unverhofft wieder ein bekanntes Gesicht auf. Tratschen gehört mit dazu (von wegen Fifty Shades ist wieder solo). Francoise war auch da. Die Ärmste hat weiterhin an Gewicht verloren und ist nur noch Haut und Knochen. Sie meint, dass sie nach dem PCT wieder zulegen wird. Bei mir hat sich mein Wandergewicht nach der Sierra längst wieder normalisiert. Ich habe einige Kilos weniger als normal und hoffe, dass dem so bleibt. Nach dem PCT ist " Displizin" gefragt, wie meine Mutter das nennen würde.

Am Freitag kam Wind auf und es klarte auf. Es wanderte sich sogleich beschwingter durch diese rauhe, irgendwie vertraute Bergwelt. Der PCT wird von einem Tal ins andere geführt, ein ständiges auf und ab und folgt zwischendurch einem Höhenzug.
In der Nacht begann es leicht zu regnen und das sollte den ganzen Tag über so bleiben. Denkbar ungewohnt und für mich zu einem idealen Zeitpunkt: in ein paar Stunden würde ich in Skykomish sein. Falls das alte Regenzeug nicht dicht halten sollte, wäre das nicht weiter tragisch.

PS
Ja, " Shining" wurde in der Timberline Lodge gedreht.

Samstag, 9. September 2017

Snoquolmie Pass- Skykomish, 10.9.17/ TM 2461

"Seltsam, im Nebel zu wandern. Einsam ist jeder Busch und Stein. Kein Baum sieht den anderen, jeder ist allein". Gar so dramatisch wie von Hermann Hesse beschrieben ist der Rauchdunst nicht, aber er beschwört eine eigentümliche Stimmung herauf. Die Fernsicht war die letzten Tage deutlich eingeschränkt, die Bergketten, die ich durchwanderte, deuteten ihre Konturen hinter einem milchigen Schleier diskret an, manchmal rieselt es Asche und die Zeitwahrnehmung verändert sich. Durch die ungewohnten Lichtverhältnisse fühlt es sich ständig wie später Nachmittag an. Es hat einige Hiker zu diesem späten Zeitpunkt zum Aufgeben bewogen. Ich bin gleichwohl froh, wieder am Wandern zu sein. Ein bisschen melancholisch vielleicht, weil auf einmal alles so schnell geht und der krönende Abschluss, Washington, seine Reize verborgen hält. Hoffentlich ändert sich das noch.

Am Abend (DO) treffe ich auf vier Rettungssanitäter; sie hätten einen Notruf erhalten. Bei Rauch würden der Helikopter nicht fliegen. Sie rechnen damit, die hilfsbedürftige Person über mehrere Stunden in der Nacht hinunter tragen zu müssen. Sie hätten noch Pferde zur Unterstützung angefordert. Ziemlich aufwändige Angelegenheit.

Es herrschte reges Treiben auf dem Snoquolmie Pass, als ich am Mittwoch (6.9.) dort eintraf. Nachdem ich mit mir einig geworden bin, wie ich mit der bisher grössten Wegsperrung umgehen will, bin ich autostopend zum nächsten Etappenort gereist. Ich hatte, wie immer Glück. Das Schild " PCT Hiker to...." tat seine Wirkung. Etwa 20 Hiker (North- und Southbound) waren auf dem Pass und taten geschäftig. Die Sperrung des Trails zwischen den beiden Etappen hat einige Folgen: Transport muss organisiert werden, Proviant verpackt und ein Update bzgl. Feuerentwicklung eingeholt werden. Dazwischen wird gegessen, getrunken und getratscht. Die Hikerbox war am Überquellen, der überflüssige Proviant wurde paketweise hineingeleert. Ideale Verhältnisse für eine Schnäppchenjägerin wie mich. Ich habe mir auch für Washington keinen Proviant vorausgeschickt, das hat bis jetzt bestens geklappt. Mein Essen ist meist eine Mischung aus Einkauf und Hikerbox vor Ort. Bis jetzt bin ich gut damit gefahren, musste, mich an keine Postöffnungzeiten halten und bequem ist es alleweil. Und nebst all' dem Treiben taucht unverhofft wieder ein bekanntes Gesicht auf. Tratschen gehört mit dazu (von wegen Fifty Shades ist wieder solo). Francoise war auch da. Die Ärmste hat weiterhin an Gewicht verloren und ist nur noch Haut und Knochen. Sie meint, dass sie nach dem PCT wieder zulegen wird. Bei mir hat sich mein Wandergewicht nach der Sierra längst wieder normalisiert. Ich habe einige Kilos weniger als normal und hoffe, dass dem so bleibt. Nach dem PCT ist " Displizin" gefragt, wie meine Mutter das nennen würde.

Am Freitag kam Wind auf und es klarte auf. Es wanderte sich sogleich beschwingter durch diese rauhe, irgendwie vertraute Bergwelt. Der PCT wird von einem Tal ins andere geführt, ein ständiges auf und ab und folgt zwischendurch einem Höhenzug.
In der Nacht begann es leicht zu regnen und das sollte den ganzen Tag über so bleiben. Denkbar ungewohnt und für mich zu einem idealen Zeitpunkt: in ein paar Stunden würde ich in Skykomish sein. Falls das alte Regenzeug nicht dicht halten sollte, wäre das nicht weiter tragisch.

PS
Ja, " Shining" wurde in der Timberline Lodge gedreht.

Dienstag, 5. September 2017

Trout Lake- White Pass, 5.9.17/TM 2303

Was für eine Überraschung. Ich war völlig überwältigt von dem Anblick, der sich mir bot. Ich war spät dran (Heidelbeeren!), der Tag neigte sich seinem Ende zu und ich war auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit mit Wasser. Ich hörte einen Bach und folgte dem Geräusch. Nach 300 Metern stand ich auf einer Wiese, am Fuss von Mount Adams, der im Sonnenuntergang glühte. Es lässt sich nicht beschreiben, ohne kitschig zu tönen.

Was für ein Gegensatz zu gestern Abend (2.9.) Ein Trailangel, hatte uns vor Trout Lake überrascht und nebst essen und trinken einen Kinofilm angekündigt. Punkt 19.00 zeigte er auf seinem Laptop den Film "Everest". Danach habe ich mich  verzogen, ich musste nach soviel Drama noch ein paar Schritte laufen, auch wenn das hiess, mir im Dunkeln einen Schlafplatz zu suchen. Ich habe mich gleich neben dem Trail in die Büsche geschlagen, weil ich die auf der Karte eingetragene "tentsite"* nicht gefunden habe. Vielleicht hätte ich bleiben sollen, obwohl ich aus dem feucht- fröhlichen Treiben, das sich nebenher entwickelte hatte, herausgefallen war. Gear Up, der Trailangel, hatte nebst AYCE (All you can eat), auch AYCD angeboten und das zeigte langsam Wirkung.

Am nächsten Tag meldete sich das aus Oregon bestens bekannte Rauchphänomen zurück. Der Weg führte aus dem Wald hinaus Richtung Goat Rocks Wilderness. Ein spektakulärer Abschnitt, der mehrere Kilometer über einen Grat geführt wird. Ich habe weder die wilden Ziegen, noch die  anderen Berühmtheiten Washington's (Mount Rainier, Mount Helena und Mount Adams) zu sehen bekommen; der Rauch war zu dicht. Schade.
Beim Abstieg heute (5.9.) Richtung White Pass nahm die Rauchkonzentration zu. Es überraschte mich nicht weiter, dass ein weiterer Abschnitt des PCT gesperrt worden ist. Ich ahnte, dass es nun soweit war: ich habe die erste Lücke: beinahe 100 Meilen (160km). 70 Meilen wurden heute Vormittag ohne Alternative gesperrt, 25 Meilen (40km) bis zum Chinook Pass sind offiziell noch begehbar. Ich habe mir Zeit gelassen mit der Entscheidung und kam zum Schluss, dass es unsinnig ist, bei der Rauchkonzentration die 25 Meilen zu gehen, mit dem Risiko, später evakuiert werden zu müssen. Die Wetterbedingungen sprechen derzeit für eine Ausbreitung der Feuer, entsprechend war die Entwicklung in den letzten Tagen. Sie ist dramatisch.

Ich sitze ungeplant in einem Hotelzimmer in North Bend, auf dem Weg zum Snoquolmie Pass und versuche, mir über meine Gefühlslage klar zu werden. Washington galt bezüglich Waldbränden als unproblematisch, das Sperrgebiet beim White Pass wurde vor einer Woche erweitert(50 Meilen), dann zurückgestuft (23 Meilen) und heute erneut ausgedehnt (70 Meilen). Ich weiss, wie trocken es ist und dass zu allem Übel Wind die Feuer rasant ausbreitet und habe einige Wandertage im Rauchdunst verbracht. Ich habe keine andere Lösung gesehen. Ja, es " mag mi". Die Auswirkung der Feuer sind konkret, das heisst seh- und riechbar, was die Entscheidung erleichterte. Bedauern tue ich sie trotzdem, aber das werde ich laufend überwinden.

* "tentsites" sind wiederholt benutzte Flächen, ohne jegliche Infrastruktur, die auf det PCT Karte vermerkt sind. Durch die Nutzung sind sie von Unterholz gereinigt. Natürlich gibt es zusätzlich jede Menge Plätzchen, die sich zum Zelten eignen.

Samstag, 2. September 2017

Washington State, Trout Lake 2.9.17/ TM 2226

Der PCT überquert bei Cascade Locks den Columbia River über die "bridge of gods", verlässt Oregon und erreicht Washington. Der Name geht auf die indianische Urbevölkerung zurück, die  einen Erdrutsch, der ihnen als Brücke diente, so benannten. Der Name wurde bei später von Menschenhand erstellten Brücken beibehalten. Es war ein bewegender Moment, über diese Brücke dem letzten Abschnitt entgegen zu laufen. Ich lache, ich weine, ich jutze und schliesslich wird mir auch noch "trömmlig", nachdem ich es nicht lassen konnte, durch die Bodengitter in die Tiefe zu schauen.
Mal abgesehen vom Tal des Columbia River hat sich landschaftlich (noch) nichts verändert. Der Weg führt durch Wald. Die Luftfeuchtigkeit ist höher, ansonsten ist es im nassen NW dieses Jahr vor allem heiss und trocken. Ab White Pass ist der PCT waldbrandbedingt für eine Strecke gesperrt; auch da: nichts Neues.Amerika versinkt in Natur- und anderen Katastrophen.

WASHINGTON. Es fühlt sich anders an, als ob mir damit das Ziel abhanden gekommen wäre. Ich wurde oft gefragt, ob ich eine Thru Hikerin sei. Ich habe das nie bejaht, sondern dahingehend beantwortet, dass ich mir das erhoffe. Unabhängig davon, was die restliche Strecke noch passieren wird; die Gewissheit, dass ich den Thru Hike physisch und psychisch zu schaffen imstande bin, ist über 2100 Meilen gewachsen. Die verbleibende Zeit und Strecke sind eine Zugabe, die andere Themen beinhaltet: meine Auszeit geht langsam ihrem Ende entgegen, in einem Monat sitze ich im Flugzeug nach Hause. Und das ist gut so. Andere Bedürfnisse beginnen sich zu melden. Ich höre nun ab und zu Podcasts, die ich vor Monaten heruntergeladen habe, um dann darüber zu sinnieren.

Bevor ich zur letzten Etappe aufgebrochen bin, habe ich kurzentschlossen zwei Tage in Portland verbracht. "Keep Portland weird" ist der Stadtslogan und die Bewohner sind stolz darauf, anders zu ticken. Elmar holte mich in Cascade Locks ab und brachte mich trotz strenger Arbeitswoche am Dienstagabend wieder zurück. Ich fand Portland äusserst attraktiv und hätte mehr Zeit dort verbringen können, aber dann hätte ich mich wohl zu sehr vom PCT entfernt und es wäre schwieriger geworden, auf den Trail zurückzugehen.

I

Montag, 28. August 2017

Olallie Lake- Cascade Locks, 27.8.17/ TM 2144

Der PCT Oregon endet, wie er begonnen hat: Rauch beeinträchtigt die Weitsicht und ein leichter Rauchgeruch liegt in der Luft. Gestern Abend haben Kleinflugzeuge Einsätze über ein nahegelegenes Brandgebiet geflogen und Brandverzögerer abgeworfen. Das Feuer brennt seit Wochen und verhindert, dass der Eagle Creek Trail begangen werden kann. Der Trail führt hinter einem Wasserfall hindurch, den Tunnel Falls. Schade, und gleichzeitig sind die Konsequenzen, welche die Brände auf uns Hiker haben, weit weniger dramatisch als für die Bevölkerung, die Tiere und die Natur. Dabei fällt mir auf, dass ich seit Crater Lake nur Kleintieren begegnet bin; Vögel, jede Menge Hörnchen ( Erd- u. Eich-) und selten mal einem Reh, die weiter südlich so zahlreich und zutraulich wirkten. In Ashland waren die sogar in der Stadt unterwegs. Ob da ein Zusammenhang besteht?

Ab Olallie Lake hat sich wieder so etwas wie Normalität eingestellt. Es sind wieder mehr PCT Hiker anzutreffen. Ab und zu saust jemand an mir vorbei, der die Timberline Challenge versucht: 51 Meilen (82 km) an einem Tag zu laufen. Picky schafft es, er ist um 3.30 aufgebrochen und um 21.00 war er am Ziel.
Ich begegne Dorian, 26, dem Franzosen, der mich in der Wüste damit überrascht hatte, dass er den PCT laufe, um seine Pensionierung zu planen. Präzisierte dann, dass er seine Wunschliste nicht erst im Pensionsalter abzuarbeiten gedenke. Das hört sich doch recht vernünftig an. Er muss noch Oregon "machen", dann geht er nach Washington. Ebenso der südkoreanische Marathon Man. Das Trio hat sich aufgelöst. Schade, wo immer ich aufgetaucht bin, haben die Drei mich begeistert begrüsst, manchmal sogar applaudiert. Den Grund habe ich nie verstanden, man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran. Es wird Entzugserscheinungen geben.
Auf die Timberline Lodge habe ich mich sehr gefreut. Die wurde während der Depression von Arbeitslosen erbaut. Ein ästhetischer und zugleich robuster Bau. Die Lodge ist in der PCT Gemeinde sehr beliebt: sie gilt als ausgesprochen "hikerfriendly" und haben gutes Essen. Ich mache wie üblich bei Eintreffen in die Zivilisation Generalreinigung und ziehe meine Stadtkleider an. Objektiv ist wahrscheinlich kein Unterschied auszumachen, subjektiv schon. Im Restaurant treffe ich auf den Englishman und einen jungen Mann aus Hongkong, der sich strahlend schmutzig dem Lunchbuffet widmet. Ich sollte ihm die nächsten Tage wiederholt begegnen, er scheint völlig in seine Welt versunken und daran gewohnt, für sich zu sein.  Er habe den ganzen Nachmittag nochmals das Menü "durchgegessen", erzählt er mir kurz vor Cascade Locks und freut sich auf das nächste Menü. Luke ist auch da. Wir beklagen uns über die unerwarteten Blasen, die bei uns beiden beim vierten Schuhwechsel aufgetreten sind. Er vermutet sogar eine Stressfraktur an einem Fussknochen, er hinkt stark und will gleichwohl weiter laufen. Ich finde ein paar Schuhe in der Hikerbox, die mir schmerzfreies Gehen ermöglichen und hinterlasse mein viertes Paar.
Das Essen in der Timberline Lodge zelebriere ich richtiggehend. Ein weiterer Meilenstein ist erreicht und ein nächster steht unmittelbar bevor.

Mittwoch, 23. August 2017

Mount Jefferson Umleitung 24.8.17

Ich bin am späten Sonntagabend von Sisters Richtung Santiampass aufgebrochen. Eigentlich war mir relativ schnell klar, wie ich mit den Sperrgebieten umgehen will, damit ich mein Ziel, den Thru Hike nicht gefährde. Ich laufe ganz einfach die Anzahl gesperrter Trailmeilen, wenn es sein muss, auf der Strasse. Ich werde nicht die ganze Strecke​ von ca.120 km von Sisters nach Olallie Lake laufen​ (ca. 80 km sind Asphalt), sondern etwa die Hälfte davon, dann ist mein Kriterium erfüllt.

Langsam geht der Tag zu Ende, campen ist kein Problem, aber Wasser sollte ich noch nachfüllen. Also wacker auf dem Highway weitergehen. Gegenüber hält ein oranger Subaru. Er sei ein ungeübter Autofahrer und dies sein erstes Auto, erklärte mir sein Besitzer, Elmar, ein gebürtiger Stadtluzerner. Er habe deshalb eine Signalfarbe gewählt, damit er gut sichtbar sei. Eine gute Wahl bei seinem unsteten Fahrstil. Er sei unterwegs zu einem Konzert am Suttle Lake, ob ich nicht mitkommen wolle? Ich will. Als wir eintreffen, geht das Open Air Konzert dem Ende zu. Schade, die Band war gut.
Die Campingplätze um den See sind am Tag vor der Sonnenfinsternis erwartungsgemäß ausgebucht. Elmar ist  spontan und unkompliziert Reisender. Wir folgen einer Naturstrasse und schlagen unser Nachtlager auf einer kleinen Lichtung auf. Elmar ist ein interessanter Zeitgenosse, redet viel, gerne und völlig unbeeinflusst von der Tages- bzw. Nachtzeit. Er arbeitet seit 4 Jahren als Bioinformatiker in Portland, OR, nachdem er zuvor 10 Jahre in Finnland gelebt hatte. Er hat keinen klassischen akademischen Werdegang aufzuweisen und gleichwohl seinen Weg in die Forschung, seiner Leidenschaft, gefunden. Falls ich nach Portland fahren sollte, dann könne ich bei ihm unterkommen. Es war eine wunderschöne, überraschende Begegnung.
Wir verabschieden uns am Montagmorgen und ich mache mich auf Richtung Santiam Pass, halte immer mal wieder inne, um in die Sonne zu schauen. Auf einmal steht die Welt still. Überall sind Menschen und beobachten das Naturschauspiel. Es wird dunkler und kälter. Einzelne Sterne werden sichtbar und ein Eichhörnchen dreht durch und zwitschert wie am Spiess. Leiser Applaus ertönt, als die Sonne langsam wieder sichtbar wird.

Ich hatte mir fest vorgenommen, die sich wiederholenden, gleichbleibenden Fragen freundlich zu beantworten. Oft genug ist es das Vorgeplänkel für ein Gespräch, aber nicht immer. Heute, am Tag der Sonnenfinsternis war" nicht immer" und es ging an die Schmerzensgrenze. Es kamen mir aussergewöhnlich viele Leute entgegen, welche die Sonnenfinsternis mit einer Wanderung verbunden hatten. Folgender Dialog spielte sich zwischen etwa einem Dutzend Leute und mir ab.

"Are you on the PCT?"
"Yes"
"Awesome. Where did you start?"
"In Campo."
"Awesome." Variante: "Good for you."
"When did you start?"
"24. April"
"Awesome. What about the Sierras?"
"We made it through"
"Awesome." Variante: "Congratulations."
"Where are you from?"
"Switzerland"
"Awesome." Variante 1 "How wonderful" Variante 2 " Welcome to America"
"Aaaahhh....!!"

Mittlerweilen bin ich auf der Umgehung  des Jefferson Waldbrandes. Dieser führt durch das grösste Brandgebiet, das in Oregon stattgefunden hat. 36 000 Hektaren Wald brannten 2003 nieder, erst die herbstlichen Regenfälle boten dem Einhalt. Im sich verändernden Licht strahlen die gebleichten Bäume eine morbide Schönheit aus. Bei gewöhnlichem Tageslicht sieht es nüchterner aus: Abertausende von Baumleichen, soweit das Auge reicht. Nach 17 Meilen auf der Strasse erreiche Detroit OR. Leute aus Michigan haben diesen Ort gegründet. Als vor ein paar Jahren ein Bürger eine Namensänderung vorschlug, um sich von Detroit Michigan und dessen schlechten Ruf abzugrenzen, sei dieser bedroht worden. Ich habe Detroit überschätzt, da gibt es weder Waschsalon noch Bibliothek, der Ort zählt 200 Einwohner. Sogar Wifi ist selten. Die Wirtin in der urigen Töffbeiz knurrt ein Nein, als ich sie danach frage. Wahrscheinlich gehört das zu den widerkehrenden Fragen, die sie beantworten muss.

Heute Abend (23.8.) sollte ich bei Olallie Lake (TM 2043) zurück auf dem PCT sein. Die Umgehung war erreignisreich, gleichwohl habe ich "längi Zyt" nach der Originalroute und meinem Trailleben abseits der asphaltierten Strassen. Und- der letzte Staat, Washington, ruft, knappe 100 Meilen sind es bis dorthin. Auf "the bridge of God" werde ich den Columbia River überqueren und Washington erreichen.

Freitag, 18. August 2017

Sisters- Cascade Locks- Sisters, 20.8.17

Ich stand an einer unmöglichen Strassenkreuzung in Redmond und hoffte, dass jemand auf mein Kartonschild "PCT Hiker to Cascade Locks" reagieren würde. Die Sonne ging im Rauch unter, ein durchaus schöner Anblick. Ich begann, die Ausfallstrasse hinunterzulaufen und mir zu überlegen, ob ich ein Hotel suchen soll. Die Chancen wären gering, Hotels und Campingplätze seien wegen der Sonnenfinsternis seit Monaten ausgebucht. Tatsächlich sollten wir am nächsten Tag um Madras/ Warm Springs herum Feldern begegnen, welche kurzum zu Campingplätzen umfunktioniert worden sind. 300 Dollar für 5 Tage würde dafür verlangt. Ein wichtiger Termin für die Amerikaner, den man sich schon lange vorgemerkt hat. Um Mount Jefferson herum wird die Finsternis total sein. Und während ich Euch erzähle, was Ihr eh schon wisst, hält unerwarteterweise ein Auto. Dustin, ein PCT Begeisterter nimmt mich mit zum nächsten Ort, lädt mich auf ein Bier ein und fährt mich zum Smith Rock State Park, zu dem ein Campingplatz gehört. Die Felsen glühen rot, als wir dort eintreffen. Hier seien viele Szenen von "Wild" gedreht worden. Rees Witherspoon hätte jeweils im Restaurant, wo seine Frau arbeite, gegessen. Er löchert mich über Fragen über den Trail. Ich bin ganz gerührt über seine Begeisterung und darüber, wie sich alles gefügt hat.

Am Samstag geht es häppchenweise Richtung Norden. Alle Fahrer haben etwas mit dem PCT zu tun, das Schild hilft. Schliesslich nimmt mich Andri mit, ein leidenschaftlicher Mensch, der den PCT auf seiner Bucket Liste hat und zu den PCT Tagen fährt. Er ist mit seiner Familie vor 4 Jahren aus beruflichen Gründen von St. Petersburg in die USA gekommen. Er referiert über die Unterschiede zwischen den Ländern und sieht diese in der Geschichte begründet. Über die aktuelle Politik will er sich nicht unterhalten, das sei unsäglich. Vielleicht ist das besser so, wann immer er bei einem Thema Feuer fängt, gestikuliert er wild und vergisst zu steuern.

An den PCT Tagen waren weniger Hiker und Aussteller als erwartet. Immerhin traf ich Ki und Tommii. Beide zog es noch am selben Tag weiter. Robert war nicht da. Schade. Die beiden ungeduschten Brüder waren ebenso da wie Patchwork. Ihr Thru- Hike ist mittlerweilen auch ein Flickwerk.  Ich ass mit Tim, der mir mit seinem Wanderrock aufgefallen war, zu Mittag. Ihm seinerseits sind meine muskulösen Waden aufgefallen, was er oft genug erwähnt.
Er hat Rika gekannt, die Japanerin, die bei einer Flussüberquerung in der Sierra umgekommen ist. Sie sei nicht alleine gewesen, sie sei vorausgegangen und hätte sich die Furt wohl zugetraut. Für ihre beiden nachfolgenden Kollegen sei sie einfach verschwunden gewesen.
Ich wusste lange nicht, dass ich die zweite Person, die tödlich verunfallte, kannte. Tree, die quirlige Chinesin, die ich mal kurz im Blog erwähnte, wurde aus dem Kings River tot geborgen. Es tut mir für beide furchtbar leid.

Ich spreche mit Bekannten und Unbekannten und reise am Sonntagvormittag leicht melancholisch zurück. Ich hätte mich mit Einzelnen gerne länger unterhalten. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Ich weiss aus eigener Erfahrung bestens, wie sich "itchy feet" anfühlen und das Phänomen scheint unter Wanderer äusserst ausgeprägt.

Ich hatte mich eingehend über den Umgang mit feuerbedingten Sperrzonen unterhalten und habe mir eine Meinung gebildet. Kaum in Sisters, begegnete ich Rotschopf Splash, der jeden Meter des Umweges laufen will. Jetzt bin ich wieder unsicher. Ich laufe einfach mal los Richtung Santiam Pass (ich müsste zum McKenzie Pass, aber der ist gesperrt) und hoffe, dass sich mein Zwiespalt unterwegs auflöst. Praktisch wäre, wenn sich dieser aufheben würde, bevor ich mir auf dem Asphalt die Füsse wund gelaufen habe. Ich habe es nicht immer einfach mit mir, könnte es mir einfacher machen. Wer bin ich, wenn ja wieviele?

Crater Lake- Sisters 18.8.17/ TM 1981

Ich schrecke hoch, es ist bereits hell draussen, ich habe mich verschlafen. Die letzten Monate bin ich zuverlässig um 4: 30 erwacht, die Zeit, wo die Sterne langsam verblassen. Es ist kurz vor 6:00. Ich beeile mich, aus dem Schlafsack zu kommen, Kaffee zu kochen und zusammen zu räumen. Alles gleichzeitig. Bis ich zur Besinnung komme und merke, wie absurd die ganze Situation ist und überhaupt hatte ich mir doch vorgenommen mir das "Jufle" abzugewöhnen. Und nun dieser Rückfall bei Trailmeile 1859.3, in einer Situation, die so gar nicht zur Eile mahnt.
Mal abgesehen von meinem Innenleben war die Welt draussen in Ordnung. Ich hatte mein Zelt auf einem Hochplateau aufgestellt, die Sonne ging auf. Es kündigte sich ein klarer, prächtiger Tag an.

Am Vortag hatte ich Crater Lake bei ungewohnt bewölktem Himmel und kühler Temperatur, verlassen. Nachts hatte es vielerorts den ersten Frost gegeben.
Der PCT verlief grösstenteils durch Wald. Moosbehangene Märchenbäume wechselten mit einem Waldabschnitt, wo sämtliche Bäume krebskrank schienen. Sie hatten eine Unmenge Knoten. Tatsächlich scheint es eine Viruserkrankung zu sein. Die Knoten seien beliebt, um daraus Kunstwerke zu erstellen. Weiter nördlich ging es durch ein seen- und seelireiches Gebiet. In normalen Jahren dürfte hier eine Mückenplage herrschen. Nicht so heuer: der Waldboden hat vor Trockenheit Sprünge, der Trail ist furztrocken und staubig.

Für einmal hatte ich mir einen Plan zurecht gelegt. Ich würde bis FR 18.8. Abend bis zum McKenziepass laufen, um von dort via Sisters zu den PCT Tagen nach Cascade Locks an der Grenze zu Washington zu reisen. Ich hoffe, dort alte Bekannte zu sehen, ein Klassentreffen sozusagen. Und am Sonntag soll es wieder zurück nach Sisters/McKenziepass zum Trail gehen. Als Erstes bedrohten die Brände um Crater Lake meinen schönen Plan und während sich dort alles zum Guten wendete, brachen in der Sisters Wilderness weiter nördlich zwei weitere Feuer aus. Es herrscht hohe Waldbrandgefahr. Derzeit sind jegliche Feuer untersagt und nur noch regulierbare Campingkocher erlaubt, mein Holzkocherli ist zu unterst im Rucksack eingelagert. Ursache der vielen Brände sind meistens Gewitter mit einhergehenden Blitzen.

Ich habe mit zwei Deutschen, No Step und White Spot den zweiten Umweg in Angriff genommen. Der führt östlich an den Sisters Vulkanen vorbei.
Und- der Umweg ist überraschend schön; verschiedene Klimazonen treffen auf kurzer Distanz aufeinander. Da hat es Bergseen und - bäche, spärlich bewachsene Wüstenflächen, Kieferwälder und saftige Wiesen. Über allem ragt South Sister, später sollten noch Middle und North Sister auftauchen. Je weiter nördlich wir wanderten, desto näher kamen wir dem einen Feuer. Eine riesige Rauchsäule trieb meilenweit ostwärts. Wir nahmen eine Abkürzung und schafften es überraschenderweise noch am FR in die Ortschaft Sisters. Dort hörten wir, dass das Feuer sich ausgeweitet und der Highway 242 gesperrt worden ist. Der Nachteil des beständig schönem Wetters.

Von wegen Plänen: gestern hatte Sparkles auf einer Naturstrasse Trailmagic angeboten: Hot Dog, Hamburger, Süsses und Flüssiges. Sie habe es letztes Jahr bis Mount Shasta geschafft und dann wegen einer Stressfraktur aufgeben müssen. Die wichtigste Erkenntnis für sie sei gewesen, keine Erwartungen zu entwickeln. Man könne weniger kontrollieren, als man gemeinhin meine. Sie habe sich gut mit dem unplanmässigen Abbruch arrangieren können und habe keine Post- Trail- Depression gehabt. Ein aktuelles, wichtiges Thema.
Mal schauen, wie es mit den steten Änderungen weitergeht und ob mir Sparkles Gelassenheit gegeben ist, damit umzugehen. Aber vorerst geht s mal ab ins Wochenende.

Montag, 14. August 2017

Ashland- Crater Lake 13.8.17/ TM 1818

Es war ganz still am frühen Morgen. Am Abend zuvor hatte sich ein Gewitter entladen, das sich den ganzen Nachmittag aufgebaut hatte. Es schien den Wald und seine Bewohner in einen Tiefschlaf versetzt zu haben. Der Regen fühlte sich "heimelig" an, das letzte Mal hatte es in der Sierra, im Juni, geregnet. Ich war froh, dass ich nur am Rande davon betroffen war. Am nächsten Tag sollte ich über mehrere Kilometer ungeschmolzenen Hagelfeldern begegnen.

Wie es wohl Vicky ergangen ist? Sie sass wenige Kilometer vom Highway entfernt am Wegrand. Sie habe ihre Wasserflasche im Auto verloren und nichts zu trinken. Sie sei neu auf dem Trail und habe sich Oregon vorgenommen. Ich gebe ihr, was ich erübrigen kann, damit sie es zur nächsten Wasserquelle schafft. Dann erschwert sie sich ihren ersten Tag noch damit, dass sie mir zu folgen versucht. Das wird nicht gut gehen. Das ist ein Phänomen, das ich mehrfach beobachtet habe: Hiker, die auf dem Trail Besuch erhalten und eine Weile gemeinsam wandern. Man erkennt diese Wandergschpännli am leicht verzweifelten Gesichtsausdruck: die Langdistanzwanderer versuchen zu bremsen, der Besuch versucht, so schnell wie möglich zu laufen. Der Frust ist vorprogrammiert. Ich schätze unser Tempo, auf 4-5,5 km/Std. Bei Fifty Shades und seiner Begleitung dürfte die Anspannung andere Gründe haben. Er war bisher mit einer Trailfreundin unterwegs. Seit heute begleitet ihn seine "off trail"- Partnerin aus seinem normalen Leben. Es bleiben noch genug Wandertage bis Kanada, um die Sache zu klären. Vicky war heilfroh, auf eine Anfängerin zu stossen und ich hatte den Eindruck, Fifty Shades ging es ebenso. 

Das soziale Leben auf dem Trail bleibt Stückwerk. Man weiss nie, wem man wann und ob überhaupt wieder begegnet. Verstärkt wurde diese Dynamik wegen den Bedingungen in der Sierra Nevada, neu kommen die Waldbrände dazu. Dort, wo Teile des PCT gesperrt sind, umfahren einige die Sperrzone, andere umlaufen diese, auch wenn das " roadwalk" zur Folge hat, laufen auf der Strasse. Durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten treffe ich immer wieder auf neue Leute. Immerhin, es gibt Neuigkeiten von einer alten Bekannten: Morello, mit Teddybär im Schlepptau, hält sich im Norden Oregons auf. Sie hatte gesundheitliche Probleme und musste pausieren. Vielleicht gibt es ein Wiedersehen, das wäre schön.

Wie oft wurde mir empfohlen, den Süden Oregons auszulassen; da gäbe es nichts zu sehen. Ich bin anderer Meinung. Ich bin erstaunt, wie mich diese vulkanische Landschaft anspricht. Der Waldanteil hat zweifellos zugenommen, von einem grünen Tunnel zu sprechen, ist übertrieben. Der Wald ist licht, öffnet sich immer wieder und wird unterbrochen durch riesige Lavasteinfelder. Der PCT wurde aufwändig in den schwarzen Gesteinsmassen angelegt. Roter, zermalmter Lavastein wurde dazu hergebracht. Faszinierend. Mir scheint, es geht eine ungeheure Kraft von diesen Geröllhalden aus. Der Weg ist grösstenteils flach, der Rhythmus wird nur durch die vielen gefallenen Bäume und durch die Beeren unterbrochen. Letzteres hat vor Seiad Valley begonnen: dort hatte es Unmengen von Brombeeren und etwas, was "google" mit Zimthimbeere übersetzt (thimbleberry). Die Beere ähnelt optisch der Himbeere, geschmacklich erinnert sie an die nordische Moltebeere. Rote Heidelbeeren und vereinzelt blaue Himbeeren.

Ein Höhepunkt in vulkanischen Landschaften, der Craterlake, musste allerdings hart erlaufen werden. Der PCT war teilweise gesperrt und ich habe mich dazu entschlossen, den Umweg zu laufen. Das war anfänglich reizvoll:  der Weg nach Klamath Falls war topfeben, die Sonne ging auf, links und rechts riesige Rinderweiden.

Die Idylle wurde im Dorf kurzfristig getrübt, weil mich ein Ladenbesitzer rüde wegwies. Der Laden öffne erst in einer Stunde und ich würde andere zum Anhalten verleiten, was wiederum die Hotelgäste wecken würde und überhaupt sei das Privatbesitz. Dieses Verhalten ist eine Ausnahmeerscheinung und hinterliess mich perplex. Die Amerikaner sind uns ansonsten außerordentlich gut gesinnt.

Also keine Stärkung aus dem Bioladen vor dem Strassenabschnitt bis Mazama Village, Crater Lake. Ich habe bis jetzt keine Lücken auf dem Weg von der mexikanischen Grenze und hoffe, es bleibt dabei. Allerdings ist so ein "roadwalk" nichts Vergnügliches. Es ist Autopilot rein und ab durch die Mitte. Ich hatte an diesem Tag meine kleine, aber feine Trailmagic. Ein junger Mann hielt an und drückte mir Mirabellen in die Hand. Später gab mir ein Autofahrer eine Flasche Wasser. Ein weiterer munterte mich auf, du hast es beinahe geschafft.

Der Crater Lake hält, was er verspricht, er hat eine ungeheure Ausstrahlung. Er hiess früher Lake Majesty, absolut nachvollziehbar. Was für magischer Anblick, ich konnte mich nicht sattsehen. Wir hatten das Glück, dass der nahe am See geführte, westliche Klippenweg gestern wieder frei gegeben wurde. Dadurch liess sich das richtig auskosten.

Ich bin blogerisch zeitlich im Hintertreffen. Bin bereits Richtung Shelter Cove unterwegs und hoffe, Euch dort wieder auf den aktuellen Stand bringen zu können.

Sonntag, 6. August 2017

Eine Aufforderung am Wegrand, F

An der Grenze CA/OR/ F

Im Rauch/F

Wildfeuer, F

Weitsicht- Aussicht, Foto

Bill, the cowboy/F

Pancake challenge, Foto

Seiad Valley- Ashland, 6.8.17/ TM 1727

Seiad Valley in Jefferson State. Die schmucklose Fahne hängt unübersehbar vor dem General Store. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten verschiedene Gemeinden von Nordkalifornien und Südoregon versucht, einen eigenen, unabhängigen Staat zu gründen. Die Idee lebt weiter, es werde regelmässig darüber abgestimmt und ebenso regelmässig haushoch verworfen. Derzeit ist ein anderes Thema aktuell. Überall hängen Plakate:" No monument" Man wolle Seiad Valley und das Tal des Klamath Rivers unter Naturschutz stellen, was einige Einschränkungen für die 300 Bewohner von Seiad Valley hätte, was man energisch ablehnt.

Ich habe ein paar Stunden im dortigen Cafe verbracht. Kaum ein Hiker geht daran vorbei. Der Ort ist bekannt für seine Pancake Challenge. Man kriegt fünf pfundige Pancakes und hat zwei Stunden Zeit, diese zu essen. Wer das schafft, muss nicht bezahlen. Tatsächlich findet sich jemand, welcher sich dem stellt: the Englishman. Scheu, wie er ist, hatte er sich ein kleines Tischchen am Fenster ausgesucht und war mächtig gefordert, als zahlreiche Leute sich die Sache anschauten und ein Foto machten. Er gab schon beim dritten Pancake auf und war von sich enttäuscht. Sollte er nicht, kaum jemand schafft das. Und wofür das gut sein sollte, ist mir eh nicht klar.

Der Aufstieg aus dem Tal war eine schweisstreibende Angelegenheit, es ging gegen Mittag und der Hang bot wenig Schatten, grosse Flächen hatten sich noch nicht von den Wildfeuern erholt. Die Fernsicht war durch Rauch beeinträchtigt. Das hat man uns zumindest so gesagt. Kaum zu glauben, dass der Rauch eines weit entferntes Wildfeuers sich auf eine solch' riesige Fläche verteilen kann. Am nächsten Tag ist der Rauch riechbar, da zerstreuen sich meine Zweifel.

Nach einer Kurve ein abrupter Wechsel zu ganz normaler Vegetation, Bäume spenden Schatten, sogar ein kleiner See taucht auf, ein idyllisches Plätzchen, um die Nacht zu verbringen.

Nach beinahe 1700 Meilen (2700 km) eine Grenze: ich bin in Oregon. Er hätte dort einen richtigen Energieschub verspürt, hat mir ein Thru Hiker gesagt. Mal sehen. Tatsächlich bin ich schnell unterwegs. Die Sicht bleibt begrenzt, es bleibt nur das Laufen und- die Stadt ruft.

Mittlerweilen bin ich in Ashland angekommen, wo ich drei ( in Zahlen: 3) Nächte verbringen werde. Rekord. Ich gehe am Dienstag zurück auf den Trail und hoffe, dass es bis dahin besser abschätzbar sein wird, wie es weitergehen soll. In Oregon sind sich verschiedene Brände am ausbreiten, die auch den PCT betreffen. Teile des Weges um Crater Lake und Mount Jefferson sind bereits gesperrt. In der Region um Mt. Jefferson werden zur Sonnenfinsternis Tausende von Leuten erwartet, weil dort die beste Sicht sein soll. Das ist jetzt alles durch Feuer und Rauch gefährdet. Was uns PCT ler betrifft: da hoffe ich, dass sich irgend welche Alternativen herauskristallisieren werden. Ich habe mir schon mal eine Karte besorgt, um mir selber ein Bild über das Ausmass der Sperrgebiete machen zu können. Es wäre frustrierend, wenn sich diese nur umfahren liessen und damit ein Thru Hike verunmöglicht würde. Ich warte mal ab und bespreche mich mit den anderen Hiker, was die sich überlegt haben.

Einmal mehr: e schöne Sonntig

Donnerstag, 3. August 2017

Seiad Valley, 3.8.17/ TM 1653

Das ging alles viel zu schnell. Nach geschäftigen 24 Stunden in Mount Shasta stehe ich auf einer verlassenen Nebenstraße vor dem PCT Wegzeichen. Es bleibt nichts mehr zu tun, als der Wegmarkierung zu folgen. Dem und meinen guten Vorsätzen für den restlichen Weg nach Kanada.

Mount Shasta zehrt vom geheimnisumwitterten Ruf des gleichnamigen Berges. Eine der Legenden besagt, dass dieser mit der verborgenen Welt von Atlantis und Lemurien in Verbindung stehen soll. Das zieht Menschen mit entsprechenden Interessen an. Es hat überdurchschnittlich viele esoterische Angebote und im Strassenbild fallen die vielen Alt- und Junghippies auf. Die Leute sind ausgesprochen freundlich und mir scheint, dass man häufiger mit Kosewörtern angesprochen wird als anderswo. "Do you need anything else, Sweetheart?"

Fertig mit Sweetie- Honey- Dear: der Trail ruft. Immerhin habe ich noch einige feine Sachen aus dem grossartigen Bioladen von Mount Shasta mit dabei: Energieriegel von den health warriors, Granola von Lotus und Müesli von Good Vibrations.

Es herrscht eine seltsame Dynamik unter den Hikern in Nordkalifornien: einige befassen sich mit Aufhören und andere versuchen, so schnell wie möglich den Trail abzuschliessen. Letztere laufen 30 (48km) und mehr Meilen täglich.
Ich liege mit meinem Durchhänger also voll im Trend. Entgegen meinem PlanungsunwilIen habe ich mir die verbleibende Strecke und den Zeitrahmen angeschaut. Ich bin zeitlich gut dran. Es besteht kein Grund zur Eile. Wenn ich täglich 20 Meilen (32 km) laufe, bin ich Ende September in Kanada. (Das hat nicht nur mit meinem Rückflugdatum zu tun, damit lässt sich hoffentlich einem Wintereinbruch in den Northern Cascades vorbeugen.)
Diese Distanz ist bei diesem Streckenverlauf und meinem körperlichen Fitnessstand leicht zu bewältigen.
Dadurch bleibt genügend (Spiel-) Raum für anderes, was zu kurz gekommen ist. Ich werde an idyllischen Orten früher das Zelt aufschlagen, werde auch wiedermal in ein Visitorcenter gehen, um mehr über die Gegend zu erfahren, in der ich mich gerade befinde. Das beugt dem Tunnelblick vor, zu dem wir
Hiker neigen und hilft gegen Ansteckung vor dem Meilenwahnsinn.

Die äusseren Bedingungen helfen mit, um  mein Trailleben wieder ins Lot zu kriegen. Der PCT wird seit Old Station, also seit etwa 300 Meilen, immer wieder zum Höhenweg. Die abwechslungsreiche Landschaft öffnet sich zu spektakulären Weitsichten. Ich kann mich nicht sattsehen am grossen Himmel und der Weite. Da sitze ich den vor meinem Wigwam und schaue den Verfärbungen des Himmels zu. Oder gehe in einen der unzähligen Seen entlang des Weges schwimmen. Das Wetter vergesse ich stets zu erwähnen: beständige Hitzewelle zwischen 35- 40°.

Das soziale Leben auf dem Trail hat sich erneut verändert. Die Leute, welche die Sierra Nevada von Norden angehen, sind jetzt in den Bergen. Ich treffe täglich nur noch 2-3 PCT Hiker und auf Ausflügler. Das ist ganz "zfrede", die Schnellen sind schon längst in Oregon. Und wir, die Langsamen, haben Zeit. Es geschieht jetzt ab und zu ganz zwangslos, dass ich mit jemandem für ein paar Stunden oder ein paar Tage gemeinsam laufe. Ideal.  Gestern war ich mit Thomas, 34, Franzose unterwegs. Er hat eine einfache, klare Haltung: ein Thru-  Hike bedeute, sich mit den Bedingungen auseinanderzusetzen, die herrschen; seien es Flussüberquerungen oder Krisen. Deshalb hat er die Sierra regulär von Süden nach Norden durchwandert. Am Montag bin ich auf Snickers, 63 getroffen. Er gehe den Teilabschnitt das 5. Mal. Er ist ein wandelndes PCT Lexikon und spricht nur in Meilen: TM 1576 ist das und 1584 jenes. Leider muss er 30 Meilen pro Tag laufen, um rechtzeitig zum Shakespeare Festival in Ashland zu sein. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihm verbracht. Und- ich bin auf einen waschechten Cowboy gestossen, mit Waffe und alles. Einzig die moderne Sonnenbrille war ein Stilbruch. Bill war auf der Suche nach seinen Rindern.

Es hat sich alles wieder eingerenkt bei mir. So sehr, dass ich erschrocken bin, als ich kurz vor Seiad Valley realisierte, dass es nur noch 1000 Meilen sind nach Kanada.

Samstag, 22. Juli 2017

Mount Shasta, 27.7.17/TM 1498

1325 m nach Mexiko. Midpoint.
1325 m nach Kanada.
Die Angaben stehen auf einem unscheinbaren, schlichten Betonpfeiler am Wegrand. Die Hälfte also.
Mit jedem Schritt wird der Weg nach Kanada kürzer, der Weg nach Mexiko weiter. Logisch und unbegreiflich zugleich.

Kanada 1152 m Mexiko 1498 m.
Die Botschaft wird deutlicher. Ich habe zeitlich und streckenmäßig mehr als die Hälfte hinter mir. Dieser zurückliegende Meilenstein irritiert mich. Ist es "schon" oder ist es "erst" die Hälfte? Ich bin mir nicht schlüssig.

Die trockenen Wege Nordkaliforniens sind landschaftlich abwechslungsreich und anspruchslos zu gehen. Gleichwohl empfinde ich zuweilen einen gewissen Überdruss. Die Meilen ziehen sich hin, freudlos gehe ich meinen Weg. Die Strecke bis Seiad Valley und Oregon sind jene Abschnitte, wo man grosse Tagesstrecken zurücklegt; 30 und mehr Meilen. Das tue ich nicht, ich laufe 20- 25 Meilen täglich, ohne feste Planung. Gleichwohl ist die tägliche Strecke in den Mittelpunkt gerückt, hat anderes verdrängt. Da hat sich etwas schleichend verschoben. Ich habe mich heute mit Chasing Freedom und Hipbelt darüber unterhalten*. Denen geht es ähnlich, es komme ihnen so vor, als ob sie morgens einstempeln und dann ihre Meilen abspulen würden. Ein Meilenstein- und das ist der "midpoint"- fordert einen zur Zwischenbilanz auf.

Ich bin in Mount Shasta, welches seinem Ruf als Hippieort vollauf gerecht wird. Ich werde über die Bücher gehen, wie ich die kommenden zwei Monate gestalten werde. Klar, die Strecke ist lang und will gelaufen sein. Gleichzeitig gilt es sorgsam ein Auge auf das fragile Gleichgewicht zwischen Freude am Laufen und Leben draussen und den mühsameren Aspekten des Traillebens zu halten. Ich habe das dringende Bedürfnis mehr Zeit für anderes zu haben, zum lesen, mich informieren über die Gegend, die ich durchlaufe oder mehr Zeit an idyllischen Orten verbringen. Sonst geht es mir eines Tages wie Forrest Gump; auf einmal bleibe ich stehen. Die Freude ist mir abhanden gekommen und ich gehe nach Hause.

Es hat genügend Gründe gegeben, weiterzugehen: die Höhenwanderung nach Old Station über dem Hat Creek Valley. Der Blick auf den Mount Shasta. Und gestern sind wir einer Bärenfamilie begegnet. Nonstop, eine 23 jährige Amerikanerin mit einem engen Zeitplan, hat sich die letzten Tage mir angeschlossen. Sie hat Angst vor allen möglichen Viechern und v.a. alleine zu campen. Ihren Namen habe sie erhalten, weil sie eine Plaudertante sei. Wir hatten' s gut miteinander, Nonstop ist unterhaltsam, herzlich und kommunikativ, weiss über alle Bescheid, weil sie mit allen redet. Das lässt sie ständig hinter ihren Zeitplan zurückfallen, was sie ihrem unpassenden Schuhwerk zuschreibt. Dieses wiederum führt dazu, dass sie sich mehrfach täglich ohne Ankündigung, dafür mit weitherum hörbarem Seufzer auf den Trail fallen lässt, um auszuruhen.

Ich ging voran. Als ein kleiner Bär über den Trail rannte, war ich alarmiert. Vor solchen Situationen wird gewarnt, das könnte gefährlich werden. Schliesslich entdeckten wir die Bärenmutter, sie jagte ihre beiden Jungen einen Baum hoch und wandte sich, mit dem Rücken zu uns, aber uns beobachtend, ab. Wir interpretierten dies als Erlaubnis, unseren Weg fortzusetzen. Wir taten dies, stets gut sicht- und hörbar für die Bärenmutter. Nonstop winkte den Knuddelbären, die erschreckt am Baum hingen, mit Jö- Rufen zu. Wir waren begeistert.

Zurück zum Midpoint. Ich hatte mir für alle Fälle illegaler**- und passenderweise einen Schluck " moonshine" Whiskey abfüllen lassen.
Ich stosse auf die Erlebnisse der ersten Hälfte an, auf die restliche Strecke und mit dem letzten Schluck verbinde ich ein Danke. Nonstop würde noch einen dramatischen Seufzer anfügen.

* Mit den beiden sind wir (+Madame) damals über den höchsten Pass, den Forester gelaufen.

** In Kalifornien ist es den Barkeepern verboten, Alkoholika über die Gasse zu verkaufen. "Moonshine" ist ein Whiskey, welcher in Aufmachung (Blechkanister) an die Zeit der Prohibition erinnert.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Belden Foto

Chester- Old Station 20.7.17/TM 1378

Ich könnte diesen Blog frei nach Christine Thürmer: Laufen. Essen. Schlafen. Begegnen. betiteln. Das Verkehrsaufkommen auf dem Trail hat zugenommen, ich begegne täglich etwa einem Dutzend Hiker, in Ortschaften sogar mehr. Und da man auf dem Trail eine feste Identität hat, gehört man automatisch dazu. Ich werde regelmäßig auch von Ausflüglern angesprochen. Die amerikanische Leichtigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten, tun das ihre. Eine ganz andere Geschichte ist es, wenn man sich weit weg man vom Trail befindet; da sinkt das Ansehen rapide; Kleider, Rucksack und die Gesamterscheinung wollen nicht so recht in die Zivilisation passen.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und ich bin bereits an acht in Schlafsäcken eingemummelten Hikern vorbeigewandert. Aus einem Schlafsack schaut überraschenderweise eine Katze und jemand sagt, ohne die Augen zu öffnen: "How do you do?" Bei den nächsten Beiden, die mitten im Weg liegen tönts:"You are off trail". Tatsächlich, der Weg führt durch den Bach gleich daneben.

Francoise kreuzt mich auf ihrem Weg nach Süden. Wir halten ein Kafichränzli mitten im Walde ab. Als nächstes kommt Patchwork, die Polin des Weges. Welch' Freude, sie wiederzusehen. Sie war mit einer Gruppe in der Sierra. Eine lebensgefährliche Situation (eine Frau wurde bei einer Gruppenüberquerung losgelassen und konnte durch andere aus der Strömung gerettet werden) hätte sie zum schweren Schritt bewogen, die Sierradurchquerung abzubrechen und nach Norden zu reisen. In Belden traf ich auf mittlerweilen bärtige Männer, denen ich in der Wüste letztmals begegnet bin. Es seien noch Viele von uns aus der Anfangszeit auf dem Trail, aber verteilt in alle Winde. Der Purist ist da. Er ging in der Anfangszeit mich jeweils an den Dorfeingang zurück, um keinen Trailmeter auszulassen. Er lacht herzlich darüber. Mit dem Englishman esse ich Fish & Chips. Er ist scheu, meidet Menschengruppen und hat einen trockenen Humor. Er erzählt von seinem der Sierra. Der Alleingang ist nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Er hätte sich völlig verausgabt, sei ständig unter Hochspannung gewesen. Er habe sich kaum Zeit zum essen und trinken genommen. Am meisten ärgert ihn, dass er am Sonora Pass, wo eigentlich alles vorbei hätte sein sollen, ein Schneefeld hinuntergestürzt und sich die Arme aufgerissen habe. Es sei abends um 18.00 zu müde gewesen, um das Schneefeld zu umklettern. Das Thema Sierra nimmt immer noch viel Raum ein. Auch beim Dampfplauderer, ein Ultraleichtgewichtswanderer, der uns zwischendurch alle stehen lässt. Er überfällt einen richtiggehend mit seinen Fragen, nervt und ist amüsant zugleich. Er will von allen wissen, ob sie die Sierra durchwandert und falls ja, ob auf der Originalroute. Mir erzählt er, dass es für ihn mit seiner Erfahrung ein Leichtes gewesen sei. Abends höre ich, wie er zwei Frauen höchst dramatisch von seiner Sierra Erfahrung erzählt. Auf dem Weg in die Stadt überholt er mich, kommentiert, dass ihm das Stadtfieber fremd sei, wo es doch hier draussen so schön sei. DP zweigt unmittelbar scharf rechts ab, setzt sich im Schneider Sitz in ein unscheinbares Stück Wald, um sich einem intensiven Naturerlebnis hinzugeben.

Eine Meile vom Highway 36 entfernt treffe ich auf Robert, 72. Er wolle wieder ein kurzes Stück PCT laufen, bis er alles zusammengestückelt hat. Der Anfang sei hart, was ihn sichtlich frustriert. Ein unbekannter Hiker hätte ihn hierher gefahren und habe den Auftrag, sein Auto in Old Station zu hinterlassen. Vielleicht hätte er sich doch den Namen und die Telefonnummer notieren sollen.

Der PCT ist wieder ein Schönerwettertrail. Sanft geht es auf und ab. Durch lichte Nadelwaldbestände, mit wüstenähnlichen , staubigen Unterbrüchen mit Blick in die Weite. Gestern ging s durch den Lassen NP, der ganz im Zeichen von vulkanischem Geschehen. Da blubbert heisser Schlamm, ein kleiner See enthält kochend heisses Schwefelwasser, ein Geysir dampft und kleine Rinnsale heissem Wassers sind anzutreffen.
Es ist erholsam und ich geniesse es sehr, dass das Leben auf dem Trail wieder aus mehr besteht als Laufen. Essen. Schlafen.

Samstag, 15. Juli 2017

A good one

Foto von unterwegs

Nordkalifornien, Foto

Sierra City Föteli

Donnerpass- Belden 16.7./TM 1285

Der 12. Juli wurde schließlich ohne mein Zutun zum Tag des schneefreien Wanderns und die Füsse blieben den ganzen Tag trocken. Das erste Mal seit 3 Wochen. Was für ein Vergnügen; der Weg war sichtbar, sogar die PCT- Zeichen, welche wir in den Bergen vermisst hatten, tauchten wieder auf. Keine Wegsuche und kein ständiges GPS navigieren. Die Berge liegen hinter mir, der PCT bewegt sich zwischen 1500- 2300 Metern sanft auf und ab. Landschaftlich laufe ich durch Nadel- und Zedernwälder und wüstenähnlichen trockenen Abschnitten, wo es auch mal wieder klappert. Hinzu kommen die Schluchten mit vertrautem Mischwald und munteren Bächen. Die Badesaison hat nun auch für mich angefangen.
Alle Zeichen stehen auf Normalisierung.

Es gibt sie doch noch, die PCT Hiker; auf einmal trifft man wieder auf bekannte und unbekannte Leute. Es ist ein ziemliches Durcheinander: da ist die grosse Gruppe jener, die nach Ashland gereist sind und sich der Sierra Nevada von Norden nähern, da ist eine Gruppe, welche die Sierra vorerst mal ausgelassen und ab Donnerpass Richtung Kanada marschiert. Wir, die wir ohne Unterbruch durchgewandert sind, gehören- so wie es ausschaut- einer Minderheit an. Ich treffe täglich auf etwa ein Dutzend Wanderer in beiden Richtungen. Und folglich wird das Buschtelefon wieder aktiviert. Martin, mit dem ich von Kennedy Meadows losgewandert bin, hat den Trail abgebrochen und ist nach Hause geflogen ist. Ebenso eine der Australierinnen, Dropbear.
Zwei weitere Altbekannte haben mich mit Namen begrüsst, ich habe sie nicht wieder erkannt. Es seien nicht so viele Frauen in meinem Alter unterwegs, deshalb würden sie sich meiner erinnern. Die Beiden sind äusserst liebenswürdig und sympathisch, gehören aber bedauerlicherweise zur Fraktion der Wasserscheuen und erstarren vor Dreck. Was da wohl für Gedanken dahinter stehen? Je schmutziger, desto Abenteuer? Bei mir hinterlässt es jedenfalls einen ebenso nachhaltigen Eindruck wie mein Jahrgang bei ihnen.

Ich habe in Reno ein neues Handy gekauft, nachdem das Erste regelmässig meine Apps abgeschaltet und es über Wochen unbrauchbar gewesen war. Das Neue funktioniert und ich freue mich sehr darüber. Allerdings verhalte ich mich nach all' dem Pech irrational. Ich fasse das Teil nur mit Samthandschuhen an und morgens, vor dem Einschalten, wo das neue Alte mehrfach versagt hatte, bin ich meist noch etwas angespannt. Ich befreie mich sämtlicher negativer Gedanken und tätige erst dann hoffnungsfroh den Einschaltknopf. Es nützt, wie Ihr sieht. Auch das wird sich wieder normalisieren. Hoffentlich.

Seit dem Donnerpass laufe ich wieder alleine. Das ging nahtlos und fühlt sich gut und vertraut an. Es ist gut, wieder auf mich gestellt zu sein und meinem Rhythmus zu folgen.

Sorgen macht mir, dass der Blog unter soviel Normalität leiden könnte. Ich habe Gefallen daran gefunden, zu bloggen. Ich könnte mich um einen aufgeregteren Tonfall bemühen. "Nicht einfach", würde Tommii sagen. Neulich nachts beispielsweise, da wollte ein Reh hinter meine Vorräte. Ein Reh, kein Bär, den ich mit meinen neuen, spitzen Wanderstöcken in die Flucht hätte schlagen, um nachher detailreich davon erzählen zu können. Ein glubschäugiges Reh, das sich selber in die Flucht geschlagen hat, weil es an den Pfannendeckel geraten war. Einem Bären bin ich später, unterwegs, begegnet. Ich hätte ihn vielleicht sogar übersehen, hätte dieser blondierte Schwarzbär nicht wie wild die Flucht vor mir ergriffen. Ein prächtiges Bild, wie der Bär kraftvoll bergaufwärts stürmte.

Bin mittlerweilen in Belden auf 700m angelangt. Ein kleiner Ort mit einem Laden, einer Beiz und einem Fluss zum Baden. Ich liebe diese kleinen Orte, sie enthalten für mich gute, alte Wildweststimmung. Ich werde mir morgen Zeit lassen, schwimmen gehen und mich nachher dem amerikanischen Frühstück widmen, bevor ich auf der anderen Seite hochsteige, was ich heute abgestiegen bin. Ein ganz normaler Sonntag.
E scheene Sonntig

Montag, 10. Juli 2017

Echo Lake- Donner Pass, 9.7./ TM 1153

South Lake Tahoe ist ein attraktiver Ort für einen Zwischenhalt. Das Angebot ist gross, die Landschaft und der See spektakulär, die Leute sind entspannt. Und obendrauf haben wir noch das weit herum bekannte 4.-Juli Feuerwerk mitbekommen.
Wir hatten einiges zu erledigen: Bärenkanister zurückschicken, das Obligatorium ist vorbei. Ich brauchte neue Schuhe und Stöcke; beide sind sie gebrochen. Das Geflicke​ hielt bis zum zweitletzten Tag, generell hat die Ausrüstung arg gelitten.
Am DO Nachmittag, 6.7. brachen wir wieder zum Wandern auf.  Trockenen Fusses dem wildromantischen Echo Lake entlang. Am Ende des Sees breiteten wir unsere Matten aus, sog. Cowboycamping. Ich habe mein Zelt eine ganze Weile nicht mehr aufgestellt. Endlich wieder idyllische Übernachtungsstellen statt zweckmäßige.
Es ging flott los am nächsten Tag. Der schneefreie Weg gab uns ziemlichen Schub, überhaupt herrschte das Gefühl vor, dass wieder etwas Neues beginnt.
Wenige Stunden, nachdem ich festgestellt habe, dass bei meinem neuen Handy alle Apps wiederum abgeschaltet sind, habe ich eine Abzweigung verpasst und es lange nicht bemerkt. Was für ein Gefühl, zu merken, dass ich nichts dabei habe, um mich orientieren zu können. GPS ist nicht verfügbar. Gott-sei- Dank sind in dieser Gegend etliche Ausflügler anzutreffen. Zurück auf dem PCT: keine Spur von den Jungs. Nach dem steilen, schneebedeckten Abstieg vom Dick s Pass traf ich auf eine südkoreanische Sippe, die am Dick s Lake zeltete. Sie hatten bereits Besuch von drei Landsleuten, die auf dem PCT unterwegs waren. Die Begeisterung war so gross, dass sie uns gleich ein Reisgericht zu Mittag kochten.
Weiterhin kein Anzeichen meiner Wanderkollegen, die ich bei dieser Gelegenheit endlich kurz vorstellen möchte.

Robert, 29, Österreicher. Er ist ein umsichtiger, freundlicher Mann, der sich stets um eine gute Atmoshäre in der Gruppe bemüht. Ging mit seiner GPS Uhr voran und hat uns mit grossem Geschick durch die Sierra navigiert. Hat sich mit endloser Geduld meinem Tablet angenommen, ohne Erfolg.
Tommii, 25, Finne. Ist der zweite Aktivposten, immer bemüht, es allen recht zu machen. Bei heiklen Bachüberquerungen ging er furchtlos voran, um sich die Sache genauer anzusehen. Ist immer mal wieder mit gestrecktem Arm und auf sich gerichteter Kamera anzutreffen. Sein Selfieprojekt zu seiner persönlichen Erinnerung.
Ki, Südkoreaner, 37. Geübter Hiker mit minimalistischer Ausrüstung, um die er sich maximal kümmert. Nimmt eine passive Rolle ein, kann tagelang schweigen, was ihm eine Aura des undurchsichtigen Asiaten verleiht.

Alle Drei sind sie tolle Kerle. Alleine wären die letzten 200 Meilen nicht möglich gewesen. Das ist aussergewöhnlich, dass wir vier so unterschiedlichen Persönlichkeiten die Sieges Nevada miteinander durchwandern, waden, klettern und schwimmen konnten.

Technische, elektronische Probleme haben mich zu diesem Trio gebracht, technische, elektronische Probleme haben uns wiederum getrennt. Mein neues Handy hat die Angewohnheit, die Apps willkürlich auszuschalten. Ich bin in Reno, kurz vor dem 4. Gang zum Mobile Store. Ich werde mir ein neues Handy kaufen. Das ist der Grund, weshalb ich mit Antworten hinterher hinke. Ganz zu Schweigen davon, dass meine Karten und Bücher nicht verfügbar waren. Ich hoffe, die Stinklaune, die mir das verursacht, drückt nicht durch.
Gestern habe ich mich deshalb von Robert, Tommii und Ki auf dem Donnerpass vorerst verabschiedet. Wenn alles klappt, bin ich heute Nachmittag wieder auf dem Donnerpass# 40, als Solohikerin.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Sonora Pass

Wide Creek

Hochstamm über Wasser

Matterhorn Canyon

Überschwemmung

Tuolumne Meadows

Tommii u Robert u Suncups

Fotos

Mittwoch, 5. Juli 2017

South Lake Tahoe TM 1090, 5.7.2017

Schwer zu sagen, welches der vergangenen Wandertage der intensivste gewesen ist. Alle hatten sie ihre besondere Schattierung.

Am Freitagabend, den 23.6. trafen wir auf einen trockenen, sonnenbeschienenen Abschnitt des PCT. Vielleicht wird alles halb so schlimm, hofften wir, allen Warnungen und Panikmache zum Trotz.
Am nächsten Tag wurden wir am Vormittag schon erstmal gefordert. Hinter Red s Meadows führte der Minarett Creek Hochwasser. Ein schmaler Baumstamm lag über dem Wasser, der mit der Strömung mitschwang. Wir versuchten, einen weiteren Stamm anzuschwemmen, um die "Brücke" zu stärken, ohne Erfolg. Wir vermochten diesen in der Strömung nicht zu steuern. Schliesslich sprang Tommii unerschrocken ins Wasser und führte uns einzeln an der Hand, über den wackligen Baumstamm, während er bis zum Bauch im Wasser stand. Robert überlegte sich, ihn fortan zu "Braveheart" umzutaufen.
Bald war es vorbei mit der Idylle: am Nachmittag trafen wir auf Schnee und zu allem Übel setzte auch noch Regen ein. Es wurde zur kräftezehrenden Rutschpartie über die zerfurchte Schneeoberfläche. Als wir unsere Zelte aufschlugen, hatte es aufgehört zu regnen, gleichwohl verschwand jedes in seinem Zelt, ohne das übliche gemeinsame Znacht. Das gemeinsame Essen sieht so aus, dass jede/r seinen Gaskocher vor sich hat und in seinem Bärenkanister nach Essbarem kramt. Ich koche übrigens immer noch und stets gerne mit meinem Holzkocherli.

Am 25.6. kam richtig Sonntagsstimmung auf: mit Mikrospikes an den Füssen war es ein Leichtes, auf den Donahue Pass zu steigen. Das Trio hat es zur Gewohnheit gemacht, auf den Pässen, Kaffee zu kochen und eine Pause einzulegen. Runter ging es ganz leicht: Schnee hat den Vorteil, dass man "runterfahren" oder sich auf dem Hintern runterrutschen lassen kann. Im Tal war es grün, die Sonne schien wieder verlässlich, es ging flott Richtung Tuolumne Meadows. Der Ort war wegen Winterschäden geschlossen, wir waren ganz alleine. Es ist ein magischer Ort, dass wir dort auf unseren ersten Bären, zwei Kojoten und eine Unzahl von Rehen stiessen, unterstrich das nur noch. Der Bär verhielt sich wie ein Haustier: er kam aus dem Wald, steuerte auf uns zu und hielt immer mal wieder inne, um zu schnuppern. Wir hatten kurz davor etwas gegessen. Wir verjagten ihn schliesslich.

Der Wochenbeginn stand ganz im Zeichen der Bachüberquerungen: sie waren anspruchsvoll und aufregend und nie vorhersehbar. Die dritte Überquerung setzte uns allen zu. Ki und Robert waren vor mir, es wollte und wollte nicht vorwärtsgehen. Ich ging zurück ans Ufer und wartete ab. Schliesslich waren die Beiden drüben. Als ich an diesselbe Stelle im Bach gelangte, wurde mir klar, weshalb sie gestockt hatten. Die Strömung war so stark, dass jeder Millimeter vorwärts einen von den Füssen zu holen drohte. Ich versuchte es mehrfach; das Wasser stand mir bis zum Bauch, ich kam nicht vorwärts. Ich wusste, dass ich bei dieser Wasserhöhe und der Stärke der Stromschnellen nichts ausrichten konnte. Mir fehlen ein paar Zentimeter. Ki und Tommii versuchten mir mit einem Stock entgegenzukommen; "so nah und doch so fern" wie Tommii nachher meinte: jeder Versuch einer Vorwärtsbewegung gab mir das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und mitgerissen zu werden. Schliesslich lotste mich Robert etwas bachabwärts, das wäre die Ideallinie gewesen: das Wasser stand weniger tief und ich war wieder manövrierfähig. Ki fragte mich danach, ob ich je soviel konzentrierte männliche Aufmerksamkeit erhalten hätte. Ich bestätigte, dass dies ein besonderer Moment in meinem Leben gewesen ist.

Der Montag hatte es in sich. Wir gelangten zum Matterhorncanyon und suchten nach einer Furtstelle im gleichnamigen Fluss. Wir gingen sicher eine Stunde flussaufwärts, Tommii und Robert testeten erfolglos mehrere Stellen: nichts zu machen. Schliesslich suchten wir, es war mittlerweilen 19:30, flussabwärts. Tommii und Ki drängten auf eine Flussueberquerung noch am Abend und nahmen einiges Risiko auf sich, um verschiedene Stellen auszutesten. Tommii wagte zu viel: ich sehe ihn noch vor mir, wie er nahe des anderen Ufers an einem halb aus dem Wasser ragenden Baumstamm von der Strömung festgehalten wird. "Braveheart" in arger Bedrängnis; er könne sich nicht bewegen, rief er uns zu. Wir überlegten, wie wir ihm zu Hilfe eilen könnten: es war nichts zu machen. Es war schrecklich, ihm tatenlos zusehen zu müssen. Schliesslich rettete sich Tommii irgendwie zurück auf unsere Seite. Wir machten Feuer, er und sein Gepäck waren völlig durchnässt.

Am nächsten Morgen fand Robert unweit unseres Lagerplatzes einen Baumstamm. Der war zwar schmal und glitschig, mit Vorsicht und mit Mikrospikes sicher begehbar. Aber vorerst machten wir erneut Feuer; es war eine kalte Nacht gewesen und alles war steifgefroren.

Natürlich blieb auch der Dienstagabend nicht ohne Überraschung. Wir gelangten gegen Abend in ein enges Tal. Der Trail war durch ein steiles Schneefeld bedeckt, welches sich durch das ganze Tal hinab zog. Unten war ein tosender Bergbach. Wir suchten eine Stelle zum übernachten, um am morgen bei kühlerern Temperaturen und Mikrospikes den Weg sicherer weitergehen zu können.
Unser Lagerplatz war abschüssig: mit Eispickel ebneten wir eine Schlafstelle, und um die Nachtruhe nicht zu gefährden, hatte jede/r einen Baum zwischen sich und dem Hang.

MI 28.6. war ein aufregender Tag. Ein wilder Bach hielt uns lange beschäftigt. Wir suchten nach einer Querungsstelle. Nach all' den Erfahrungen waren alle vorsichtiger geworden. Ich war froh. Ich hatte eine Weile die Befürchtung, dass ich das Abenteuer gefährden könnte. Ich war die Kleinste und das schränkte mich ein, ohne dass ich etwas dagegen hätte tun können.Manchmal können ein paar Zentimeter mehr oder weniger durchaus eine Rolle spielen. Schliesslich fanden wir eine Querungsmöglichkeit: ein riesiger Baumstamm hatte sich über den Stromschnellen verkeilt. Auf dem Hosenboden rutschen wir hinüber. Auf Dreiviertelweg mussten wir auf einem Felsen umsetzen, über Gehölz steigen, um schliesslich die letzten zwei Meter durch hohes und schnelles Wasser zu waden.
Dann via Untergehölz zurück auf den PCT.
Und abends traf das ein, was ich unbedingt vermeiden wollte; schwimmend einen Fluss zu queren. Der Fluss hiess sinnigerweise Wide Creek. Flussaufwärts tobte er je länger je wilder, flussabwärts war er ruhig und breit. Nach vergeblicher Suche ergab ich mich meinem Schicksal. Therm- a- rest Matraze aufblasen, Rucksack draufschnallen und los ging s. Es ging ganz flott, meine Sachen blieben trocken, für Tommii und Ki hiess es einmal mehr: Feuer machen und alles zum trocknen auslegen.

DO 29.6. / So langsam schlich sich die Hoffnung wieder ein, dass nun das Schlimmste, aber auch das Aufregenste vorbei sein könnte. Tatsächlich waren nur die üblichen Bäche und Bächli zu durchwaden. Und: wir wanderten das erste Mal auf einem flachen Stück Schnee. Zu meiner Überraschung hat Robert den Weg direkt über den Lake Dorothy eingeschlagen. Wie immer in heiklen Situationen bat ich die höheren Mächte um Hilfe, in diesem Falle unbekannterweise die Hl. Dorothea. Die machte einen hervorragenden Job.

Am Freitag schafften wir es in Windeseile auf den Sonora Pass. Wir hatten uns Proviant bestellt, der vor Ort geliefert wird. Das war ein Vergnügen: um 10:00 fuhr Casey mit seinem umgebauten Lieferwagen vor, händigte uns unsere Päckli aus und baute einen Grill auf. Wir waren in Feststimmung und hielten uns ein paar Stunden auf dem Pass auf.
Der gefährlichste Teil lag hinter uns. In den insgesamt drei Wochen auf direktem Weg durch die Sierra Nevada hatten wir insgesamt 5 PCT Hiker angetroffen. Die diesjährigen Bedingungen haben den Trail und den sozialen Aspekt völlig verändert. Wir waren begierig darauf, bekannte Gesichter zu treffen. Beim McCab Creek, TM 956, wo ich so Mühe gehabt hatte, waren wir auf drei Amerikaner gestossen, was uns hocherfreute. Sie reagierten PCT- unüblich zurückhaltend. Wir begegnetem dem Englishman: ein mittelalterlicher Mann, Rucksack steht 20 Zentimeter von seinem Rücken ab, er hat einen schwebenden Gang. Niemand kann sich erklären, wie er alleine durch die Sierra gekommen ist und er wundert sich stets über unsere Fragen. Wir trafen auf dem Carson Pass Rockie (ehemals Scavenger) mit dem ich in Agua Dulce gefrühstückt hatte. Er war einer jener, die in drei Monaten in Kanada sein möchten. Heute lacht er über dieses Ansinnen.

Der Freitag, eine Schnittstelle auf unserer Wanderung durch die Sierra Nevada, ging nicht so pflegeleicht zu Ende, wie wir uns das vorgestellt hatten. Kurz nach dem Sonora Pass gelangten wir auf loses vulkanisches Gestein und erneut auf steile Schneefelder. Es war ein beschwerliches Gehen nach unserem Festgelage auf dem Sonorapass. Die Stimmung kippte, jede/r hatte mit sich zu tun. Das scheint sich zu wiederholen: man wiegt sich im Glauben, dass nun alles besser wird und tut sich enorm schwer damit, wenn dem nicht so ist. Es wird langsam besser, aber es sind immer noch etwa 60% Schnee, plus überschwemmter, verlegter Trail. Vielleicht ist das das Geheimnis des Englishman: der macht sich keine Vorstellungen und Hoffnungen, der geht einfach. Ich mache mir immer wieder Vorstellungen und nage dann daran, dass diese nicht eintreffen.

1.7.
Die Nervenkitzelmomente sind vorbei. Wir haben es geschafft. Es geht nur noch darum, an den nächsten Etappenort zu gelangen. Ankommen steht im Mittelpunkt, das ist eine gefährliche Haltung. Ich spüre die Müdigkeit, in meinem Kopf läuft stets die gleiche Melodie, die ich weder benennen noch abstellen kann. Ansonsten fühle ich mich leer. Kein Gedanke, kein Gefühl zum Festhalten. Mir ist etwas unheimlich, ich fürchte eine Ueberreaktion: vielleicht bleibe ich bei der nächsten Pause einfach sitzen, berufe den Tag des schneefreien Wanderns bei trockenem Fusse ein. Oder so.
Ich konzentriere mich auf meine Füsse; die gehen einfach. Passen ihren Rhythmus den Begebenheiten an. Schritt für Schritt. Ich konzentriere mich und befreie mich von diesem unberechenbaren mentalen Zustand. Ich gehe einfach.

Am Sonntag gelangen wir auf den Ebbets Pass. Ueberraschenderweise ist die Passstrasse offen. Spontan beschliessen wir, nach Markleeville zum Sonntagsbraten zu stopen. Das gelingt und die Abwechslung tut uns allen gut. Zurück auf dem Pass rennt uns ein älterer Herr nach; seit Stunden warte er auf PCT Hiker; er hätte Trailmagic bei sich. Dasselbe sollte sich auf dem Carson Pass wiederholen. Wir gelangen sozusagen überernährt nach South Lake Tahoe.